Rheinische Post: Thierse warnt SPD vor Rückfall in klassenkämpferische Kategorien
zuletzt aktualisiert: 12.04.2005 - 06:49Düsseldorf (rpo). Angesichts des Vorstoßes der Berliner Sozialdemokraten, an den Schulen ein Pflichtfach Werteunterricht einzuführen und Religionsunterricht nur als freiwilliges Zusatzangebot zuzulassen, warnt Bundestagspräsident Wolfgang Thierse seine Partei vor einem Rückfall in klassenkämpferische Kategorien. Das sagte Thierse im Gespräch mit der Rheinischen Post.
"Als Sozialdemokrat habe ich gelegentlich das Gefühl, dass manche hinter Godesberg zurückfallen", sagte Thierse. Mit dem Godesberger Programm hatte sich die SPD 1959 von der klassenbewussten Arbeiterpartei zur bürgerlichen Gesellschaft geöffnet.
Thierse wertete den Berliner "Sonderweg" auch verfassungsrechtlich als "problematisch". Der Staat des Grundgesetzes sei weltanschaulich neutral, er müsse Religionsfreiheit und das Elternrecht garantieren. Es sei aber nicht Sache des Staates, selbst Werte vorzugeben.
Auch die kirchenpolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion, Christa Nickels, kritisierte den Vorstoß der Berliner SPD. Der Staat habe die Finger davon zu lassen, die Sinnfragen zu definieren. "Wie das ausgeht, haben wir im Kommunismus oder Nationalsozialismus erlebt", sagte sie. Nickels warnte zudem vor Nebenwirkungen der Berliner Pläne.
Der Staat könne Inhalt und Qualität des Religionsunterrichts auch für islamische Schüler nur sichern, wenn es Pflichtfach sei. Sonst könnten alle möglichen Religionsgruppen als anerkannte Körperschaften des öffentlichen Rechts im Unterricht "machen, was sie wollen".
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