Özkan-Vereidigung: Türkische Presse prangert "Doppelmoral" an
zuletzt aktualisiert: 28.04.2010 - 12:53Istanbul (RPO). Die erste muslimische Ministerin in Deutschland hat auch in der Türkei Aufmerksamkeit erregt. Die türkische Presse berichtete am Mittwoch über die Vereidigung der türkischstämmigen Aygül Özkan (CDU) zur niedersächsischen Sozialministerin.
"Erst die Entschuldigung, dann der Amtssessel", überschreibt die bürgerliche Zeitung "Milliyet" ihren Bericht mit Blick auf den Wirbel um Özkans Äußerung zu Kreuzen an öffentlichen Schulen. "Rückzug vom Vorstoß für die Entfernung religiöser Symbole", titelt die islamische-wertkonservative Zeitung "Zaman".
Ingesamt ist die Begeisterung in der Presse deutlich gebremst. Bei der Ernennung Özkans hatten türkische Zeitungen noch mit Beifall und Jubel reagiert. Nach dem Kruzifix-Streit dominieren nun Enttäuschung und auch Ärger über den Umgang mit der Ministerin.
Özkan habe in kürzester Zeit erfahren müssen, dass sie als erste muslimische Ministerin in Deutschland nur Probleme bekommen werde, kommentierte die liberale Zeitung "Taraf". Das Blatt hob insbesondere die Äußerung des CSU-Politikers Thomas Goppel hervor, der die Türkei als Heimatland von Özkan bezeichnet hatte.
Die konservative Zeitung "Yeni Safak" meinte, dass die ganze Debatte in der Türkei undenkbar gewesen wäre. Wenn eine Partei in der Türkei die Freigabe des Kopftuchs im Klassenzimmer fordern und für eine islamisch-religiöse Wertorientierung im öffentlichen Erziehungswesen eintreten würde, dann würde sie sofort verboten, hieß es in dem Kommentar mit der Überschrift: "Westliche Werte: Doppelmoral und religiöse Diskriminierung".
Arslan: Wichtiges Signal
Aus Sicht des Deutsch-Türkischen Forums der CDU in NRW ist Özkans Ernennung ein "sehr wichtiges Signal" für Migranten. Der Schritt fördere die Integration, sagte der Forums-Vorsitzende Bülent Arslan den Dortmunder "Ruhr Nachrichten". "In türkischstämmigen Kreisen wird das als historisches Ereignis gesehen und bejubelt." Es zeige, dass auch Migranten weiterkommen und Karriere machen könnten.
Zwar glaube er nicht, dass es irgendwann auch einen türkischstämmigen Kanzler geben werde, so Arslan. Dagegen werde es aber in den kommenden Jahren zur Normalität werden, dass in Bund und Ländern Minister mit Migrationshintergrund arbeiteten.
Arslan sprach sich für Kreuze in Klassenzimmern aus. Das Wertesystem der Gesellschaft beruhe vorwiegend auf dem Christentum. Der Staat und seine Bildungseinrichtungen seien "auch für die Vermittlung von Werten, und damit auch christlicher Werte, zuständig".
Kirchen verwundert über Amtseid
Özkans Amtseid mit Gottesbezug stößt derweil bei den Kirchen auf Unverständnis. Der Sprecher der Hannoverschen Landeskirche, Johannes Neukirch, sagte der "Bild"-Zeitung, "dass alle drei monotheistischen Religionen denselben Gott verehren, ist ein sehr unspezifisches Gottesbild".
Er fügte hinzu: "Wir Christen sehen schon einen deutlichen Unterschied zwischen unserem Gott und Allah." Laut Islam ist Jesus lediglich ein Prophet Allahs, "für uns ist er aber Gottes Sohn. Und damit Gott gleichzusetzen". Auch das Judentum erkenne Jesus nicht als Gottes Sohn an, sagte er.
Der Sprecher des katholischen Bistums Essen, Ulrich Lota, sagte, "theologisch sind der Gott der Christen und der Gott des Islam nicht gleichzusetzen". Allah heiße zwar auf arabisch Gott. Syrische Christen fügten aber, wenn sie beteten, den Zusatz "Vater unseres Herrn Jesus Christus" hinzu, um ihn vom islamischen Allah abzuheben.
Die neue niedersächsische Sozialministerin Özkan hatte bei ihrer Vereidigung im Landtag die sogenannte Gottesformel benutzt. An ihre Vereidigung schloss sie die Worte "so wahr mir Gott helfe" an.
- RP ONLINE
- Kontakt
- AGB
- DATENSCHUTZ
- Impressum