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Tag der Deutschen Einheit
Liebe Ossis, ...

Tag der Deutschen Einheit: Liebe Ossis, ...
FOTO: Ronny Hendrichs
Düsseldorf. Heute feiert Deutschland seine Einheit, dabei scheint die Spaltung zwischen Ost und West auch 27 Jahre nach der Wiedervereinigung noch nicht vollzogen. Auch nicht in den Köpfen. Unsere Autoren – ein Ossi und ein Wessi – haben sich so ihre Gedanken gemacht. Hier lesen Sie den Beitrag des Wessis. Von Lothar Schröder

Meist schneit es ja bei Euch. Oder es regnet echt fies oder ist zumindest saukalt. Das jedenfalls sind meine Wahrnehmungen vom deutschen Osten, weil ich ja immer nur im März da bin, also in Leipzig zur Buchmesse.

Ob mein kleines Bild von Euch dadurch schief, gar ungerecht ist? Selbstverständlich. Weil der Ausschnitt der sogenannten Wirklichkeit nie gerecht sein kann. Aber da es meine Perspektive ist, ist sie zumindest wahr – das heißt wahr für mich. Und sofort beginnt damit wieder das blöde Rechtfertigen für dieses und jenes. Als müsse ich irgendwie korrekt sein. Dabei ist das doch nur typisch für unseren Krampf. Im Osten verhalte ich mich nämlich fast immer sehr korrekt, überkorrekt seit meinem Besuch mit unserer Kirchengemeinde noch zu DDR-Zeiten, bei dem wir uns – komplett gehemmt – so gut wie jede Gemeinheit gefallen ließen. Unterm Strich: Im Osten bin ich nicht ehrlich.

Mein wunderliches Märzland

Aus der alten DDR ist mit der Zeit also mein neues Märzland geworden. Seit fast zwanzig Jahren fahre ich jetzt schon nach Leipzig, und die erste Begegnung ist jedes Mal die mit einem Taxifahrer. Bei euch sind das meist deutsche, ältere und provozierend seriös fahrende Frauen. Bei uns sind es in der gefühlten Mehrzahl junge Männer arabischer Herkunft, die stolz sind, endlich einen Mercedes unterm Hintern zu haben und dementsprechend rumheizen. Eure Taxifahrer meckern (auf die da oben), beklagen die Arroganz (von denen im Westen), schimpfen über die Messe (zu wenig Aufträge), reden von früher (auch nicht alles besser) und freuen sich vor allem aufs nächste Spiel von RB Leipzig (die auch im Osten wenig beliebt sind).

Dabei habe ich das Märzland von Jahr zu Jahr schöner werden sehen: den riesigen renovierten Kopfbahnhof, die schicke Innenstadt und das riesige Astoria, das alte, langsam vermodernde Prachthotel. Früher habe es dort sonntägliche Tanznachmittage für alle gegeben, sagt der Taxifahrer. Ich sehe darin nur ein Sinnbild. Für was?

Ich merke dann, dass ich insgeheim nicht tolerant bin, dass ich Widersprüche kaum akzeptiere und ständig irgendwas nachrechne oder rechnend vergleiche. Nur sagen tu ich nix zu den Bewohnern meines wunderlichen Märzlands. Ich fühle mich in der Studentenstadt wohl, aber nie wirklich willkommen. Heimlich schmunzle ich über die jungen Frauen, die sich scheinbar zeitgleich alle so eine billige lila Strähne ins Haar fabrizierten, und bestaune mitleidig die Vorliebe für ziemlich fettige Würstchen, die an jeder zweiten Straßenecke angeboten werden.

Ich merke dann, wie ich mich anstrenge, meine Vorurteile bestätigt zu bekommen. Ich muss mein Blickfeld nur ein wenig kleiner machen, und schon tauchen sie von selbst überall auf: all die Mürrischen! Die nicht wirklich gut Gekleideten! Die zu Lauten, zu Rücksichtlosen, zu Untätigen.

Den Segen der Einheit kann ich spielend leicht begründen

Und obwohl ich mich ziemlich gut auskenne in diesem Minikosmos meines Märzlandes und also weiß, wo es den besten Kaffee gibt, den guten Italiener, die frischeste Lerche (ein Gebäck), fühle ich mich fremd und manchmal so verloren wie eines frühen Morgens alleine vor dem Völkerschlachtdenkmal, diesem steinernen, kalten Monstrum.

Meine Reisen ins Märzland sind oft wie kleine Urlaubsreisen zu einem Ort, der interessant und auch lebendig und ein bisschen ungewohnt ist, der am Ende aber nichts oder nur sehr wenig mit mir zu tun hat. Ich spüre dann jedes Mal, wie viele Gesichter dieses Deutschland eigentlich hat, dieser nationale Überbau, diese historische Klammer.

Den Segen der Einheit kann ich spielend leicht begründen, herleiten und als alternativloses Demokratieprojekt über den grünen Klee loben. Spüren und tief empfinden aber kann ich die Einheit –ehrlich gesagt – nicht. Sie bleibt eine Sache des Verstandes und ist keine Angelegenheit des Herzens.

Nur wer ehrlich schimpft, kann sich auch ehrlich freuen

Mein Bild vom Märzland ist das Bild eines Wessis, der nah der niederländischen Grenze und somit im größtmöglichen innerdeutschen Abstand zu Euch lebt. Und plötzlich frage ich mich, was ist, wenn wir uns alle überfordern mit einer Einheit, die – typisches deutsches Strebertum – gleich alles umfassen muss und selbstredend höchste Ansprüche stellt. Vielleicht geht es ja auch ein paar Nummern kleiner. Und dann hat es vielleicht auch ein Ende mit all dem bedächtigen Rumgekrampfe.

Dann hat es vielleicht auch einen Anfang mit offener Ehrlichkeit. Nur wer ehrlich schimpft, kann sich auch ehrlich freuen, denke ich mir. Nächstes Jahr sag ich dann der Taxifahrerin, dass mir die Meckerei echt auf die Nerven geht und auch bei uns Schwimmbäder geschlossen werden und Kindergartenplätze fehlen. Dieser Brief ins Märzland ist also ein kleiner Anfang. Versprochen – am Tag der deutschen Einheit 2017.

Der Wessi: Lothar Schröder, Jahrgang 1963, leitet die Kulturredaktion der Rheinischen Post. Der gebürtige Duisburger hat Germanistik, Philosophie, Geschichte und Politische Wissenschaften studiert. Schröder lebt in Düsseldorf.

Hier finden Sie den Text von Ossi Peter Blochwitz an die Wessis.

 
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