Der Fall Kurras: Trugschluss deutscher Geschichte
VON LOTHAR SCHRÖDER - zuletzt aktualisiert: 27.05.2009 - 16:27Düsseldorf (RP). Der 68er-Mythos gerät ins Wanken: Der Todesschütze des Studenten Benno Ohnesorg, Karl-Heinz Kurras, hat sich als Stasi-Mitarbeiter entpuppt. Der Fund ist bezeichnend für die deutsch-deutsche Staatenhistorie, zu deren wichtigstem Erinnerungsort nun ein Archiv geworden ist.
Wie schnell staatliche Feierlaune verklingen kann: 60 Jahre Grundgesetz, die Wahl des Bundespräsidenten – beides hat eilig den öffentlichen Raum verlassen und Platz gemacht für ein anderes Kapitel nationaler Geschichte. Der offenbar zufällige Fund der Stasi-Akte von Karl-Heinz Kurras, der am 2. Juni 1967 den Studenten Benno Ohnesorg auf einer Demonstration erschoss, hat die Nation aufgeschreckt, wenn nicht gar erschüttert.
Auch wenn der West-Berliner Polizist Kurras wahrscheinlich nicht im Auftrag der Stasi gehandelt hat, so lässt sich doch die dumpfe Ahnung nicht abstreifen, dass politische Überzeugung mit im Spiel gewesen sein könnte. Und plötzlich geraten Revolte und RAF-Terror, Entführungen und Ermordungen tief in die Verstrickungen deutsch-deutscher Geschichte.
Weitere Verdachtsfälle
Am Dienstag tauchten weitere Verdachtsfälle auf. So soll der Studentenführer Rudi Dutschke, der 1979 an den Spätfolgen eines Attentats starb, vermutet haben, dass hinter dem Anschlag die Stasi steckte. Dazu aber fanden sich in der Stasi-Akten-Behörde unter Leitung von Marianne Birthler keine Hinweise.
Dennoch herrscht zunehmend Unsicherheit über das Ausmaß der Stasi-Westaktivitäten. Immerhin haben rund 6000 Bundesbürger für die DDR spioniert, darunter fünf Mitglieder des Bundestages. Dass Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) jetzt eine Untersuchung vergangener Bundestage anregt, ist ein verständlicher Reflex.
Andere scheinen in der Debatte vor allem auf Handlungshoheit bedacht zu sein. Die Ankündigung des Berliner Innensenators Erhart Körting (SPD), dem 81-jährigen Ex-Polizisten Kurras, der seit Jahren keine Waffe mehr besitzt, den Waffenschein zu entziehen, ist eher Ausdruck von Hilflosigkeit.
Deutschlands verbrecherische Vergangenheit
Aber all dies markiert jenen Sonderfall Deutschland, der zwar als Klischee gilt, aber auf gespenstische Weise immer wieder lebendig wird: Kein anderes Land hat sich so intensiv und selbstquälerisch mit der eigenen, beispiellos verbrecherischen Vergangenheit auseinandergesetzt. Auf den totalen Krieg mit Millionen von Opfern folgte die totale Niederlage, auch die moralische. Nie wieder Krieg, nie wieder Faschismus – beides gehörte zum Gründungsmythos der deutschen Staaten nach 1949.
Der Osten verordnete sich dazu einen strengen Antifaschismus und wurde eine neue, diesmal linke Diktatur. Der Westen entwickelte sich zur Demokratie und vernachlässigte dabei zunächst die Aufarbeitung der Vergangenheit. Aber beide Staaten schöpften nachhaltig ihre Identität aus der Erinnerung. Und beide zeigten bisweilen mit dem Eifer von Musterschülern, dass sie aus der Geschichte gelernt hatten.
112 Kilometer Archivregale in der Birthler-Behörde
Der Sonderfall Deutschland ist auch die Birthler-Behörde selbst. Ein Teil unseres nationalen Gedächtnisses, unserer Erinnerungen und Lebensgeschichten schlummert in den 112 Kilometer langen Archivregalen. Wobei die dort entdeckte Kurras-Akte sowohl die innerdeutsche Geschichte als auch persönliche Erinnerungen berührt.
So hat vor vier Jahren der Schriftsteller Uwe Timm ein Buch über seinen Schulfreund Benno Ohnesorg geschrieben. Timm sucht nach Spuren eines jungen Mannes, der Lyriker werden wollte und berühmt wurde durch seinen Tod, nicht durch sein Lebenswerk. Und immer findet die sehr persönliche Erinnerung von Timm einen Halt im Zufall des Todes, wie bei "Der Fremde" von Albert Camus, ein Roman, den beide so mochten. Das Zufällige ist nun zweifelhaft geworden.
Wir haben eine Vergangenheit, aber wir geben uns eine Geschichte. Das trifft in besonderer Weise auf Deutschland zu. Unsere akribische Rekonstruktion dessen, was war (mit aller Verantwortung und in aller Konsequenz), ist bis heute das Fundament unseres Rechtsstaates.
An dem wird gearbeitet; und die Akte Kurras ist ein weiterer Baustein. Sie ist für eine bestimmte, entscheidende Epoche sogar eine Art Schlussstein, der das Gewölbe der Erinnerung zusammenfügt. Denn mit der indirekten Stasi-Beteiligung am Tod des Studenten Ohnesorg trifft der antifaschistische Aufklärungswille der ostdeutschen Diktatur auf die damals auch selbstgenügsame Demokratie des Westens.
Was wäre anders gelaufen?
Wer das Spektakuläre in historischen Ereignissen sucht, muss sich nicht erst ausdenken, was ohne den Tod des Studenten anders gelaufen wäre. Es reicht die Rekonstruktion des Geschehenen: die Radikalisierung der Studenten, eine neue Phase der Vergangenheitsauseinandersetzung auf westlicher Seite und zugleich jener Terror, der behauptete, im Dienste der Freiheit zu stehen und der auf Unterstützung des Ostens bauen konnte.
Eine Woche nach dem Tod Ohnesorgs versuchte der Philosoph Jürgen Habermas auf einem Kongress in Hannover die politische Rolle der Studenten zu benennen. Als er ging, redete Dutschke gerade über gewaltsamen Aktionismus. Noch einmal kehrte daraufhin Habermas in den Saal zurück und sprach jene so kluge Warnung aus, für die er damals nur Häme erntete: jene vor der Gefahr eines "linken Faschismus".
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