| 13.19 Uhr

Putzfrau aus Gelsenkirchen
Die SPD hat einen neuen Star

SPD-Putzfrau: Das Gespräch mit Sigmar Gabriel war sympatisch
Susanne Neumann und SPD-Chef Sigmar Gabriel sprechen über soziale Gerechtigkeit. FOTO: dpa, wk hpl
Düsseldorf. Susanne Neumann hat SPD-Chef Sigmar Gabriel mit ihren Fragen auf dem Wertekongress am Montag in Erklärungsnot gebracht und damit deutschlandweit Schlagzeilen ausgelöst. Wir haben mit ihr gesprochen.  Von Franziska Hein

Dass Susanne Neumann mal über Nacht berühmt wird, hätte sie selbst nicht für möglich gehalten. Eigentlich ist sie doch eine normale Putzfrau aus Gelsenkirchen. Jetzt aber wird sie zum Medienstar.

Dutzende unbeantwortete Anrufe laufen nach ihrem Auftriff beim SPD-Wertekongress am Montag auf ihrer mobilen Mailbox auf. Als wir mit ihr sprechen, sitzt sie gerade im Auto und fährt nach Hamburg, weil sie am Abend bei Markus Lanz zu Gast ist und tags darauf beim Frühstücksfernsehen.

Eigentlich hätte Sigmar Gabriel wissen müssen, wen er sich auf das Podium holt und was ihn erwartet. Schon beim TV-Auftritt bei Anne Will hatte Neumann für Furore gesorgt. Zudem tritt sie als Bezirksvorsitzende Industriegewerkschaft Bauen, Agrar, Umwelt (IG BAU) für soziale Gerechtigkeit ein. 

Frau Neumann, wie haben Sie das Gespräch mit Sigmar Gabriel empfunden? 

Neumann: Ich war erstaunt, dass man mir so eine Bühne gibt. Ich fand das Gespräch sehr locker. Sigmar Gabriel hat mir viel Raum gegeben. Ich habe mich sehr wohl gefühlt. 

Wie kam es dazu, dass Sie eingeladen wurden? 

Neumann: Das frage ich mich auch. Ich war bei Anne Will mit Hannelore Kraft. Der SPD-Vorstand hat mich dann eingeladen. Die wussten ja schon, für welche Werte ich stehe. Es freut mich natürlich. 

Sie haben ihn dann auch in die Bredouille gebracht... 

Neumann: Er hat das zugelassen. Ein gestandener Politiker hätte auch anders reagieren können. Es war ein sympathischer Austausch. 

Waren Sie denn mit seinen Antworten zufrieden? 

Neumann: Na ja, er konnte mir nur die Antworten geben, die die Partei auch praktiziert. Mir wäre es lieber, wenn die SPD wieder die Partei für den kleinen Mann wird. 

Was kritisieren Sie an der SPD? 

Neumann: Die Politik von Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder hat uns unheimliche Einschnitte eingebrockt. Die Agenda 2010 ist für mich und meine Kolleginnen wirklich der Horror. Die Menschen haben keine Rechte mehr. Es gibt keine festen Verträge mehr, das Rentenniveau ist abgesackt. Wenn das so weitergeht, wird uns das ins Elend führen. 

Nachdem Sie vor einem Monat einen Talkshow-Auftritt mit NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft hatten, sind Sie in die SPD eingetreten. Warum? 

Neumann: Wenn wir die SPD nicht mehr haben, dann ist nur noch die CDU übrig. Und dann gnade uns Gott. Ich war immer der Meinung, dass man anpacken muss. 

Sie sind auch Bezirksvorsitzende der IG BAU Emscher-Lippe-Aa...

Neumann:  Das ist eine ehrenamtliche Tätigkeit, die mir sehr viel Freude macht. Ich kann da den Kollegen viel helfen.

Wie ist Ihr beruflicher Werdegang? 

Neumann: Ich habe eine Dekorateur-Lehre begonnen. Dann bin ich schwanger geworden und habe die Lehre abgebrochen. Ich habe mich für meine Kinder entschieden, was auch richtig war. Dann bin ich zur Gebäudereinigung gewechselt, um etwas dazuzuverdienen. Am Anfang nur zwei Stunden täglich und nach der Scheidung dann in Vollzeit. 

Sind Sie auch von Leiharbeit und befristeten Verträgen betroffen, wie Sie es in ihrem Gespräch mit Sigmar Gabriel bemängelt haben? 

Neumann: Ich habe Dank meines Engagements bei der IG BAU einen festen Vertrag. Das ist aber eine Ausnahme. Mittlerweile ist es in der Branche eine Besonderheit, wenn man 34 Jahre beim gleichen Betrieb ist. 

Wie sieht Ihre Rente aus? 

Neumann: Die sieht beschissen aus. Aus der Ehe mit meinem Mann sind mir Ansprüche übertragen worden. So werde ich 735 Euro bekommen. Wenn das nicht so wäre, hätte ich eine Rente auf Grundsicherungsniveau. Ich verdiene zwischen 950 und 1000 Euro netto im Monat. Wie soll ich davon etwas für die Rente sparen? Manche Kolleginnen sparen sich noch 50 Euro vom Munde für die Riester-Rente ab. Aber das würde hinterher auf die Grundsicherung angerechnet. Die haben dadurch keinen Euro mehr. Das ist doch nicht gerecht, dass die hinterher genauso viel bekommen, und sich noch dazu ihren Körper kaputtgearbeitet haben. 

Glauben Sie, dass sich etwas verändern wird? Dass Sie etwas verändert haben? 

Neumann: Ja, das glaube ich schon. Ich sehe da eine Entwicklung. Sigmar Gabriel nimmt das Thema schon ernst. Wenn die SPD nicht zu ihren Wurzeln zurückkehrt, dann hat Merkel sie geschafft. 

Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

SPD-Putzfrau: Das Gespräch mit Sigmar Gabriel war sympatisch


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.