Bundesbankvorstand Thilo Sarrazin: "Unterschicht ist sozial- und verhaltensarm"
zuletzt aktualisiert: 08.04.2010 - 21:42Berlin (RPO). Der frühere Berliner Finanzsenator und heutige Bundesbank-Vorstand Thilo Sarrazin (SPD) sieht keinen zwingenden Zusammenhang zwischen Armut und "typischem Unterschichtenverhalten". Nicht das fehlende Geld sei schuld an TV-Konsum, Wortarmut und Fettleibigkeit, sondern das Verhalten.
Bei einem Gespräch mit der "taz"-Wirtschaftsjournalistin Ulrike Herrmann im Kulturkaufhaus Dussmann an der Friedrichstraße sagte er am Donnerstagabend, die Armut eines Teils der Unterschicht sei keine materielle, sondern eine "Sozialisations- und Verhaltensarmut". Sarrazin und die Autorin diskutierten über Thesen aus dem am Donnerstag vorgestellten Buch von Herrmann "Hurra, wir dürfen zahlen". Es befasst sich mit dem "Selbstbetrug" der Mittelschicht in Deutschland.
Laut Sarrazin haben übermäßiger TV-Konsum, Wortarmut und Fettleibigkeit der sogenannten Unterschicht nichts mit Geld zu tun, sondern mit Verhalten. Unmittelbar miteinander in Zusammenhang stünden jedoch hoher TV-Konsum und Fettleibigkeit, wie Vergleiche aus Berliner Bezirken zeigten.
"Viele können vielleicht nicht ändern, ob sie Arbeit haben. Aber sie können beeinflussen, ob sie morgens aufstehen und ihren Kindern ein Schulbrot machen", sagte Sarrazin. Im Übrigen gebe der deutsche Durchschnittshaushalt nicht viel mehr für die eigene Versorgung aus als einem Hartz-IV-Empfänger (anteilig) zustehe. Wer allerdings als Hilfeempfänger rauche und sich regelmäßig "elektronische Dinge" anschaffe, habe "die Tendenz", seine Kinder in die Suppenküche zu schicken.
Sarrazin stand in der Vergangenheit immer wieder wegen provokanter Thesen und Aussagen in der Kritik. So hatte er im Oktober 2009 im Interview mit der Zeitschrift "Lettre International" bestimmten Zuwanderergruppen in Berlin vorgehalten, lediglich "eine produktive Funktion für den Obst- und Gemüsehandel" zu haben und ständig "neue, kleine Kopftuchmädchen" zu produzieren. Ein von linken Berliner SPD-Mitgliedern angestrebter Antrag auf Parteiausschluss Sarrazins scheiterte.
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