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G-8-Gipfel: Sicherheitsbilanz: Eine Region atmet auf

VON GREGOR MAYNTZ - zuletzt aktualisiert: 08.06.2007 - 17:54

Heiligendamm (RP). Ganze fünf Zentimeter trennen zwei Welten, doch wer von der einen in die andere wechselt, glaubt Lichtjahre zurückgelegt zu haben. Es sind die fünf Zentimeter diesseits und jenseits des Sicherheitszaunes. Drinnen herrscht himmlischer Frieden, schlendern Polizisten, Diplomaten, Journalisten und ab und zu ein Heiligendammer über die Wege und Straßen, läuft eine aufwändige Gipfel-Maschine reibungslos und störungsfrei ab, schafft Gastgeberin Angela Merkel eine Wohlfühlatmosphäre, die nur George W. Bush ein wenig auf den Magen schlägt, und produziert der Gipfel am laufenden Band wichtige Nachrichten für die ganze Welt. Von irgendwelchen Protesten kriegt hier niemand etwas mit. Draußen dagegen feiern die Veranstalter der G-8-Blockade einen „grandiosen Erfolg“. Es sei gelungen, nicht nur die Zufahrten zum Tagungsort zu blockieren, sondern den Gipfel über Tage „völlig lahmzulegen“.

Die gespaltene Wahrnehmung der Wirklichkeit kann auch damit zusammen hängen, dass die beiden Seiten sich nicht sonderlich füreinander interessieren. Das Merkel-Team hat mehr als genug damit zu tun, zum Beispiel den Widerstand der Bush-Administration gegen allzu konkrete Vorgaben beim Klimaschutz zu zerbröseln. Alle Aufmerksamkeit richtet sich darauf, jedes Wort bei den offiziellen Arbeitsgesprächen umgehend zu analysieren und auszutesten, wie weit man in der Schlusserklärung gehen kann. Draußen vor dem Zaun werden am Freitagmorgen die Demonstranten nur langsam munter, die nun die zweite Nacht hindurch vor dem Zaun verbracht haben und sich nun auf den Weg machen zur Abschlusskundgebung im nahen Bad Doberan. Was der Gipfel erreicht hat, interessiert sie überhaupt nicht: „Da kann doch sowieso nichts bei rum kommen“, sagt eine etwas durchnächtigt wirkende Gipfel-Gegnerin.

Eine kleine Klammer bilden die „J8“, die „Junior-8“ - 16-jährige Schüler aus allen G-8-Staaten, die dieselben Themen wie die Staats- und Regierungschefs auf einem J-8-Gipfel diskutieren und im Gegensatz zu den G8 keine Probleme haben, sich beim Klimaschutz auf große und schnelle Schritte zu einigen. Sie glauben nach ihrer Gesprächsrunde mit den G8, dass der Wille der Jugend von den Großen der Welt zumindest aufmerksam zur Kenntnis genommen worden ist. Dann gibt es noch den alternativen Gipfel mit über 120 workshops, der die Probleme der Welt und deren Lösungsmöglichkeiten vorwiegend aus linker Perspektive parallel zum Gipfel untersucht hat. Und die P8, die poor-8, also die acht armen Staaten der Welt, deren Schicksal, Hoffnungen und Perspektiven ein Konzert mit Grönemeyer, Bono, den Toten Hosen und weiteren Bands vor über 70.000 Menschen eine laut vernehmliche Stimme gegeben hat.

G8, J8, P8 und Block-8 - genügend Szenen, genügend Bilder, genügend Aktivitäten also, um das Ereignis „Heiligendamm 2007“ als Zentrum des engagierten Ringens um eine bessere Welt darstellen zu können. Doch was im Kopf an Bildern bleibt, wird weniger der überdimensionierte Strandkorb für alle acht Mächtigen dieser Welt sein, sondern mehr der Block der zweitausend Chaoten, die zum Auftakt in Rostock eine Gewalteskalation nie gekannten Ausmaßes mit rund tausend Verletzten anzettelten. Sonntag jubelten sie noch, dass die Zeitungen voll waren von ihren Bildern. Doch schon am Montag merkten die Autonomen, dass sie mit diesem „Erfolg“ den Bogen im linken Demonstrations-Spektrum endgültig überspannt haben. „Wir wollen Euch nicht mehr sehen“, war die eindeutige Botschaft.

In den drei Camps der Gipfelgegner, vor allem im Widerstandscamp von Reddelich, durften die Autonomen zwar weiter unter den anderen linken Aktivisten übernachten. Aber mit ihrer gewohnten Randale-Bewegung war es am Dienstag bereits vorbei. Es war nichts mehr mit Annähern im Schutz der Massen, schnell Vermummen, Steine schmeißen und wieder Eintauchen in den Schutz der Massen. Jeden Tag hörten die Autonomen: Wir wollen das nicht. Wenn die generalstabsmäßig vorbereiteten Blockade-Aktionen sämtliche Geländevorteile ausnutzten, um die Polizeisperren zu umgehen und immer näher an den Zaun zu kommen, wurden die Autonomen immer wieder geschnitten. An zu überwindenden Gräben war zu beobachten, wie die Helfer nur dem bunten Protest die Hände ausstreckten, beim Herannahen der Autonomen dagegen demonstrativ die Hände in die Tasche steckten.

