Familienministerin über den Erziehungsnotstand: Von der Leyen: Fernseher raus aus Kinderzimmern
zuletzt aktualisiert: 31.01.2009 - 10:39Berlin (RP). Familienministerin Ursula von der Leyen will TV-Geräte und Computer aus Kinderzimmern verbannen. "Da bin ich eisern. TV-Geräte und Computer gehören einfach nicht in ein Kinderzimmer, unabhängig davon, wie alt die Kinder und Jugendlichen sind." Im Interview mit unserer Redaktion sprach die Politikerin über Kindererziehung, Kinderarmut, die Frauenrolle in der Gesellschaft und über ärgerliche Gehaltsunterschiede zwischen Männern und Frauen.
Frauen verdienen in Deutschland immer noch 20 bis 30 Prozent weniger als Männer. Ein Skandal?
Ursula von der Leyen: Das ist ein Ärgernis. Die ungleiche Bezahlung von Männern und Frauen nimmt mit steigender Qualifikation zu. Die Wirtschaftsführer müssen umdenken. Deshalb habe ich ein Aktionsbündnis gegründet, in dem der Deutsche Frauenrat, die deutschen Unternehmerinnen, aber auch der BDA Mitglieder sind. Ich will nicht Anklägerin sein, sondern Verbündete finden, die innerhalb der Wirtschaft einen Umdenkungsprozess einleiten.
Wäre die Finanzkrise weniger schlimm ausgefallen, wenn mehr Frauen auf Managerstühlen gesessen hätten?
von der Leyen (lacht): Es ist müßig, über verschüttete Milch zu klagen. Das Experiment sollten wir aber wagen: Unternehmer, schickt mehr Frauen in Führungsposition und wir sehen, ob wir es besser machen.
Pädagogen, Ärzte und Psychologen beklagen Erziehungsnotstand. Was ist los in unseren Kinderzimmern?
von der Leyen: Viele junge Menschen sind in der Erziehung ratlos. Es fehlen die selbstverständlichen Vorbilder Eltern und Großeltern, Onkel und Tanten. Ein afrikanisches Sprichwort sagt: Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind großzuziehen. Diese Strukturen gibt es in unserer Gesellschaft nicht mehr. Das muss man nicht beklagen, sondern das Beste draus machen: Mit dem Programm der Mehrgenerationenhäuser erreichen wir, dass sich die Generationen wieder austauschen, auch ohne verwandt zu sein. Außerdem müssen Eltern wieder mehr vorleben, was sie von ihren eigenen Kindern verlangen.
Sind Fernseher und Computer im Kinderzimmer in Ordnung?
von der Leyen: Nein. Da bin ich eisern. TV-Geräte und Computer gehören einfach nicht in ein Kinderzimmer, unabhängig davon, wie alt die Kinder und Jugendlichen sind. Wer weiß dann genau, was die Kinder wie lange schauen? Ich kann Eltern nur raten, die Geräte aus den Kinderzimmern zu nehmen. Wenn schon fernsehen, dann bewusst alle gemeinsam. Nichts ist schlimmer, als wenn Kinder einsam vor der Mattscheibe sitzen.
Und wenn die Eltern keine Alternativen zu TV und Computer kennen?
von der Leyen: Da ist die Gemeinschaft gefragt. Ein Großteil der Hauptschüler verbringt heute mehr Zeit vor dem Computer als in der Schule. Deshalb bleibt der Ausbau der Ganztagsschulen, die am Nachmittag Lernangebote, Sport und Musik anbieten, ein wichtiges Projekt für die nächsten Jahre.
Das kostet viel Geld . . .
von der Leyen: Selbstverständlich kostet das. Aber das ist ja kein herausgeschmissenes Geld. Das ist die beste Investition für künftige Generationen. Deshalb haben wir ja auch dafür gekämpft, dass vom Konjunkturpaket 8,6 Milliarden Euro in die Bildung fließen – vom Kindergarten bis zur Hochschule. Es ist auch gut, dass 70 Prozent des Geldes direkt an die Kommunen geht. Wir sind mit Österreich die Einzigen, die noch eine Halbtagsschule haben. Wenn die Ganztagsschule gut funktioniert, wird die private Nachhilfe der Eltern überflüssig, das schafft Zeit für Gemeinsamkeit in der Familie.
Müssen die Hartz-IV-Sätze für Kinder reformiert werden?
von der Leyen: Ja. Es muss genau festgelegt werden, was ein Kind braucht. Der Bedarf eines Kindes kann nicht mit einem beliebigen Prozentsatz vom Bedarf eines Erwachsenen abgeleitet werden. Deshalb ist der Arbeitsminister in der Pflicht, in Euro und Cent darzulegen, was ein Kind in welchem Alter braucht. Wichtig dabei ist, dass das Lohnabstandsgebot beachtet wird. Eltern, die erwerbstätig sind, müssen am Ende mehr im Portemonnaie haben, als wenn sie Hartz IV beziehen. Denn sonst zementieren wir Kinderarmut, weil der Anreiz, Arbeit aufzunehmen, fehlt.
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