Boris Palmer: Tübingens Bürgermeister als Klima-Missionar
VON REINHOLD MICHELS - zuletzt aktualisiert: 24.11.2009 - 08:06Tübingen (RPO). Ende 2006 wurde der Grüne Boris Palmer in Tübingen an die Stadtspitze gewählt. Seit Amtsantritt forciert der 37-Jährige drastische Programme zur CO2-Senkung. Er hält das für eine Überlebens-Frage.
Wenn der Oberbürgermeister einer schwäbischen Universitätsstadt im Herzland des "Trollinger" Alkohol verschmäht und im Kerngebiet von Daimler den Dienst-Mercedes abschafft, muss es sich um einen "seltsamen Heiligen" oder einen politischen Missionar handeln. Der Grünen-Politiker, der gerne in einem vom ihm als "scheußlich" ironisierten kornblumenblauen Anzug mit dem Dienst-Rad unterwegs ist, heißt Boris Palmer.
Im Oktober 2006 geschah in Tübingen am Neckar die politische Sensation: Der Sohn des im Südwesten berüchtigten "Rebellen vom Remstal", Helmut Palmer, wurde im ersten Wahlgang mit mehr als 50 Prozent zum Oberbürgermeister gewählt. Palmer schied aus dem Stuttgarter Landtag aus und bezog Anfang 2007 sein OB-Büro im 600 Jahre alten Rathaus am Tübinger Marktplatz.
Wer damals dachte: "Na warte, du obergrüner Klima-Schützer, das Sein als OB bestimmt bald auch dein Bewusstsein, du wirst den Mercedes plus Fahrer schon noch zu schätzen lernen", dem zeigte Palmer (37), was Konsequenz im Reden und Tun bedeutet.
Er steckte den allseits erhobenen Vorwurf weg, ein Landesverräter zu sein, wenn er im Daimler-Land demonstrativ den Mercedes zurückgebe und – ausgerechnet! – einen Toyota-Hybrid anschaffen lasse. Palmer erklärte, er sei es, der einen patriotischen Akt vollziehe. Er habe nichts gegen deutsche Autos, aber wenn Daimler & Co. es nicht fertigbrächten, endlich Pkw mit eingebautem Klimaschutz zu produzieren, verspielten sie ihre und die Zukunft der Menschen im einst so prosperierenden Export-"Ländle": "Wir bekommen in Baden-Württemberg das nächste Ruhrgebiet, wenn sich unsere Industrie nicht endlich ökologisch modernisiert."
"Tempo 300 fahre ich im ICE"
Sprach's, beschäftigte seinen Fahrer woanders in der Verwaltung und setzte sich in den Prius, der vor dem Rathaus wie ein Gefährt vom anderen Stern beäugt wurde. Dass sich damit nicht rasen lässt, war ihm egal: "Tempo 300 fahre ich im ICE."
Er erzählt, wie ihm erschrockene Vertreter der deutschen Autoindustrie die Hybrid-Variante des Winzlings "Smart" anboten und wie er (zunächst) einverstanden gewesen sei. Nach nur 18 Monaten befand der OB, der Tübingen zu einem deutschen Klimaschutz-Mikrokosmos machen will: "Immer noch zu viel Spritverbrauch, immer noch zuviel CO2-Ausstoß. Ich steig' aufs Rad." Seither strampelt er ein Zweirad namens "Pedelec". Es besitzt ein Hilfsmotörchen, damit ihm nach Bergan-Fahrten und bei Sommerhitze verschwitztes Auftreten in amtlicher Mission erspart bleibt.
In Tübingen halten Palmers Grüne 14 Ratsmandate. Der OB sagt, man sei hier Volkspartei. CDU und SPD sind mit acht und sieben Mandaten halbstark. Die SPD, die jahrelang Nummer eins in Tübingen war, kann ihre Degradierung auf Platz drei noch nicht fassen. Palmer, der mit "Schwarz-Grün" sympathisiert, wurde 2006 für acht Jahre gewählt. Das von ihm angestoßene Klimaschutz-Programm "Eine Stadt macht blau" verrät den Überzeugungstäter.
Palmer beharrt auf CO2-Senkung
Palmer ("Ich will den blauen Himmel über der Stadt") ist davon überzeugt, dass CO2-Senkung entscheidend ist "zwar nicht für das Überleben der Menschheit, aber das unserer Zivilisation". Palmer: "Es geht ums Ganze." Das sind große Worte, die der OB wiederholt, "so lange, bis es die, denen ich bewusst auf den Geist gehe, kapieren".
Tübingen soll bis 2020 rund 70 Prozent der CO2-Emissionen (derzeit acht Tonnen pro Person und Jahr) einsparen. Die Wohnungsbaugesellschaften verdreifachen ihre Anstrengungen zur ökologischen Gebäude-Sanierung. Städtische Bedienstete belegen Kurse für energiesparendes Fahren.
Seit Palmers Missions-Beginn wurden aus 700 Kunden von Ökostrom 4000. In der Uni-Stadt werden energiefressende Heizungspumpen und Kühlschränke ausgetauscht; man kauft regionale Bioprodukte und nahm von der Glühbirne Abschied, bevor sie offiziell aus dem Verkehr gezogen wurde.
Palmers Credo lautet: "Wir in Tübingen wollen zeigen, dass man das Klima schützen und trotzdem ein gutes Leben führen kann." Er sagt Sätze, die andernorts wie Todesdrohungen klingen: Natürlich sei es besser, das Klimaschutz-Automobil der Zukunft voranzutreiben, als Opel mit Steuergeld zu helfen. Stets klingt der hohe Ton des Umwelt-Missionars durch: "Derzeit drosselt die Menschheit nur das Tempo ihrer Selbstzerstörung."
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