Aber auch ohne Autonomen-Krawall bekam der Protest viele, viele Bilder. Die spektakulärsten lieferte der Profi-Protest von Greenpeace und Attac. Das Eindringen von drei Booten in die Sperrzone spielte sich direkt vor den Augen und Objektiven der Weltpresse ab. Die Sicherheitskräfte zeigten sich gewappnet und hatten die Boote in weniger als drei Minuten gestoppt – teilweise, indem sie die Demonstranten-Boote einfach überfuhren. Auch zu Luft machte der Protest mit einem großen Ballon am Freitag von sich reden. Und auch hier dauerte es nur Minuten, bis Polizeihubschrauber die vorzeitige Landung erzwangen.

War das Eindringen in die Sperrzonen zu Wasser und in der Luft nur von kurzer Dauer, so gelang das Vorrücken zu Land deutlich nachhaltiger. Auch das ist perfekt geplant. Wie die Einsatzhundertschaften der Polizei per Funk dirigiert werden, agieren die Demonstranten auf Zuruf. Sie umgehen bestimmte Kontrollposten, lassen sich an bestimmten Stellen auf den Straßen nieder, verschwinden plötzlich in Wäldern und kommen dann mit Baumstämmen und Ästen wieder heraus, um Barrikaden gleich im halben Dutzend zu bauen. Eine Gruppe zieht sich vor den Fotografen nackt aus und weiß, dass die auf Brüste und Bäuche gemalten Slogans die beste Gewähr auf weltweite Verbreitung ihrer Botschaften bieten. Zentrale Informationen über die Geschehnisse gibt es etwa am „infopoint out of control“.

Die Demonstranten können sich auf funktionierende Versorgung verlassen. „Legal aid teams“ stehen als Rechtsbeistände bei Festnahmen sofort zur Verfügung, Wasser kommt kästenweise zu eingekesselten Gruppen, warme Suppe und Tee zu den nächtlichen Straßenblockaden, und kaum hat die Polizei einen ihrer Wasserwerfer eingesetzt, ziehen die Demonstranten die nassen Klamotten aus und hüllen sich in wärmende Goldfolie. Das klappt zum Teil besser als auf der anderen Seite. Polizisten beschweren sich intern darüber, zwölf, vierzehn, sechzehn Stunden nichts zu essen bekommen zu haben. Und einige stimmen nach stundenlangem Stehen in der prallen Sonne in dicker Montur mit sarkastischen Liedern an: „Sag mir quando, sag mir wann?“

Der Protest nimmt immer wieder Happening-Charakter an. Clowns umtänzeln die Polizisten und balancieren auf einer schmalen Schneide zwischen Lächerlichmachen der Beamten und gezielter Provokation. „Ich mach Dich weg“, sagt ein weiblicher Clown und will mit einem Radiergummi einen Polizisten berubbeln. Der schubst die junge Frau von sich. Sofort skandieren Hunderte von Demonstranten „Keine Gewalt! Keine Gewalt“. Auf der anderen Seite sind die Reaktionen der Polizei nicht immer flexibel. Offensichtlich gibt es den Einsatzbefehl, die Wasserwerfer sprechen zu lassen, sobald die Polizisten mit Flaschen beworfen werden. Bei gefährlichen Glasflaschen leuchtet das ein – aber ist das die richtige Antwort, wenn ein halbes Dutzend leerer Plastikflaschen in die Polizeireihen fliegt?

Die Video-Teams der Polizei dürften Hunderte Stunden Anschauungsmaterial gewonnen haben. Und sie wird anhand der Filme viel nachzuarbeiten haben: Wie sinnvoll ist eine Deeskalationsstrategie und wann kann sie gelingen? Die beiden Hauptkontrahenten jedenfalls sind beide zufrieden. Die einen haben es geschafft, den Heiligendamm-Zugang-Ost Tag und Nacht zu blockieren, die anderen, jeden Zaun-Übertritt zu verhindern und den Heiligendamm-Zugang-West immer wieder frei geräumt zu bekommen. Konnte die Molli-Bahn wegen Blockade die Journalisten nicht zwischen Presse- und Briefingzentrum befördern, setzte die Bundesmarine Boote zum Transport ein. Und wenn es drängte, wurden Fotografen per Hubschrauber eingeflogen. Das klappte am zweiten Tag schon deutlich besser als am zweiten und am dritten geradezu eingespielt.

Die Politiker haben von all dem nichts mitbekommen, sich die Proteste nur vom Helikopter beim Überfliegen ansehen können. Und die Bevölkerung? Die fragt nach dem Sinn. „Warum macht ihr das?“, fragt ein Bad Doberaner einen Demonstranten bei einer Blockade. Die Antwort: „Um den Gipfel zu delegitimieren.“ Frage: „Gibt's das auch auf Deutsch?“ Die beste Antwort aus Sicht der Anwohner besteht am Freitag Nachmittag in der beginnenden Abreise der 18.000 Demonstranten und der 16.000 Polizisten. Eine Region atmet auf.


 
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