RAF-Terror vor 30 Jahren: Sechs Wochen des Schreckens
VON JÜRGEN DIEBÄCKER - zuletzt aktualisiert: 04.09.2007 - 21:23Düsseldorf (RP). Vor 30 Jahren hielt der RAF-Terror das Land in Atem. 43 Tage im Zeitraffer: Entführung von Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer, Ermordung seiner vier Begleiter, Kidnapping des Jets „Landshut“, Befreiung der Passagiere in Mogadischu, Ermordung Schleyers, Selbsttötung in Stammheim.
1977 war „das Jahr des RAF-Terrors“: Am 7. April wurde Generalbundesanwalt Siegfried Buback in Karlsruhe erschossen; am 30. Juli erlag der sich gegen eine Entführung wehrende Dresdner Bankchef Jürgen Ponto in seinem Haus in Oberursel den Kugeln von Mordschützen; am 25. August missglückte ein Raketenwerfer-Anschlag auf die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe. Alle, die sich seit Jahren intensiv mit der „Rote Armee Fraktion“ (RAF) befassten - Politiker und BKA-Fahnder wussten damals, dass „noch mehr“ bevorstand.
Auch in unserer Zeitung war berichtet worden, dass die zweite RAF-Generation einem Drehbuch folge, das die inhaftierten Terroristen Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe in ihren Stuttgart-Stammheimer Zellen entworfen hatten und das bei ihrem Anwalt Siegfried Haag gefunden worden war. Nur mäßig verschlüsselt war darin ein Fahrplan zur Befreiung des Banden-Kerns skizziert, unter anderem eine „aktion margarine“ (in Anlehnung an „SB“, den Markennamen eines Sonnenblumen-Fetts und die Initialen Bubacks), eine „operation big money“ (Lösegeld-Beschaffung, vermutlich die Ponto-Entführung) sowie eine „aktion rache“ (offensichtlich der Anschlag auf die Bundesanwaltschaft). Was Ende August 1977 noch ausstand, war im RAF-Jargon: „big raushole“, die eigentliche Befreiungsaktion.
Ein mögliches Entführungsopfer war für das Bundeskriminalamt der Arbeitgeber-Präsident Hanns Martin Schleyer, weil die Haag-Papiere eine auf ihn bezogene Anweisung enthielten („HM auschecken“). Schleyer erhielt drei Polizisten als Personenschützer. BKA-Präsidenten Horst Herold war klar, dass ein Anschlag dicht bevorstand, denn die Inhaftierten hatten ihren Genossen draußen Druck so gemacht: „unsere geduld mit euch ist zu ende. ihr habt noch 14 tage, dann nehmen wir unser schicksal selbst in die hand.“ Doch niemand wusste, wann und wo die Terroristen zuschlagen würden.
Das geschah am späten Nachmittag des 5. September, jenem denkwürdigen, schrecklichen Tag morgen vor 30 Jahren. Nahe der Zweitwohnung Schleyers in Köln-Braunsfeld wurden sein Wagen sowie das Begleitfahrzeug durch einen zurücksetzenden Mercedes blockiert und von 119 Schüssen durchsiebt. Schleyers Fahrer Heinz Marcisz und die drei Polizeibeamten Reinhold Brändle, Roland Pieler, Helmut Ulmer starben im Kugelhagel. Die Aktion dauerte nur wenige Minuten. Die vier Mordschützen entkamen samt ihrem unverletzten Entführungsopfer. Und es begannen jene 43 Tage des so genannten „Deutschen Herbstes“, der für Schleyer zu einem Martyrium, für die Politik in Bonn zu einem Pokerspiel um Zeitgewinn - und für die Fahnder zur Blamage wurden.
Die Öffentlichkeit glaubte damals, der „Große Krisenstab“, in den Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) die Führung aller Bundestagsfraktionen eingebunden hatte, werde wählen müssen zwischen der verlangten Freilassung des elfköpfigen RAF-Bandenkerns und dem Leben Schleyers. Doch allen Verantwortlichen in Bonn war längst klar, dass sich ein „Austausch“ wie 1975 bei der Entführung des Berliner CDU-Vorsitzenden Peter Lorenz nicht wiederholen dürfe: Die sechs damals ausgeflogenen Terroristen waren nämlich bald zurückgekehrt und erneut kriminell aktiv geworden. Wir Journalisten ahnten deshalb von Anfang an, Bonn werde Schleyer „notfalls opfern“. Doch wir durften das weder schreiben noch andeuten: In langen Fernschreiben beschwor Regierungssprecher Klaus Bölling regelmäßig die Redaktionen, nichts zu veröffentlichen, was das Leben Schleyers zusätzlich gefährden könne. Bölling bestritt später, er habe eine „Nachrichtensperre“ verhängt, doch seine Informationsgebung kam dem fast gleich.
Der Krisenstab setzte auf Hinhalten, um den Fahndern mehr Zeit zur Suche nach dem „Gefängnis“ zu geben, aus dem Schleyer in erschütternden Videobotschaften und Briefen immer dringlicher „eine Entscheidung“ erbat. Sie blieb aus. Der spätere Bundesinnenminister Friedrich Zimmermann, damals für die CSU-Landesgruppe im Krisenstab, bekannte: „Es gab einen unausgesprochenen Konsens, nicht auszutauschen. Das brauchte nicht diskutiert zu werden. Jeder dachte so.“ Alle glaubten, es sei nur eine Frage der Zeit, bis Schleyer gefunden und befreit werde.
Schleyer hätte durchaus überleben können. Doch den Fahndungsapparat der Computer-Hochburg BKA erreichte der Hinweis auf das „Gefängnis“ in einer Hochhauswohnung bei Erftstadt nie: Der Tipp versandete, obwohl schon zwei Tage nach der Tat bei der örtlichen Polizei eingegangen, angeblich im Gewirr polizeilicher Zuständigkeiten. Es blieb nicht die einzige, aber die schwerwiegendste Fahndungspanne.
Das Hinhalten der Entführer endete, als am 13. Oktober der befürchtete „zweite Schlag“ der Terroristen kam: Vier Palästinenser, die neben der Freilassung der „Stammheimer“ von der Bundesregierung ein Lösegeld von 15 Millionen US-Dollar verlangten, kaperten den Lufthansa-Jet „Landshut“, entführten dessen 91 Insassen (86 Passagiere, fünf Besatzungsmitglieder), erschossen in Aden Flugkapitän Jürgen Schumann und strandeten schließlich in Mogadischu (Somalia), wo die fünf Jahre zuvor in Bonn gebildete Anti-Terror-Truppe GSG 9 in der Nacht zum 18. Oktober alle Geiseln lebend befreite.
Nach dieser „Aktion Feuerzauber“ verübten Baader, Ensslin und Raspe in ihren Zellen Selbstmord. Am nächsten Tag wurde Schleyers Leiche im Elsaß gefunden. Er war mit drei Kopfschüssen ermordet worden. Wer geschossen hat, behielten die RAF-Mitglieder stets für sich. Die RAF ersetzte ihre wegen der Mord- und Entführungsaktion gegen Schleyer verurteilten Mitglieder durch eine neue, dritte Täter-Generation. Ihr werden unter anderem die bis heute unaufgeklärten Morde an dem Vorstandssprecher der Deutschen Bank, Alfred Herrhausen (1989) und an dem Chef der Treuhand-Anstalt, Detlev Karsten Rohwedder (1991), zugeschrieben.
Jürgen Diebäcker war vor 30 Jahren Terrorismus-Experte der Rheinischen Post.
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