G-8-Gipfel: Seifenblasen überwinden den Zaun
VON GREGOR MAYNTZ - zuletzt aktualisiert: 06.06.2007 - 17:30Hinter Bollhagen (RPO). Nicht nur die Polizei hat sich monatelang auf die Sicherheit des G-8-Gipfels in Heiligendamm vorbereiten können. Auch die Demonstranten haben sich die eine oder andere Taktik zurecht gelegt. Während am Mittwoch die Staats- und Regierungschefs einer nach dem anderen vom Flughafen Rostock-Laage mit Hubschraubern nach Heiligendamm eingeflogen werden, machen sich auch die Bewohner der drei „Widerstands-Camps“ auf den Weg.
Es geht Richtung Zaun. Zwischen 6000 und 8000 Menschen bilden nach Schätzungen der Polizei diesen Protest, sie selbst geben „rund 10.000“ an, die auf mehreren Straßen unterwegs sind.
Mehrere Blockaden der Bundes- und Landstraßen erschweren die Logistik der Sicherheitskräfte, die deshalb auch Wasserwerfer auffahren lassen. Zwischenzeitlich gelingt es den Demonstranten sogar, die Autobahn zu blockieren. Leidtragende der vielfältigen Blockadeaktionen sind auch die über 5000 Journalisten, die nicht mehr mit der historischen Mecklenburgischen Bäderbahn zum Pressezentrum in Heiligendamm kommen; diese Schienenverbindung – einziger Weg für die Medienvertreter zwischen Kühlungsborn und Heiligendamm – ist immer wieder unterbrochen.
Heizer Bert Pohl hält vorsichtshalber seine „Molli“ unter Dampf. Doch ob und wann er sie wieder in Bewegung setzen kann, weiß niemand. Fotografen, die dringend auf die andere Seite des Zauns müssen, werden per Boot nach Heiligendamm gebracht.
Derweil versuchen die Demonstranten, dem Gipfel einen Besuch abzustatten. Dabei konzentrieren sie sich nicht auf einen großen Block, sondern verteilen sich auf mehrere große Gruppen, die sich immer wieder in immer kleinere Gruppen aufteilen, wenn sie auf Straßensperren der Polizei treffen. Sie weichen in die Wiesen, Felder und Wälder aus, werfen Baumstämme auf Waldwege, so dass die Mannschaftswagen der Polizei Probleme haben, ihnen auf den Fersen zu bleiben. Einigen Hundert gelingt es auf diese Weise, bis zum Zaun vorzudringen. Die Polizei behauptet, auch davon nicht überrascht worden zu sein.
Von verschiedenen Stellen werden durchaus „kritische“ Situationen gemeldet. Wo „Demonstranten“ zu Steinen greifen oder Anstalten machen, den Zaun zu zerstören oder zu überwinden, fackelt die Polizei nicht lange, sofort von der grundsätzlichen Deeskalationsstrategie umzuschalten auf den Einsatz von Tränengas, Wasserwerfern, Schlagstöcken und Greiftrupps, die Rädelsführer dingfest machen sollen.
„Hinter Bollhagen“ - selten war der Name des kleinen Ortes zwischen Heiligendamm und Steffenshagen treffender als während dieses G-8-Gipfels. Denn hinter dem Dorf steht das Bollwerk der Polizei. Einige Dutzend Demonstranten haben sich die mit einer Schranke gesperrte Durchfahrt im Zaun zum Ziel gemacht. Sie sind verkleidet, die meisten auch als Clowns geschminkt. Sie wollen Politik mit der Pappnase machen und verlangen Zugang zum Ostseebad.
Unter der heiteren Devise „Wir wollen baden gehen!“ schlendern und tänzeln sie Richtung Heiligendamm. Über ihren Köpfen ziehen Hubschrauber mit lautem Knattern ihre Bahn. Immer wenn zwei große Transporthubschrauber schnell den Zaun überfliegen, tönt lautes Geschrei. Das ist die Begrüßung der Gipfelgegner für einen weiteren Gipfelteilnehmer.
