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Glaubenskrieg um die richtige Bildungspolitik: Schulreform - worüber Hamburg streitet

zuletzt aktualisiert: 18.07.2010 - 15:37

Hamburg (RPO). An diesem Sonntag stimmen die Hamburger über das zentrale Projekt des schwarz-grünen Senats ab: die Einführung der Primarschule. Ab Beginn des kommenden Schuljahrs sollen alle Kinder verpflichtend sechs Jahre gemeinsam zur Schule gehen. Die Klassen fünf und sechs werden aus dem Gymnasium ausgegliedert, die Grundschulen zu Primarschulen ausgebaut. Eltern gehen auf die Barrikaden. Der Ausgang des Volksentscheids ist völlig offen.

Die Einführung der Primarschule ist Teil einer umfassenden Reform des Hamburger Schulsystems. Es hat auch in der ganzen Bundesrepublik Signalwirkung. Vor allem die grüne Kultursenatorin Christa Goetsch hat sich dem Projekt verschrieben. Aber auch der Regierende Bürgermeister Ole von Beust (CDU), der offenbar noch an diesem Sonntag zurücktreten will, hat sich dazu bekannt und sich damit offen gegen Vorbehalte in der eigenen Partei gestellt.

Die Reform besteht aus mehreren umfassenden Neuregelungen. Sie basiert auf einem Schulgesetz, auf das sich CDU, GAL, SPD und Linke Anfang März einstimmig (sic!) in der Bürgerschaft verständigt hatten. Bereits zuvor wurden an den Hamburger Gymnasien das Abitur nach der zwölften Klasse und die Profiloberstufe eingeführt.

Ein von Pisa provozierte Reform

Die Landesregierung aus CDU und Grünen hat nach der Wahl im Jahr 2008 dem Schulsystem auch wegen schwacher Ergebnisse bei Tests wie Pisa eine grundlegende Reform verordnet. So sollen die Grundschulen in sogenannte Primarschulen umgewandelt werden und die Kinder dort statt vier dann sechs Jahre bleiben. Die freie Wahl der weiterführenden Schule wurde abgeschafft,

Zum Reformwerk gehört auch die Zusammenlegung von Haupt- und Realschulen zu Stadtteilschulen, in denen unterschiedlich leistungsstarke Schüler gemeinsam lernen. Der Frontalunterricht soll zunehmend durch Gruppenarbeit und neue pädagogische Konzepte ersetzt werden. Sitzenbleiben bei mangelnden schulischen Leistungen soll künftig nicht mehr möglich sein. Stattdessen sollen Schüler verschiedener Klassen jahrgangsübergreifend lernen. Abgestimmt wird jedoch nur über die längere Grundschulzeit und die damit verbundene Einführung der Primarschule.

Gegner reiben sich vor allem an zwei Punkten

In Hamburg geht es darum dieser Tage noch hitziger zu als im übrigen Deutschland. Vor allem zwei Punkte der Reform riefen Proteste hervor: Die Verlängerung der Grundschulzeit auf sechs Jahre und die Abschaffung der Wahlfreiheit für den Übergang zum Gymnasium. Andere Punkte wie die Zusammenführung der Haupt-, Real- und Gesamtschulen in sogenannten Stadtteilschulen oder kleinere Klassen wurden dagegen einhellig begrüßt.

Nachdem der Senat auch trotz lauter Elternproteste nicht von seinen Plänen abrückte, gründeten Väter und Mütter die Volksinitiative "Wir wollen lernen". Sie sammelten über 184.000 Unterschriften gegen die Reform und setzten damit einen Volksentscheid durch.

Die Reformgegner befürchten, dass die Einführung einer sechsjährigen Grundschulzeit das Gymnasium entwertet. Zudem gebe es keinen einzigen belastbaren wissenschaftlichen Beleg, dass längeres gemeinsames Lernen mehr Bildungsgerechtigkeit, geschweige denn besser Lernerfolge hervorbringt.

Keine Beweise für Vorteile der längeren Grundschule

Die unerwartet hohe Zahl der Unterschriften - jeder zehnte Hamburger - schockte den Senat um Bürgermeister Ole von Beust. Umgehend wurden Verhandlungen mit der Initiative aufgenommen und die Reform teilweise entschärft: Die Eltern bekamen die Wahlfreiheit für den Übergang zum Gymnasium zurück. Von den sechs Jahren Grundschulzeit wollen CDU und Grüne aber nicht abrücken. "Wir wollen lernen" knickte nicht ein, und nun kommt es zum Volksentscheid, der dann bindend ist.

Ob eine längere gemeinsame Grundschulzeit den Schülern nutzt oder nicht, ist wissenschaftlich nicht geklärt. Der Pädagoge Jürgen Baumert sagte laut "Spiegel", er kenne "keine belastbare empirische Evidenz" für die Wirkungen einer zweijährigen Verlängerung der Grundschule.

Bis zum Wochenanfang hatten 386.000 Hamburger per Briefwahl abgestimmt. Am Sonntag werden nach Einschätzung der Wahlleitung weitere rund 90.000 bis 100.000 Hamburger ihre Stimmen in den 201 Wahllokalen abgeben. Wenn mindestens 247.335 Bürger für die Volksinitiative stimmen, ist die Reform gestoppt.

Unterdessen halten die Spekulationen über Rücktrittspläne von CDU-Bürgermeister von Beust an. Mehrere Zeitungen nannten schon den Sonntag als mögliches Rücktrittsdatum. Der stellvertretende Senatssprecher Markus Kamrad sprach von Spekulationen, "an denen wir uns nicht beteiligen". Nach den Berichten ist der CDU-Politiker nach neun Jahren als Bürgermeister amtsmüde. In der Tat stürzt er sich in den letzten Tagen vor der Abstimmung nicht in den Kampf um die Mehrheit, sondern macht Urlaub auf Sylt.

Quelle: apd/ddp

 
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