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Kampf gegen EHEC-Keim: Schwere Kritik an Lebensmittel-Tests

VON EVA QUADBECK UND SEMIHA ÜNLÜ - zuletzt aktualisiert: 09.06.2011 - 07:16

Berlin (RP). Nach dem Krisengipfel hat die Bundesregierung ihre Verzehrempfehlung erneuert, auf rohe Tomaten, Gurken und Sprossen sowie auf Blattsalate zu verzichten. EU-Kommissar John Dalli befürwortete die Warnung. Doch die Regierung wird in der EU und von der Opposition weiter attackiert.

Info

Telefon-Hotline

Das Landesumweltamt bietet Informationen zu EHEC an. An Werktagen von 9 bis 17 Uhr sind Experten unter 02361 305-3055 oder 02361 305-3056 zu erreichen.

Der spanische Europaminister ist am Mittwochabend in Berlin eingetroffen und hat den Protest der Spanier gegen das EHEC-Krisenmanagement der Deutschen mitgebracht. Diego Lopez Garrido traf sich mit dem Staatsminister im Auswärtigen Amt, Werner Hoyer. Die Spanier fordern hohe Entschädigungen von den Deutschen für ihre Ausfälle beim Gemüsehandel. Der Vorwurf: Die deutsche Warnung vor spanischen Gurken sei voreilig gewesen.

Nach einem Krisengipfel in Berlin erneuerte die Regierung allerdings ihre grundsätzliche Verzehrempfehlung, rohe Tomaten, Gurken und Sprossen sowie Blattsalate von der Speisekarte zu streichen. Der für Gesundheit zuständige EU-Kommissar John Dalli, der an dem Gipfel mit Bund- und Länderministern teilnahm, zeigte Verständnis. Die europäische Kritik am deutschen Zuständigkeitswirrwarr wiederholte er nicht. Dalli sieht im Zusammenhang mit Erkrankungen am EHEC-Darmkeim keinen Grund zur Panik. "Die Gefahr ist regional begrenzt, konzentriert sich auf Norddeutschland", sagte Dalli der "Passauer Neuen Presse". "Wir sollten nicht unnötig Angst schüren."

Kritik am Krisenmanagement

Dafür formulierte die Opposition diese umso nachdrücklicher. "Dieses Treffen hat kein neues Ergebnis gebracht, keine Erklärung, keine Konsequenzen", sagte die Vorsitzende des Gesundheitsausschusses im Bundestag, Carola Reimann (SPD), unserer Redaktion. Sie sieht die Länder als Schwachstelle im Krisenmanagement. "Über das Bakterium wissen wir alles. Da hat die Wissenschaft hervorragende Arbeit geleistet. Aber wir können keine Schlussfolgerungen ziehen, weil es bei den Lebensmittelkontrollen hapert. Ich habe Zweifel, dass wirklich seit Bekanntwerden des EHEC-Ausbruchs konsequent beprobt wurde."

Zurzeit sind in Deutschland fünf Teams mit insgesamt 60 Mitarbeitern unterwegs, die EHEC-Patienten nach ihren Essgewohnheiten befragen. Dies geht aus einem internen Vermerk des Verbraucherschutz-Ausschusses hervor, der unserer Zeitung vorliegt. Auf Grundlage der Befragungen werden dann gezielt Lebensmittel geprüft. Nach einem Bericht der Bundesregierung nahmen die Kontrolleure etliche Lebensmittel ins Visier. Dazu gehören Erdbeeren, Paprika, Spargel, Käse und Wurst.

Die Wirtschaft kontrollierte ihre Ware teilweise selbst. Sie testete zusätzlich Kohlrabi, Radieschen und Rucola. Bundesweit wurden rund 5000 Proben genommen. Positiv waren bislang nur ein Gurkenrest in einer Abfalltonne in Sachsen-Anhalt, der den aggressiven Erreger aufwies, und zwei aus Spanien importierte Gurken, die allerdings einen anderen EHEC-Erreger trugen.

Kritik am deutschen Krisenmanagement kam auch aus dem Europa-Parlament: "Insgesamt braucht die Bundesregierung mehr Koordination", sagte Reinhard Bütikofer, EU-Parlamentarier der Grünen, unserer Zeitung. Deutschland habe im Kampf gegen EHEC keine "glänzende Rolle" gespielt.

Höhn attackiert Aigner

Grünen-Fraktionsvize Bärbel Höhn hat Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner (CSU) bei der Information der Bevölkerung über die Gefahr von EHEC Versäumnisse vorgeworfen. "Ich verstehe nicht, warum Aigner noch am 25. Mai gesagt hat: Niemand muss auf Gemüse verzichten. Dabei war schon seit dem 21. Mai bekannt, dass Tomaten, Gurken und Salat unter dem Verdacht stehen, dass sie die Ursache für den EHEC-Ausbruch sind", sagte Höhn unserer Redaktion. Höhn betonte: "Entweder hat Frau Aigner von dem Verdacht nicht gewusst. Dann war das Krisenmanagement schlecht, oder sie hat den Verdacht ignoriert."

Niedersachsens Landwirtschaftsminister Gert Lindemann (CDU) hält ein verstärktes Eingreifen der EU in der Krise um den gefährlichen EHEC-Erreger nicht für nötig. "Die EU war von Beginn an involviert und kann auch nicht mehr tun, als auf Ergebnisse warten", sagte Lindemann der "Bild"-Zeitung. Die Krise sei noch nicht vorbei. "Wir werden weiter und noch breiter Untersuchungen durchführen und den Informationsaustausch noch enger halten", sagte der Minister.

Lindemann: Lieber einmal zu viel warnen

Die Warnung vor dem Verzehr von Sprossen sei zudem gerechtfertigt gewesen. "Der Verdacht gegen den Erzeugerbetrieb in Bienenbüttel erhärtet sich immer mehr, auch wenn wir noch keine bakteriellen Nachweise haben", sagte Lindemann. Dies habe auch EU-Verbraucherkommissar John Dalli betont. "Wir warnen lieber einmal mehr, als einmal zu wenig." Das Krisen-Management funktioniere, dies könne "in solchen Ausnahmesituationen" nicht beschleunigt werden.

Eine zusätzliche übergeordnete Behörde könne auch nicht mehr tun, als jetzt getan würde, sagte Lindemann weiter. "Wir haben eine Task Force und die muss dort, wo es die meisten Fälle gibt, untersuchen, was wir ja tun." Es gebe keine identischen Probleme, weshalb diese Task Force je nach Lage mit Personen besetzt werden müsse, die die meiste Kompetenz für die jeweilige Krise hätten. "Da sind wir gut aufgestellt", fügte der Minister hinzu.

mit Agenturmaterial

Quelle: RP

 
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