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Zerschlagene Terrorzelle im Sauerland
Verdächtige gezielt für Anschläge nach Deutschland geschickt?

Razzien gegen Islamisten in Attendorn, Berlin und Hannover
Razzien gegen Islamisten in Attendorn, Berlin und Hannover FOTO: dpa, pdz gfh
Berlin/Attendorn. Die Polizei kommt einer mutmaßlichen Terrorzelle auf die Schliche und schlägt zeitgleich in drei Bundesländern zu. Der Hauptverdächtige soll aus NRW kommen. Die derzeitigen Erkenntnisse über den Fall.

Vier Anhänger der Terrormiliz IS haben womöglich einen Anschlag in der deutschen Hauptstadt geplant. Ihr Vorhaben soll im Frühstadium durchkreuzt worden sein, konkrete Anschlagsziele waren noch nicht ausgekundschaftet. Die mutmaßliche islamistische Terrorzelle wurde am Donnerstag bei einer groß angelegten Razzia von Hunderten Polizisten in Berlin, Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen zerschlagen.

Gegen wen wird ermittelt?

Ermittelt wird gegen vier Algerier im Alter zwischen 26 und 49 Jahren wegen des Verdachts der Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat, wie die Polizei in Berlin mitteilte. Es gab drei Festnahmen.

Als Hauptverdächtiger gilt ein 34-Jähriger, der am Donnerstagmorgen in einem Flüchtlingsheim in Attendorn im Sauerland festgenommen wurde. Er soll militärisch ausgebildet und laut Polizei im syrischen Kampfgebiet gewesen sein. Er kam nach dpa-Informationen über die sogenannte Balkanroute nach Bayern und wurde dort als Flüchtling registriert. Nach ersten Hinweisen auf Anschlagspläne sei der Mann in Nordrhein-Westfalen ausfindig gemacht worden.

Nach Informationen des "Spiegel" posiert der Verdächtige auf einem Bild, das die Polizei noch veröffentlichen will, neben Leichen. Zudem gebe es ein Foto, das ihn beim Essen mit einer Person aus dem Umfeld der Attentäter zeige, die für die Pariser Terrorserie im November verantwortlich sein sollen. Dem Bericht zufolge ist der gebürtige Algerier am 28. Dezember mit gefälschtem Pass als syrischer Flüchtling nach Deutschland eingereist.

In dem Heim wurde auch die 27 Jahre alte Ehefrau des Verdächtigen festgenommen. Beiden wird von algerischen Behörden Mitgliedschaft in der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) vorgeworfen. Sie waren mit internationalen Haftbefehlen gesucht worden, die nun von deutscher Seite vollstreckt wurden, wie ein Sprecher der Berliner Polizei sagte.

Einer der Verdächtigen, der bei einer Durchsuchung in Hannover angetroffen, aber nicht festgenommen wurde, soll Verbindungen zu belgischen Islamisten haben. Der 26-Jährige sei vor wenigen Wochen mindestens einmal in die Brüsseler Gemeinde Molenbeek gereist, hieß es in Sicherheitskreisen. Dort gelebt hatte auch der getötete mutmaßliche Drahtzieher der islamistischen Anschläge in Paris vom 13. November, Abdelhamid Abaaoud.

In Berlin festgenommen wurde ein 49-jähriger Algerier. Laut Polizei lag gegen ihn ein Haftbefehl wegen Urkundenfälschung vor. Ein weiterer Verdächtiger wurde in Berlin angetroffen, jedoch nicht festgenommen. Beide Männer leben und arbeiten schon länger in der Hauptstadt.

Was wird ihnen vorgeworfen?

"Es geht um mögliche Anschlagsplanungen für Deutschland – konkret für Berlin", sagte der Sprecher der Berliner Ermittlungsbehörde, Martin Steltner.

