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Jury wählt Ausdruck aus der Hohmann-Rede: "Tätervolk" ist das Unwort des Jahres 2003

zuletzt aktualisiert: 20.01.2004 - 16:37

Frankfurt/Main (rpo). Die Rede des CDU-Abgeordneten Martin Hohmann über die Juden als "Tätervolk" hat vor wenigen Monaten für einen bundesweiten Skandal gesorgt und jetzt gleichzeitig das Unwort des Jahres 2003 geliefert. Die Expertenjury wählte das Wort aus insgesamt 1160 Vorschlägen aus.

Der von dem Bundestagsabgeordneten Martin Hohmann (CDU) in einer umstrittenen Rede zum Tag der deutschen Einheit benutzte Begriff sei "schon grundsätzlich verwerflich", begründete die Jury am Dienstag in Frankfurt am Main ihre Entscheidung. Das Wort im Zusammenhang mit den Juden zu verwenden, wie Hohmann dies getan hatte, sei zudem ein "aktueller Beleg für den immer noch wirkenden Antisemitismus". Auf Platz zwei und drei landeten die Bezeichnungen "Angebotsoptimierung", die den Abbau von Dienstleistungen umschreibt, und "Abweichler" für Abgeordnete, die sich gegen ihre Fraktion gestellt hatten.

Der Begriff "Tätervolk" mache jeweils ohne jede Ausnahme ein ganzes Volk "für die Untaten kleinerer oder größerer Tätergruppen" verantwortlich, erhebe also den Vorwurf einer "Kollektivschuld", erklärte die Jury um den Frankfurter Sprachwissenschafler Horst Dieter Schlosser. Hohmann hatte am 3. Oktober in einer Rede mit dem Titel "Gerechtigkeit für Deutschland" die Juden mit der Bezeichnung in Verbindung gebracht. Die CDU/CSU-Bundestagsfraktion schloss den Fuldaer Abgeordneten deshalb im November aus ihren Reihen aus. Die CDU Hessen leitete ein Verfahren zum Ausschluss Hohmanns aus der Partei ein.

Mit dem Wort "Angebotsoptimierung" solle die Verringerung von Dienstleistungen wie etwa die Stilllegung von Bahnstrecken beschönigt werden. Ähnlich sei auch der Abbau von Briefkästen als "Briefkastenoptimierung" angepriesen worden. Das Wort "Optimierung" entlarve sich "inzwischen generell als Verschleierung bloßen Profitdenkens". Der Begriff "Abweichler" wurde aus Sicht der Sprachforscher zur "Diskriminierung von Bundestagsabgeordneten missbraucht", die es "gewagt" hätten, "ihre grundgesetzlich verankerte Pflicht zur Gewissensentscheidung über einen Fraktions- oder Koalitionszwang zu stellen".

In der Diskussion war bei den Sprachwissenschaftlern auch der Begriff "Reform". Seit Jahren, ganz besonders aber im vergangenen Jahr sei dessen "immer stärkere Entwertung" zu beobachten, erklärte die Jury mit Blick auf die zahlreichen politischen Reformen der vergangenen Monate. In der engeren Wahl für das Unwort war auch die Bezeichnung "Bildungsgutscheine", die die Misere an den Hochschulen beschönige. Die Gutscheine sollten offenbar über die erheblichen Mittelkürzungen und die Einführung von Gebühren hinwegtrösten.

Das Unwort des Jahres wurde zum 13. Mal vergeben. Zur Auswahl standen in diesem Jahr 1160 Vorschläge. Gesucht werden jeweils Begriffe, die "besonders negativ aufgefallen" sind, weil sie "sachlich grob unangemessen sind und möglicherweise sogar die Menschenwürde verletzen." Im vergangenen Jahr war die Bezeichnung "Ich-AG" zum Unwort des Jahres 2002 gewählt worden. Der diesjährigen Jury gehörten neben vier Sprachwissenschaftlern als ständigen Mitgliedern der Fernsehjournalist Reinhold Beckmann und der Vorsitzende des Verbandes deutscher Schriftsteller, Fred Breinersdorfer, an.


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