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Essay
In der Angst steckt eine Chance

Terror: In der Angst steckt eine Chance
Unser Illustrator hat Edvard Munchs "Schrei" eine Friedenstaube hinzugefügt. Sie verbreitet Hoffnung, die stärker als das Entsetzen sein muss. FOTO: Davood A.
Berlin. Der Islamische Staat will Angst und Islamhass verbreiten. Wenn wir uns davon in unseren Reaktionen leiten lassen, wird der Terror tatsächlich Alltag. Wenn nicht, scheitern die Terroristen an uns. Von Tobias Jochheim

Das Leid durch die Bluttaten in Deutschland, Europa und der Welt oder die Verantwortung der Täter kann man nicht relativieren. Sehr wohl aber das Ausmaß der Angst vor islamistischem Terror. Der könnte neben Tod und Schrecken auch eine Chance mit sich bringen und die gespaltene deutsche Gesellschaft einen. Anhänger von Grünen, CSU und AfD könnten gemeinsam die Lehre vertreten: Wir müssen uns mehr denn je um Integration bemühen. Den Menschen am Rande unserer Gesellschaft nicht nur eine Grundversorgung bieten, Nahrung und ein Dach über dem Kopf, sondern Aussicht auf Teilhabe an der Gesellschaft - sei es aus Überzeugung, purem Pragmatismus oder reinem Selbstschutz.

Dann schafft sich Deutschland ab

Die bittere Wahrheit ist, dass auch mit noch so viel Überwachung, Polizei und Militär sich nicht verhindern lässt, dass Einzelgänger Bomben bauen wie in Ansbach, zur Axt greifen wie in Würzburg oder einen Lieferwagen zur Waffe umfunktionieren wie in Nizza. Bei allem Verbesserungs- und Nachholbedarf: Wenn Deutschland unter Schock versucht, Sicherheit über alles zu stellen, schafft Deutschland sich ab.

Parallel zu schnelleren Arbeitserlaubnissen für Flüchtlinge muss auch mehr rechtsstaatlicher Druck und Strenge her. Erschwerte Registrierung mit falschen oder mehreren Identitäten, Pflicht-Sprachkurse, schnellere Sanktionen von Straftätern und konsequentere Abschiebung derjenigen, die ein Bleiberecht in einem fairen Verfahren entweder nicht bekommen oder aber im Nachhinein selbst verwirken.

Die Perspektivlosen sind leichte Beute für Islamisten. Seien wir deshalb nicht so dumm, perspektivlose Menschen geradezu in Serie zu produzieren. Das gilt im Kleinen für Mobbing-Opfer, aber vor allem im Großen. Wer den uns aufgedrängten "Krieg der Kulturen" annimmt und Millionen hier lebender Muslime pauschal ausgrenzt und diskriminiert, macht sich zum Helfershelfer der Terroristen.

Wenn wir als Gesellschaft es allerdings schafften, diesem Reflex zu widerstehen, wäre das mittel- und langfristig der beste Schutz gegen Terror. Der Islamismusexperte Robert Verkaik schreibt im "Independent": "Indem sie Mitleid gezeigt hat gegenüber Hunderttausenden muslimischen Flüchtlingen, hat Angela Merkel der ganzen Welt das Signal gesendet, dass Deutschland eben keinen Krieg gegen den Islam führt." Im Kampf gegen islamistischen Terror siege, wer die "Herzen und Köpfe" der Muslime in der eigenen Gesellschaft gewinne. Während Frankreich und Belgien gefangen seien in einem Teufelskreis aus Anschlägen und immer rabiateren Polizeiaktionen, habe Deutschland "die Chance, eine andere Zukunft zu schmieden".

"Heroische Gelassenheit"

Momentan allerdings ist die gefühlte Wirklichkeit eine andere. Man mag unsere "heroische Gelassenheit" (Herfried Münkler) loben, doch viele fühlen sich in diesen Tagen verwundbar. Bei jedem Kirmesbesuch, bei jeder Bahnfahrt im Fadenkreuz des IS. Mancher wähnt sich unter dem Eindruck der Bilder und Schlagzeilen von Anschlägen, Amokläufen und der unsäglichen Silvesternacht von Köln gar in höherer Gefahr als irgendjemand in Deutschland jemals zuvor. Verwöhnt von Jahrzehnten historisch unwahrscheinlichen Friedens, ignorieren sie die hoffnungsfroh stimmenden Fakten und extrapolieren die Schreckensnachrichten aus aller Welt in eine düstere Zukunft für Deutschland. Was menschlich ist. Doch die Angst entsteht in der Hirnregion Amygdala - und hindert uns buchstäblich am Denken. So verhallt auch der Appell des Konfliktforschers Ulrich Wagner, man müsse Angst als Emotion reflektieren, "die dazu neigt, sich zu verselbstständigen, über das Ziel hinauszuschießen, die tatsächliche Bedrohungssituation nicht mehr adäquat abzubilden". Dabei ist es wichtig, sich der Fakten bewusst zu bleiben.

868.356 Menschen sind 2014 in Deutschland gestorben, die meisten davon an Herz-Kreislauf-Krankheiten und Krebs. Mehr als 10.000 verloren ihr Leben durch Suizid, fast 4000 kamen durch Verkehrsunfälle um. Islamistischer Terror hat bislang keinen einzigen Zivilisten in Deutschland das Leben gekostet, weder 2014 noch 2015 noch 2016 noch zu irgendeinem Zeitpunkt überhaupt. Bei den islamistischen Anschlägen der vergangenen Wochen auf deutschem Boden starben die Angreifer selbst, nicht aber Passanten. Die ersten und letzten Toten durch islamistischen Terror überhaupt gab es im März 2011, als zwei US-Soldaten am Frankfurter Flughafen erschossen wurden.

Die Bluttat vom 22. Juli in München mit neun Toten hatte keinen islamistischen Hintergrund. Die Ermittler werteten die Tat zunächst als klassischen Amoklauf und sehen sie inzwischen als rechtsextrem motiviert. 26 verletzte Zivilisten hat islamistischer Terror in Deutschland bislang gekostet. Das sind 26 zu viel. Zum Vergleich: Allein im Juli haben islamistische Terroristen in Nigeria und Afghanistan jeweils mehr als 100 Menschen getötet, im Irak waren es mehr als 700. Genaue Zahlen sind schwer zu bekommen, die Behörden in diesen Ländern kommen mit dem Zählen der Leichen nicht mehr hinterher - und sie wissen, dass es im Rest der Welt auch kaum jemanden interessiert.

"Die Falle ist gestellt"

Das heißt nicht, dass wir hier in Deutschland kein Recht hätten, schockiert und erschüttert zu sein, zu trauern oder uns zu sorgen. Es heißt nicht, dass islamistischer Terror ein kleineres Problem wäre, als wir gemeinhin denken. Er ist ein größeres. Aber er trifft überwiegend Menschen muslimischen Glaubens in muslimischen Ländern. Und das dürfte das Ende des IS beschleunigen - ebenso wie es Solidarität mit gemäßigten Muslimen täte.

"Die Falle ist gestellt", schrieb unlängst die "Zeit". Es bedarf ungeheurer Selbstbeherrschung, nicht hineinzulaufen. Aber falls es uns gelingt, siegen wir. Terrorismus ist nur so stark wie unsere Angst vor ihm. Der Krieg gegen den IS ist nur zu gewinnen, indem wir uns einem Krieg gegen den Islam weiter verweigern.

Quelle: RP
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