Die mutmaßlichen Mitglieder der Terrorzelle hatten verschlüsselt kommuniziert und unter großer Geheimhaltung verdeckt operiert, wie die dpa aus Sicherheitskreisen erfuhr. Ein Bezug ins Bürgerkriegsland Syrien habe sich bei wochenlangen Ermittlungen ergeben. Um den Jahreswechsel herum hätten sich die Erkenntnisse gegen die Männer verdichtet. Demnach wollte die Gruppe in Berlin zusammenkommen, um Attentate vorzubereiten.

Nach dpa-Informationen aus Sicherheitskreisen hatten sich die verdächtigen Islamisten in abgehörten Telefonaten über mögliche Anschlagsziele in Berlin unterhalten. Demnach sollen die Männer auch beraten haben, ob der "Checkpoint Charlie" im Stadtzentrum ein lohnenswertes Angriffsziel sein könnte. Der frühere Grenzkontrollpunkt zwischen Ost und West ist ein Touristenmagnet.

Die beiden im Sauerland festgenommenen Terroristen könnten außerdem gezielt von der Terromiliz IS nach Deutschland geschickt worden sein, um hier Attentate zu verüben. Ermittler gingen derzeit entsprechenden Indizien nach. Einen Beleg dafür haben die Fahnder demnach jedoch nicht - sie erhoffen sich weitere Hinweise aus der Auswertung von Computern und Mobiltelefonen, die sie am Donnerstag bei der Anti-Terror-Razzia sichergestellt hatten. Die beiden Verdächtigen bleiben vorerst in Haft.

Bestand ein Terrorakt unmittelbar bevor?

Danach sieht es nicht aus. Nach der Razzia hat der Verfassungsschutz nach eigenen Angaben keine Hinweise auf einen kurzfristig geplanten Anschlag. Das sagte Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen am Freitag im ZDF-"Morgenmagazin". Es habe aber konkrete Hinweise darauf gegeben, "dass es Leute in Deutschland gibt, die Planungen verfolgen, Anschläge zu begehen".

Gibt es Zusammenhänge zu den Warnungen in München und Hannover?

Eine Verbindung zu den Terrorwarnungen an Silvester in München oder zur Absage eines Fußball-Länderspiels in Hannover im November sei derzeit nicht zu erkennen, hieß es in Sicherheitskreisen. Auch konkrete Hinweise auf geplante Anschläge gegen Karnevalsumzüge gab es bei den Behörden nicht. In Sicherheitskreisen wurde ein solcher Zusammenhang aber auch nicht ausgeschlossen.

Wie ist man den Verdächtigen auf die Schliche gekommen?

Die Telefone der Verdächtigen wurden abgehört. Zuletzt gestaltete sich das Abhören aber nicht mehr ergiebig, wie es aus Sicherheitskreisen heißt. Demnach gab es dabei in den vergangenen Tagen keine weiteren Informationen, die Erkenntnisse im Zusammenhang mit den mutmaßlichen Anschlagsplänen erhärtet hätten. Möglicherweise hätten die Verdächtigen geahnt, dass sie überwacht wurden. Zudem hätten sie ihre Kommunikationsmittel ständig gewechselt und unter anderem auch Mobiltelefone weggeworfen.

Was wurde bei der Razzia gefunden?

Das Berliner Landeskriminalamt leitete die Aktion der zeitgleichen Durchsuchungen. Rund 450 Beamte stellten Computer, Mobiltelefone und Aufzeichnungen sicher. Die Beweismittel sollten nun ausgewertet, die Festgenommenen einem Haftrichter vorgeführt werden.

Der Arbeitsplatz des einen Verdächtigen, ein Backshop am Berliner Alexanderplatz, wurde durchsucht. Konkrete Hinweise auf den bekannten Platz im Stadtzentrum als Anschlagsziel gebe es aber nicht, betonte Polizeisprecher Stefan Redlich. Bei den Durchsuchungen seien weder Waffen noch Sprengstoff gefunden worden.

(lukra/dpa)
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