Gegen Mittag haben sich die Clowns tatsächlich bis an den Zaun herangearbeitet. Doch jetzt ist Schluss mit „baden gehen“. Hinter dem Zaun stehen starke Einsatzkräfte bereit und vor dem Zaun sind im 20-Meter-Abstand Polizisten mit Hunden postiert. Nach einigen Minuten ist der Versuch, den Zaun mit Luftschlangen und Luftballons zu verschönern und auszutesten, ob die Aufmerksamkeit der Polizei irgendwo nachlässt, vorbei.
Die Beamten beenden die Tänze unmittelbar neben den Zaun und drängen die Gruppe etwa zehn Meter entfernt auf einem kleinen Parkplatz zusammen, bilden einen „Kessel“, der allerdings nicht sonderlich bedrohlich wirkt. Über Funk holt sich ein Polizist weitere Anweisungen: „Und was ist das denn hier? Eine Gewahrsamnahme?“ Manche Polizisten zeigen unbewegte Mienen zu den Späßen der Clowns, andere beginnen, mit ihnen zu scherzen.
Aber auch diese medienträchtige bunte Aktion scheint gut vorbereitet. Drei Rechtsberater vom „Legal Aid Team“ stehen bereit, und immer wieder wird Nachschub durch die Polizeireihen an die Clowns geliefert. Dutzende von vollen Wasserflaschen werden gegen leere getauscht, und nach einer halben Stunde stellt sich die natürliche Folge ein: „Lasst uns pinkeln, lasst uns pinkeln“, skandieren die Eingeschlossenen. Als die Polizisten zunächst nicht reagieren, bilden einige Demonstranten Sichtschutz für diejenigen, die am nötigsten müssen. Schnell sind neue Slogans gefunden: „Wir wollen auf den Busch pinkeln.“ - wobei die Schreibweise von „Busch“ durchaus fraglich ist.
Ein Frau stimmt einen neuen Schlachtruf an: „Pinkeln gegen Bush.“ Schließlich zeigt die Einsatzleitung Einsehen: Sie hat zwar die Anweisung, die Demonstranten festzusetzen, kann aber deren dringende Bedürfnisse nachvollziehen. Je zwei männliche Polizisten begleiten einen männlichen Clown, je zwei weibliche Beamte einen weiblichen Clown hinter den nächsten Busch.
Längst haben auch die Medien die Aktion in den Fokus genommen. Das Fernsehen bereitet eine Liveschaltung direkt vom Kessel in die „Tagesschau“ vor. Bereitwillig stehen die Clowns für Interviews zur Verfügung und erzählen etwa, dass es deshalb so schlecht um die Welt bestellt sei, weil nur acht Menschen über deren Schicksal entschieden und nicht alle Menschen zusammen. Andere inszenieren vor den Kameras Dialogversuche mit den Polizisten. „Habt Ihr den Bush gefangen hier hinter dem Zaun?“ Und als keine Antwort kommt: „Habt Ihr überhaupt keine Terroristen dort gefangen?“ Es kommt nicht mehr zur Schalte in die Tagesschau. Vorher erfolgt der Einsatzbefehl, die nähere Umgebung des Zauns nun endgültig zu räumen. Dazu ist Verstärkung eingetroffen. Aber Gewalt ist nicht nötig. Die Clowns folgen der freundlichen Aufforderung der Polizei, das Gelände nun zu verlassen. Einmal noch formieren sie sich zu einer militärischen Ordnung und marschieren mit „rechts-links-rechts“-Rufen scheinbar auf den Zaun zu, doch vor der Polizeikette drehen sie um – während sie den Polizisten eine lange Nase zeigen.
Wie Seifenplatzen zerplatzen auch alle Hoffnungen, dass es das mit den Zwischenfällen in Hinter Bollhagen gewesen sein könnte. Nachdem sich immer mehr Demonstranten auf den Straßen eingefunden und den Weg zum Zaundurchgang versperrt haben, entschließt sich die Polizei eine Straßenblockade nach der anderen aufzulösen. Starke Strahlen aus dem Wasserwerfer scheuchen die G-8-Gegner in die Wiesen. Und da zeigt sich, dass sie auch darauf vorbereitet sind. Flugs ziehen sie die nassen Klamotten aus und hüllen sich in hauchdünne, aber wärmende Aluminiumfolie. Auf dem Weg zurück ins Camp ertönen neue Lieder, bei denen die jungen Leute die Polizisten fest in den Blick nehmen: „Morgen seid ihr dann dran!“- RP ONLINE
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