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Daimler-Chef besucht Grünen-Parteitag
Waffenstillstand zwischen Özdemir und Zetsche

Waffenstillstand zwischen Cem Özdemir und Dieter Zetsche
Cem Özdemir (rechts) und Dieter Zetsche auf dem Parteitag der Grünen in Münster. FOTO: afp, PST
Münster. Zwischen den Grünen und der deutschen Automobilindustrie bahnt sich ein neuer Schulterschluss an. Grünen-Chef Cem Özdemir und Daimler-Chef Dieter Zetsche warben vor mehr als 800 Delegierten auf dem Grünen-Parteitag in Münster für den Dialog zwischen der Öko-Partei und Deutschlands größtem Industriesektor. Von Birgit Marschall, Münster

"Das alte Lagerdenken zwischen PS-Fetischisten und freudlosen Anti-Auto-Ökos wird von der Realität überholt", sagte Zetsche. Özdemir sagte, es sei ein "Hammer-Kompliment", dass der Chef des größten Autokonzerns zu den Grünen käme und nicht zu CDU oder SPD. "Hier wird über die Zukunft der Automobilindustrie entschieden", rief Özdemir unter lautem Jubel der Delegierten.

Das Verhältnis zwischen Grünen und Autoindustrie war stets angespannt. Die Grünen werfen Daimler und anderen Autokonzernen vor, an Rüstungsexporten in Krisengebiete zu verdienen und den Umstieg vom Verbrennungs- zum Elektromotor verschlafen zu haben. Zudem geißeln sie die "Kumpanei" zwischen der Bundesregierung und der Autolobby im Dieselskandal. Mit großer Mehrheit votierte der Parteitag für den Ausstieg aus der Produktion von Verbrennungsmotoren 2030. Den Kohleausstieg wollen die Grünen schon 2025, nicht erst 2035, wie der Bundesvorstand vorgeschlagen hatte.

"Unsere Branche hat verstanden"

Zetsche erklärte, die Automobilwirtschaft stehe vor fundamentalen Umbrüchen. "Unsere Branche hat verstanden: Das größte Risiko für unsere Arbeitsplätze wäre Festhalten am Status Quo", sagte Zetsche. Daimler investiere Milliarden in die Entwicklung von E-Autos. 2025 werde der Konzern zehn neue E-Modelle auf den Markt bringen. Er warnte die Grünen jedoch davor, ein festes Ausstiegsdatum für fossile Verbrennungsmotoren politisch festzulegen. Der Umstieg auf Elektromobilität gelinge letztlich nur, wenn die Menschen in der Breite die E-Autos auch kaufen wollten, nicht wenn dies nur politisch festgelegt werde. Daran arbeite die Industrie längst mit Nachdruck. Zetsche wies den Vorwurf zurück, zu spät zu reagieren. Erst jetzt sei die Forschung so weit, dass der Umstieg auch global möglich werde. Da die Ladeinfrastruktur global gesehen nicht schnell genug nachkomme, müsse die Industrie in der Zwischenzeit auf Plug-In-Hybride und E-Fuel-Modelle setzen.

Die Grünen reagierten mit freundlichem Applaus und einem Blumenstrauß für Zetsche. Allerdings gab es auch Proteste: Mitglieder der Grünen Jugend hielten Plakate in die Höhe, auf denen sie gegen Daimlers Rüstungsexporte demonstrierten. Vereinzelt gab es auch Buhrufe.

Standing Ovations erhielt Jürgen Resch, den Chef der Deutschen Umwelthilfe.  "Die Herren Zetsche, Müller und Krüger diktieren Gesetzesinhalte. Sie lassen die Bundeskanzlerin dafür kämpfen, dass man Abgas-Grenzwerte aufweicht", sagte Resch. Er warnte vor einer Verkehrswende in die falsche Richtung: Daimler und andere Konzerne überfluteten die Städte derzeit mit neuen Kleinlastern mit Vebrennungsmotoren. Bei E-Autos gehe die Industrie dagegen nur lustlos voran. Resch forderte die Konzerne auf, nach dem Dieselskandal sofort alle beanstandeten Modelle umzurüsten. "Wir brauchen 2030 ein Diesel-Verbot", sagte Resch.

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