General Stanley McChrystal: Taliban-Jäger in Berlin
VON GREGOR MAYNTZ - zuletzt aktualisiert: 21.04.2010 - 21:20Berlin (RP). General Stanley McChrystal soll für Barack Obama und die Alliierten die Afghanistan-Mission zum Erfolg führen. Der Isaf-Chef beeindruckt in der Bundeshauptstadt durch messerscharfe Analysen.
Stanley McChrystal ist ein Militär, wie er im Buche steht. Hoch gewachsen, klar in der Ansage, furchtlos im Auftritt. Und ihm eilt ein Ruf wie Donnerhall voraus. Der 55-jährige Vier-Sterne-General befehligt nicht nur 50.000 US-Soldaten in Afghanistan, sondern ist gleichzeitig Oberbefehlshaber der gesamten internationalen Mission. Er weiß, was Krieg ist. Denn er war im Irak, leitete die Operationen der Spezialkräfte, nahm Saddam Hussein gefangen, jagte hohe Al-Quaida-Funktionäre.
Seine Aufgabe in Afghanistan sei erst dann erfüllt, wenn die „Taliban eliminiert“ seien, lautet einer seiner meistzitierten Sätze. Bei seinem gestrigen Berlin-Besuch äußert er Zweifel, ob er korrekt zitiert worden sei. Lieber umschreibe er seinen Job damit, „das afghanische Volk zu beschützen“ und das Land „regierungsfähig“ zu machen.
McChrystal ist die personifizierte Doppelstrategie. Einerseits verlangte er gleich nach Amtsantritt eine massive Verstärkung der US-Truppen, weil sonst der Afghanistan-Einsatz „verloren“ sei. Aus dieser Position der Stärke heraus verfolgt er andererseits aber eine völlig andere Strategie. Kein Kampf ohne Rücksicht auf „Kollateralschäden“. Statt dessen: „Die Bevölkerung ist der Schlüssel zum Erfolg, nur wenn wir sie gewinnen, können wir gewinnen“, sagt er den deutschen Verteidigungspolitikern.
Militärische Entschlossenheit und strategische Flexibilität zeichnen auch den Lebensweg des Mannes aus, dessen Bild von der Welt seit frühester Kindheit ein Militärisches ist. Sein Vater war schon General und diente unter anderem im Nachkriegsdeutschland. Seine vier Geschwister sind alle ebenfalls Militärs geworden oder haben Militärs geheiratet.
Natürlich absolvierte er eine Elite-Ausbildung an der Renommier-Uni der US-Streitkräfte in West Point und legte dabei gleich drei wissenschaftliche Abschlüsse hin. Der überragende Fleiß prägte auch den militärischen Alltag. Sein Stab berichtet, dass der Chef ständig arbeite, mit einer Handvoll Stunden Schlaf auskomme und asketisch mitunter nur eine Mahlzeit täglich brauche.
Forderungen zu robusterem Vorgehen
Als der Folterskandal von Abu Ghraib die Welt erschütterte, stellte sich auch die Frage nach den Verhörmethoden der US-Spezialkräfte im Irak, die von McChrystal geführt worden waren. Als er den irakischen Al-Qaida-Anführer Zarqawi in seinem Unterschlupf bombardieren ließ wurde eine größere Öffentlichkeit aufmerksam auf McChrystal, den „Schlangenfresser“. Der Ruf, ein besonders harter Bursche zu sein, hielt sich auch in Afghanistan. Dazu trugen auch seine Forderungen zu robusterem Vorgehen kräftig bei.
Das Bild bekam jedoch Risse, als McChrystal nach der Bombardierung von zwei Tanklastern nahe Kundus den Umständen selbst auf den Grund ging und in sein Team einen Reporter der „Washington Post“ aufnahm. Über dessen Berichte säte McChrystal Zweifel an der Sinnhaftigkeit des deutschen Befehls.
In Berlin erleben ihn die deutschen Politiker als einen prägnanten Militär, der ohne Rücksicht auf politische Opportunität gerne geradeaus denkt. So erklärt er, wie sinnvoll es wäre, mehr mit dem Iran zusammen zu arbeiten, der ebenfalls kein Interesse an einem Wiedererstarken der Taliban habe.
Der Neusser FDP-Abgeordnete Bijan Djir-Sarai fragt McChrystal, ob denn Afghanistans Präsident Hamid Karsai noch die gleichen Ziele habe wie der Westen – und bekommt ein klares Ja. Auch Karsai wolle Sicherheit in Afghanistan. Dass er nun mehr Verständnis für die Taliban gezeigt habe, sei leicht erklärlich. Er müsse halt vermeiden, als Marionette des Westens wahrgenommen zu werden.
Und wie sieht der General das wachsende Unverständnis der Deutschen in Sachen Afghanistan? „Das zu bewerten ist nicht mein Job“, lautet die knappe Antwort. Ob er denn mehr Truppen oder mehr Kampf wolle? McCrystal: „Es ist mir eine Ehre, an der Seite der tapferen deutschen Soldaten dienen zu dürfen.“ Ein bisschen Diplomat ist er also auch.
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