Leser-Reaktionen auf Sarrazin-Vorschlag: "Vom Wutausbruch hätte ich heizen können"
zuletzt aktualisiert: 30.07.2008 - 15:16Berlin (RPO). Die Aussagen von Thilo Sarrazin (SPD) sorgen weiter für Wirbel. Berlins Finanzsenator hatte Verbraucher aufgefordert, ob der hohen Energiepreise einfach dicke Pullover zu tragen. Erste Politiker-Kollegen wollen sich die "zynischen und arroganten Sprüche" nicht mehr bieten lassen und fordern den Rücktritt. Auch unsere Leser diskutieren. Einige haben Verständnis. Viele sind wütend.
So gibt es unter unseren Lesern durchaus verständnisvolle Stimmen. "Dem Senator muß ich zustimmen. Nur die ältere Generation kennt heute noch einfache Verglasung, 20 Grad minus oder mehr und Eisblumen an den Fenstern. Ich habe unter gleichen Umständen wie der Senator Winter und Kälte überlebt. Es muß nicht immer 25 Grad warm in der Wohnung sein", sagt etwa Hubert Schwach. Und Martina Gaida hält fest: "Ja, er hat Recht."
Auch Stephan Hobusch versteht die ganze Aufregung nicht: "Herr Sarrazin hat im Grunde recht. Energie zu sparen ist der richtige Weg. Allerdings sollte er dabei die am Weg befindlichen "Hinweisschilder" der Rechtssprechung beachten: Die Gerichte fordern in Wohnungen eine Mindesttemperatur von 20 bis 22° Grad Celsius." Und Frank Kuntze nötigt "sein Mut Respekt ab".
Mehrheit kritisiert "Unverschämtheit"
Ein Großteil der Leser bezeichnet den Vorstoß des SPD-Politikers jedoch als Frechheit. "Schade das heute Sommer ist. von der Energie des Wutausbruches, den ich eben beim Lesen des Artikels über die Statements von Thilo Sarrazin bekam, hätte ich 3 Tage lang unsere Wohnung heizen können. Vielleicht sollte man Wutausbruchs-energiespeicheranlagen erfinden, die man sich auf den Kopf setzen kann", wettert Thomas Wiesen.
Brigitte Parlo ist ebenfalls außer sich vor Wut: "Arroganz und Ignoranz! Weiß dieser Herr überhaupt wie hoch die Renten von Trümmerfrauen sind, die dieses Land wiederaufgebaut und ihm ein warmes Nest bereitet haben", schimpft sie.
Für Wolfgang Scharlowsky sind Sarrazins Aussagen "nur ein weiterer Beweis für den nahezu völligen Realitätsverlust unserer Politiker". Claudia Bauer ist ebenfalls verärgert und moniert: "Es ist unfassbar wie unverschämt und weltfremd unsere Politiker so sind. Wie viele "dicke" Pullover soll man denn einem wenige Wochen alten Säugling zu Hause anziehen?"Und Elke Derksen nennt den Vorstoß Sarrazins eine "Unverschämtheit".
Politiker fordert Rücktritt
Auch die Politik wendet sich von Sarrazin ab. Nach den umstrittenen Äußerungen zum Energiesparen hat ein Bezirkspolitiker des SPD-Koalitionspartners Linke dessen Rücktritt gefordert. "Wir haben uns Sarrazins zynische und arrogante Sprüche, sei es gegen öffentliche Bedienstete, gegen Lehrer oder immer wieder gegen Arbeitslose zu lange gefallen lassen", sagte das Mitglied des Bezirksvorstandes Friedrichshain-Kreuzberg Mark Seibert. Am Dienstag hatte bereits der DGB den Rücktritt Sarrazins verlangt, der mit Blick auf die hohen Heizkosten empfohlen hatte, den Energieverbrauch einzuschränken und die Zimmertemperatur zu drosseln.
Seibert forderte jetzt einen "klaren Schnitt". Dies sei nötig, weil Sarrazin sich als "extrem lernresistent" erwiesen habe. Zwar habe der Finanzsenator sich nach jedem Lapsus mehr oder weniger glaubhaft entschuldigt und Besserung versprochen, aber das habe immer nur wenige Wochen gehalten. Es sei inakzeptabel, dass nicht nur Die Linke, sondern auch die rot-rote Koalition für ihren Finanzsenator in Sippenhaft genommen werde.
Leider konnte sich seine Partei in Berlin bislang nicht zur einer Rücktrittsforderung durchringen, bedauerte Seibert. Deshalb werde er zum nächsten Landesparteitag, spätestens aber im Oktober, einen entsprechenden Antrag einbringen. Die Zeit bis dahin wolle er nutzen, um Unterstützer aus den Bezirksverbänden zu mobilisieren. "Ich bin mir sicher, dass ein solcher Antrag erfolgreich sein wird", betonte Seibert.
"Herr Sarazzin erzählt dummes Zeug"
Auch in seiner eigenen Partei gerät Sarrazin wegen seiner Äußerungen zunehmend unter Druck. "Herr Sarrazin erzählt dummes Zeug. Er spricht nicht für die SPD", sagte SPD-Bundestagsfraktionsvize Ulrich Kelber der "Westdeutschen Allgemeinen Zeitung" (Mittwochausgabe). "Wenn Sarrazins Größe von seiner Sensibilität abhängig wäre, könnte er unter dem Teppich Fallschirm springen", fügte er hinzu. Auch der energiepolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Rolf Hempelmann, kritisierte Sarrazin.
Statt die Empörten zu spielen sollten SPD und Linke in Berlin endlich, ihre "verheerende Energiepolitik" ändern, forderte der Grünen-Energieexperte im Abgeordnetenhaus, Michael Schäfer. Bis 2020 müsse der Energieverbrauch der Berliner Haushalte unter anderem durch Wärmedämmung, effiziente Heizungsanlagen halbiert werden.
Schreiben Sie uns Ihre Meinung. Hat der Senator Recht?
Viele Deutsche stöhnen über die hohen Energiepreise - Berlins rot-roter Finanzsenator Thilo Sarrazin (SPD) hält das für übertrieben. Wir fragen Sie: Was meinen Sie zu den Äußerungen des Senators? Hat er Recht? Wie sparen Sie Energie? Schreiben Sie uns hier Ihre Meinung.
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