25 Jahre Grüne im Bundestag: Von der Öko- zur Machtpartei
VON STEFANIE WINKELNKEMPER - zuletzt aktualisiert: 06.03.2008 - 07:17Berlin (RP). Vor einem Vierteljahrhundert zogen die Grünen mit 5,6 Prozent der Wählerstimmen ins Parlament ein. Sie waren die "Antiparteien-Partei", die Helmut Kohl zur Weißglut brachte. Heute wollen sie als Partei einer bürgerlichen Elite sogar mit der CDU koalieren. Ein Blick zurück.
Es war einmal eine Protestpartei. Sie war wild, sie war frei von Machtgelüsten und revolutionierte den Deutschen Bundestag: die Grünen. Vor genau 25 Jahren knackte die Ökopartei das erste Mal die Fünf-Prozent-Hürde und zog mit Blumen, Bärten und Norweger-Pullovern ins Parlament. Jetzt steht sie vor einem historischen Schritt. In Hamburg wollen CDU und Grüne das erste Mal auf Landesebene koalieren. Es wäre die Wiedervereinigung des deutschen Bürgertums. Damit hätten die Idealisten von 1983 nie gerechnet.
Zur konstituierenden Sitzung des zehnten Deutschen Bundestags zogen die 28 gewählten Abgeordneten mit einem Tross von Anhängern durch das Bonner Regierungsviertel zum Parlament. Sie trugen Blumen, schoben eine aufgeblasene Weltkugel vor sich her und schulterten eine Tanne. "Sehr viel Grünzeug war da unterwegs. Ein solches Spektakel hat es noch nie gegeben", erinnert sich Hubert Kleinert, damals Abgeordneter, heute Politik-Professor.
Second-Hand-Klamotten und Blumen
Er selbst habe damals keine Blumen in die Hand genommen und sogar halbanständige Second-Hand-Klamotten angezogen, erzählt er. Jeder pflegte seinen Individualismus. Allen gemein aber war das erhebende, umwerfende und unwirkliche Gefühl, in der Bundespolitik angekommen zu sein. "Ich habe ständig Bewusstseinsstörungen in diesem Saal", ereiferte sich Petra Kelly, Ikone der Friedensbewegung nach den ersten Tagen im Plenarsaal in einem Rausch von Euphorie. "Wir waren unheimlich aufgeregt", sagt auch Christa Nickels aus Geilenkirchen rückblickend.
Es sei "wie ein Sprung aus dem tropischen Meer ins Eismeer" gewesen, als die Anhänger sie an den Parlaments-Pforten absetzten. Die CDU zischelte kühl und immer lauter. Die Grünen mischten gewachsene Strukturen auf: "Wir fordern Sie alle auf, den alltäglichen Sexismus im Parlament einzustellen", plädierte Waltraud Schoppe in ihrer ersten Rede und erntete anhaltendes Lachen von CDU und FDP.
Michael Vesper, Abgeordneter der ersten Stunden, hatte den Konflikt zwischen seiner "Antiparteien-Partei", wie die Grünen sich nannten, auch in der eigenen Familie auszutragen. Der Vater war CDU-Ratsherr in Düsseldorf und kommentierte den Lebenswandel seines konservativ erzogenen Sohnes: "Schade, aber Hauptsach’, dä Jung is nit in der SPD." Den ersten größeren Konflikt mit den Christdemokraten beschworen die Grünen, als sie demonstrativ den Saal verließen, während Helmut Kohl seinen Eid als Bundeskanzler schwor. Nur Marieluise Beck gratulierte provokant mit einem krüppeligen Tannenzweig, Symbol für das Waldsterben. Kohl seinerseits sprach wenige Tage später von "Hass", den die junge Partei im Parlament säen würde. Sie tat es mit Leidenschaft.
Von der Bewegung zur Machtpartei
Beck, die noch heute Fraktionsmitglied ist, wurde heftig aus den eigenen Reihen für den Tannenzweig gerügt und brach vor den versammelten Grünen in Tränen aus. Es wäre besser gewesen, "einen viel verstorbeneren Zweig zu nehmen", erklärte Petra Kelly, die wichtigste Figur des grünen Anfangsmythos. Neben ihr am Tisch nickten Otto Schily, einer der wenigen Krawattenträger, und Joschka Fischer in Lederjacke. 15 Jahre später ging dieser im maßgeschneiderten Dreiteiler als Außenminister auf Reisen.
Die Grünen sind gewöhnlich geworden, "zu einer Machterwerbspartei wie jede andere", sagt Kleinert. Die Welt von damals gibt es nicht mehr. Spätestens nach den sieben Jahren in der Bundesregierung haben die Grünen ihr Exotentum verloren. Kleinert: "Es gibt eben keine Bewegung im Dauerzustand." Aber der Wandel stellt die Partei immer wieder vor harte Zerreißproben. "Ich würde mir wieder mehr Eigensinn und kreatives Potenzial wünschen", sagt Antje Vollmer, die bis 2005 Vizepräsidentin des Bundestags war, heute. Von den einstigen Charismatikern seien zu viele verbrannt worden.
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