Anti-AKW-Demonstrationen: Über 200.000 Menschen auf der Straße
zuletzt aktualisiert: 26.03.2011 - 15:02Berlin (RPOd). Rund 210.000 Menschen haben am Samstag bei vier Großdemonstrationen für einen Ausstieg aus der Kernkraft demonstriert. Nach Angaben des Bundes für Umwelt und Naturschutz (BUND) beteiligten sich allein in Berlin rund 90.000 Menschen an der Demonstration. In Hamburg seien rund 50.000 Menschen und in Köln 40.000 Menschen auf die Straße gegangen. Rund 30.000 Teilnehmer zählten die Veranstalter in München, wie BUND-Atomexperte Thorben Becker auf dapd-Anfrage sagte.
Die Demonstrationen standen unter dem Motto "Fukushima mahnt - Atomkraft abschalten!". Die Großdemo in Hamburg startete um 12.00 Uhr in der Nähe der Dammtor-Bahnhofs, um sich dann in Richtung Rathausmarkt zu bewegen. Dort sollte um 14.00 Uhr eine Kundgebung stattfinden.
Zu den Protesten aufgerufen haben unter anderem die Anti-Atom-Initiative Ausgestrahlt, die Umweltschutzorganisationen BUND, Naturfreunde Deutschland und Robin Wood sowie die Kampagnennetzwerke Attac und Campact. Unterstützt werden die Proteste auch von der evangelischen und katholischen Kirche, Gewerkschaften sowie Künstlern wie der Band "Wir sind Helden".
SPD-Chef Sigmar Gabriel wertete die große Beteiligung an den Protesten am Rande der Anti-Atom-Demonstration in Berlin als Beleg, dass die Menschen in Deutschland den Atomausstieg wollten. "Sie wollen, dass wir die Energiewende beschleunigen. Und sie haben die Nase voll von den wahltaktischen Spielchen von Union und FDP." Es gehe nicht darum, jetzt ein paar Atomkraftwerke kurz vor Landtagswahlen vorübergehend stillzulegen. "Die ältesten Atomkraftwerke müssen sofort und endgültig vom Netz. Alle anderen müssen anhand modernster Sicherheitsanforderungen überprüft und dann nach und nach abgeschaltet werden."
Im japanischen Fukushima waren bei der verheerenden Erdbeben- und Tsunami-Katastrophe vom 11. März mehrere Atomreaktoren beschädigt worden. Es gab Explosionen und Brände. Das genaue Ausmaß des Atomunglücks ist weiterhin nicht bekannt.
Spott für Brüderle in Köln
Bei der Auftaktkundgebung in Köln haben sich am Samstag mehrere tausend Menschen in der Kölner Innenstadt versammelt. Auf Plakaten forderten sie zum Abschalten aller Atomkraftwerke weltweit auf und zogen über Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle ("In vino veritas") her. Der FDP-Politiker soll beim Bundesverband der Deutschen Industrie einen Zusammenhang zwischen dem Atom-Moratorium und den Landtagswahlen am Sonntag gezogen haben. Brüderle fühlt sich allerdings falsch wiedergegeben.
Vertreter der Anti-Atomkraft-Initiativen aus dem Münsterland forderten die Landesregierung auf, die Urananreicherungsanlage in Gronau zu schließen, da von dort auch japanische Atomanlagen beliefert würden. Gleichzeitig riefen sie die Demonstranten auf, die Atomkraftwerke in Deutschland zu blockieren.
Unter dem Motto "Fukushima mahnt. Alle Atomkraftwerke abschalten!" wollen die Demonstranten am Mittag zum Rheinufer ziehen, wo um 14.00 Uhr die große Hauptkundgebung stattfinden wird. Die Veranstalter rechnen dort mit mehr als 10.000 Teilnehmern.
Zu der Demonstration aufgerufen haben zahlreiche Anti-AKW-Initiativen und Globalisierungskritiker. Unterstützt wird der Aufruf auch vom DGB. Die Grünen wollten sich nach eigenen Angaben mit rund 5.000 Mitgliedern an der Demonstration beteiligen. Auch Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) wollte am Mittag zur Hauptkundgebung nach Köln kommen. Einer der Hauptredner dort ist der DGB-Landesvorsitzende Andreas Meyer-Lauber.
DGB-Chef Sommer: Atomkraft ist nicht beherrschbar
Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) macht sich für einen raschen Ausstieg aus der Nutzung der Atomenergie stark. Die Atomkraft sei "schlicht zu groß für den Menschen", die Kräfte der Kernenergie seien nicht zu beherrschen, erklärte der DGB-Vorsitzende Michael Sommer am Samstag in Berlin angesichts der Großdemonstration für die Abschaltung aller Atomkraftwerke. Es sei falsch von der Bundesregierung gewesen, den Weg des Ausstiegs aus der Kernenergie zu verlassen.
Sommer mahnte, die Uralt-Atomkraftwerke müssen dauerhaft abgeschaltet werden. Zudem sei ein "annehmbarer Fahrplan für den endgültigen Atomausstieg" nötig. "Wir müssen geordnet aussteigen - aber so schnell wie möglich und unumkehrbar", mahnte der DGB-Chef. Die Atomenergie sei keine Brückentechnologie. "Diese Brücke ist in Fukushima endgültig eingestürzt", sagte Sommer mit Blick auf die Reaktorkatastrophe in Japan.
"Die Lichter werden nicht ausgehen, wenn es in Deutschland keine Atomkraftwerke mehr gibt", betonte Sommer. Von den 17 Meilern seien derzeit gerade mal 4 voll am Netz. Und trotzdem sei genug Strom da.
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