Kinderporno-Vorwurf gegen Tauss: SPD-Mann unter bösem Verdacht
VON GREGOR MAYNTZ - zuletzt aktualisiert: 06.03.2009 - 20:56Berlin (RP). Noch wenige Stunden, bevor die Fahnder gegen den bekannten SPD-Abgeordneten wegen des Vorwurfs der Verbreitung von Kinderpornografie zuschlugen, witzelte der in einer Bundestagsdebatte über das Thema.
Der Mann muss einfach ahnungslos gewesen sein. Sonst hätte Jörg Tauss sich in der Bundestagsdebatte nicht ausgerechnet über Kinderpornografie lustig gemacht. Wenige Stunden, bevor die Staatsanwaltschaft seine Büro- und Privaträume wegen des Verdachts auf Kinderpornografie durchsuchen ließ (und fündig wurde) gab Tauss wie üblich den Tauss: den Weltmeister der Zwischenrufe. 13 Mal allein während der Aussprache über den Medienbericht.
Gerade hatte die CSU-Abgeordnete Dorothee Bär die etwas unglückliche Formulierung gewählt "wenn ich mir die Kinderpornografie im Netz anschaue", als Tauss auch schon dazwischenrief: "Was? Das schaut man sich aber nicht an!" Leicht genervt entgegnete die Rednerin: "Herr Tauss, das ist kein Thema, über das man Witze macht!" Zwei Tagesordnungspunkte später wurde es Ernst für Tauss: das Parlament hob seine Immunität auf, und schon schlugen die Fahnder im Bundestagsbüro, in seinen Wahlkreisbüros und in seinen Privatwohnungen zu.
Wenig später liefen die ersten Meldungen durch die Hauptstadt: "Medienpolitischer Sprecher der SPD-Fraktion unter Kinderpornografie-Verdacht". Hätte Tauss am Morgen auch nur etwas von dem geahnt, er hätte in seinem eigenen Debattenbeitrag vielleicht vieles gesagt, aber den einen Satz sicherlich nicht: "Gut, ich habe vielleicht auch Auffälligkeiten."
Gut, er fällt immer wieder auf, weil er es offenbar, seinem Körperbau entsprechend, nur groß und laut und polternd kann. Tauss ist ein dröhnender Haudrauf-Typ. Ausgerechnet der Abgeordnete, der die Transparenz erfunden zu haben scheint, soll nun in die Dunkelzone der Kriminalität abgedriftet sein?
Breit ist die Spur, die Tauss in der Internet-Öffentlichkeit hinterlässt. Seit Jahren legt er seine Einkünfte und Ausgaben auf "tauss.de" offen. Und seit er 1994 erstmals in den Bundestag einzog faszinierten ihn die Informationstechniken. "Inter-Tauss" lässt er sich gerne nennen. Kein Wunder, dass er die "User" ständig an seinem Alltag und seinen Ansichten teilhaben lässt.
Wie wohl er sich fühlt, wenn er mit seiner rotgetigerten Katze "Mamsell" fernsieht oder mit 80 Prozent auf den aussichtsreichen siebten Listenplatz gewählt wird. All das "twittert" er im Netz. Oder dass er die Abstimmung zum Mindestlohn wegen einer Augenoperation nicht mitmachen konnte. Und immer wieder: Wie er sich mit Familienministerin Ursula von der Leyen medienwirksam anlegte und ihr vorhielt, sie wolle den vorgeblichen Kampf gegen den Kindesmissbrauch zu einer Blockade des Internets missbrauchen. Eine Attacke, die ihn jetzt in Erklärungsnöte bringt. Oder wie er eine typische Arbeitswoche beschreibt: "Eine Verbindung von Stress, Spaß und manchmal ein bisschen Ärger."
Der Ärger ist dieses Mal "ein bisschen" größer. Die SPD-Fraktion hatte Mühe, aber dann überredete Fraktionsgeschäftsführer Thomas Oppermann den Verdächtigten gestern doch noch dazu, zumindest die erste Reißleine zu ziehen: Er trat als Generalsekretär der SPD in Baden-Württemberg und medienpolitischer Sprecher zurück und gab seinen Sitz im Fraktionsvorstand auf. Die inkriminierenden Materialien will er sich als Abgeordneter für seinen politischen Kampf gegen die Kinderpornografie zugelegt haben, lässt er durchblicken. Fraktionskollegen nennen das "naiv". Und der Staatsanwalt? "Die Fundsituation spricht eindeutig gegen einen Zusammenhang mit seiner Abgeordnetentätigkeit."
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