CSU-Klausur in Wildbad Kreuth: Seehofer-Guttenberg – Machtkampf vertagt
VON GREGOR MAYNTZ - zuletzt aktualisiert: 06.01.2011 - 16:13Wildbad Kreuth (RP). CSU-Chef Horst Seehofer will selbst bestimmen, wann es Zeit ist, seinem "Kronprinzen" Karl-Theodor zu Guttenberg zu weichen. Dabei will er sich weder von den Medien noch von Guttenberg drängen lassen. Das ist die Botschaft von Wildbad Kreuth.
Als sich Horst Seehofer und Karl-Theodor zu Guttenberg am zweiten Tag der CSU-Landesgruppen-Klausur zum gemeinsamen Frühstück zusammen setzen, da stehen Semmeln, Käse, Eier, Schinken und Marmelade zwischen ihnen, aber kein Problem. Noch glauben sie nicht miteinander über einen Machtwechsel sprechen zu müssen. "Sie hätten sich sonst unter vier Augen getroffen und nicht im großen Frühstücksraum", erklärt ein CSU-Oberer.
Natürlich haben sie beide genau registriert, welche Wellen Seehofers Bereitschaft zur Kampfkandidatur geschlagen hat. Nun sind beide wieder an geglätteten Wogen interessiert. Mit viel Phantasie war aus Seehofers Worten vom Vortag die Ankündigung einer Schlacht auf offener Bühne herauszulesen. Nachdem CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt angekündigt hatte, Seehofer werde "natürlich" im Herbst erneut für den Parteivorsitz kandidieren, war Seehofer mit der Frage konfrontiert worden, was denn passiere, wenn auch Guttenberg antrete. Dann gebe es das, was in einer Demokratie selbstverständlich sei, eine "Auswahl", hatte Seehofer gesagt.
Seehofer bereit zur Kampfkandidatur
Das war sie, die Bereitschaft, notfalls in eine Kampfkandidatur zu gehen. Beide Wörter streicht Seehofer am folgenden Tag aus seinem Sprachgebrauch. Weder "Kampfkandidatur" noch "Auswahl" will er noch einmal wiederholen. Aber die dahinter stehende Grundaussage durchaus "fünf Mal unterstreichen, wenn Sie wollen auch ein Dutzend Mal". In Guttenbergs Lager ist die damit verbundene Botschaft wohl verstanden worden: Dass Seehofer nicht durch einfaches Fingerschnipsen Guttenbergs beiseite springen werde, sondern dass dies ein Wechsel sein müsse, den Seehofer selbst zu gestalten denkt.
Im Seehofer-Lager zeigt man sich denn auch sicher, dass es niemals zu einer Kampfabstimmung zwischen Seehofer und Guttenberg kommen werde. Auf vielfaches Nachfragen betont Seehofer immer wieder, die Personaldebatte nicht durch Äußerungen "verlängern" zu wollen. Bis zum Eintritt in die Parteitagshalle in Nürnberg im Herbst werde er dazu nichts mehr sagen. Er enthält sich auch der klaren Antwort auf die Frage, ob er von Guttenberg beim Frühstück die Zusage erhalten habe, diesen Herbst noch nicht zu kandidieren. Die Partei wolle keine Personaldebatte, das sei seine "Erlebniswelt", sagte Seehofer und auch bei der Klausur in Wildbad Kreuth sein "Erlebnis" gewesen.
Von einem verblüffenden Erlebnis ganz anderer Art berichten die Abgeordneten, die am Vorabend am Kamin mit der früheren Landesbischöfin und EKD-Ratsvorsitzenden Margot Käßmann zusammen gesessen hatten. "Die Frau ist cool, die ist einfach gut drauf", sagt einer, der bislang zu den schärfsten Kritikern der streitbaren Frau gezählt hatte. Und: "Ich habe Sie völlig falsch eingeschätzt." Käßmann machte es den CSU-Politikern aber auch sehr einfach, die Gegenerschaft auf wundersame Weise in Sympathie zu verwandeln. Nach allem was ihr passiert sei, könne sie ja jetzt so gut verstehen, wie sich Politiker fühlen.
Käßmann umgarnt CSU-Granden
Was sie da alles über sich habe lesen müssen, sagte sie augenrollend. Dabei schilderte sie auch ihre Trunkenheitsfahrt, die zum Verlust von Führerschein und Spitzenämtern geführt hatte. Sie habe einfach beim Spanier das eine oder andere Glas getrunken. Berichtet worden sei dann aber, sie hätte eine Sauftour durchs Rotlichtviertel hinter sich gehabt.
Es wurde ganz ruhig im Saal als Käßmann sich Sorgen um die "Seele" der Menschen machte, die derart im Mittelpunkt der Öffentlichkeit stünden. Als sie dann ganz klar sagte, sie lehne einen Beitritt der Türkei zur Europäischen Union ab, die Aufnahme Bulgariens und Rumäniens sei ja schon zweifelhaft gewesen, da war es um die CSU-Abgeordneten geschehen. Gebannt lauschten sie, wie Käßmann den christlichen Konservativen als Gleichdenkende und Gleichfühlende erschien, die das große Unwissen über Gott und die Religion beklagte und in zündenden Formulierungen ihre Botschaft anbrachte.
"Krass, ey, warum hängt der Typ da rum", habe sie aus dem Mund von Jugendlichen beim Betreten der Kirche und Betrachten des Gekreuzigten gehört. Gastgeber Landesgruppenchef Hans-Peter Friedrich fasst das Gespräch mit "Frau Professor Doktor Käßmann" in einem Satz zusammen: Es sei ein "wunderbarer Abend" gewesen. Guttenberg jedenfalls hat Interesse an einer Fortsetzung. Er lud Käßmann erneut ein, sie nach Afghanistan zu begleiten, um sich ein eigenes Bild von der Situation zu machen. Käßmann zeigte sich nicht abgeneigt, auch wenn sie darauf hinwies, "kein Mandat" mehr zu haben.
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