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SPD-Parteitag in Dortmund
Rückkehr zum Bauchgefühl

SPD-Parteitag in Dortmund: Rückkehr zum Bauchgefühl
SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz nach seiner Rede beim Parteitag in Dortmund. FOTO: afp
Meinung | Dortmund. Bei ihrem Parteitag in Dortmund hat die SPD einhellig ihr Regierungsprogramm für die Bundestagswahl beschlossen. Mit harten Angriffen von Kanzlerkandidat Martin Schulz auf die Union nimmt der Wahlkampf Fahrt auf. Dazu ein Kommentar. Von Jan Drebes

Martin Schulz und seine SPD-Strategen hatten es sich so schön vorgestellt: Mit einer gewonnenen NRW-Wahl im Rücken hätten sie ein Feuerwerk der Sozialdemokratie beim Parteitag in Dortmund gezündet und hätten die Union nachhaltig auf die hinteren Plätze verwiesen.

Was dazwischen kam: Patzer und handwerkliche Fehler in Berlin, hart bestrafte Siegesgewissheit bei Kraft und schon dümpeln die Sozialdemokraten wieder bei nur 24 Prozent in den Umfragen dahin.

Besonders bitter ist das für Schulz, weil er bisher diesen Trend trotz all der konkreten Inhalte nicht umkehren konnte. Man rätselt im Willy-Brandt-Haus ohne Idee, warum all die Menschen nun nicht mehr hinter Schulz stehen, die einst in Zeiten des Hypes noch für ihn in Umfragen stimmten. Das Feuerwerk in Dortmund blieb entsprechend aus. 

Das Wahlprogramm der SPD für 2017 FOTO: dpa, Arno Burgi

Schulz schaltet auf Attacke

Und dennoch gelang der Parteitag, auch weil selbst der linke Parteiflügel die Füße stillhielt und keine Zweifel an Schulz aufkamen. Und der Kandidat? Der schaltete endlich hinreichend auf Attacke gegen die Union, hielt Angela Merkel und ihrem Parteifreundfeind Horst Seehofer die mitunter schlüssigen Antworten der SPD auf tatsächlich wichtige Fragen dieser Zeit entgegen.

Etwa, wie die gesellschaftliche Spaltung aufgehalten werden kann, die sich zwischen Arm und Reich auftut, wie mit Trump, Erdogan und Co umzugehen ist und welche Zukunft Europa haben soll. Die Sozialdemokraten setzen sich etwa mit einem moderaten Steuerkonzept für mehr Verteilungsgerechtigkeit ein, Schulz zeigt harte Kante gegen Populisten dieser Welt. Das kommt an, theoretisch zumindest.

Dass der SPD-Kandidat jedoch bei der Motivation seiner Genossen auf die Schützenhilfe von Altkanzler Gerhard Schröder angewiesen ist, der einst nicht Schulz sondern Sigmar Gabriel im Rennen gegen Merkel wollte und dessen Agenda-Politik Schulz gleich nach seiner Nominierung als neuer Parteichef attackierte, ist eine Ironie der Geschichte.

Der Soli soll weg: Martin Schulz stellt das SPD-Steuerkonzept vor

Und trotzdem lieferte Schröder zuverlässig, um was ihn Schulz bat. Dabei half dem Haudegen aus Niedersachsen einst seine Unbeirrbarkeit und das Vertrauen in das eigene Bauchgefühl. Auch Schulz muss das trotz der Umfragen beherzigen, wenn ihm eine Aufholjagd wie Schröder im Jahr 2005 gelingen will.

 
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