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Bundespräsident Horst Köhler: Wahlkämpfer wider Willen

VON MICHAEL BRÖCKER - zuletzt aktualisiert: 15.06.2008 - 11:16

Neudietendorf (RP). Bundespräsident Horst Köhler will alle Deutschen repräsentieren. Einen Wahlkampf um das höchste Amt im Staat lehnt er ab. Der Auseinandersetzung mit der SPD-Kandidatin Gesine Schwan kann er sich trotzdem nicht entziehen. Eine Reise mit dem Staatsoberhaupt.

 Das Volk lässt Horst Köhler ungern stehen. „Gehen wir doch g’schwind zu den Menschen rüber“, schwäbelt der Präsident, als er vor der Mehrzweckhalle in Ohrdruf einen Pulk von Wartenden erblickt. Der Protokollchef murrt. Der Zeitplan – Köhler tourt einen Tag durch Thüringen – ist längst durcheinander. Hilft nichts. Köhler geht mit ausgestrecktem Arm, breitem Lachen auf die Gruppe zu. „Und was habt ihr für Sorgen?“, fragt er hemdsärmelig. Respektvolles Schweigen. „Keine? Ja, das ist doch prima!“ Händeschütteln. Klicken der Digitalkameras. Lächeln.

„Prima“ sagt Köhler gerne. Das klingt bodenständig, zuversichtlich und unaufgeregt. So sieht sich der Präsident auch selbst. Dass die SPD ihm mit Gesine Schwan eine Gegenkandidatin vor die Nase gesetzt und einen Wahlkampf aufgezwungen hat, schiebt er lieber beiseite. Der Mann, der seine Popularität aus dem Unmut über die Politik zieht, mag Stimmenfang nicht. Wahlkampf? „Darum geht es hier nicht“. Ein präsidiales Basta.

Dennoch ist Köhler seit vier Wochen auf Werbetour in eigener Sache. Egal ob er mit Schülern in einem Weiterbildungszentrum in Thüringen spricht oder wie gestern in Bayern das Kloster Andechs besucht und per Videoschaltung mit Astronauten der internationalen Raumfähre ISS vom deutschen Kontrollzentrum in Oberpfaffenhofen kommuniziert. Köhler wird beobachtet. Seine Antwort: Kein Wahlkampf ist der beste Wahlkampf. Er muss einfach nur Präsident sein. Und das kann er gut, wie 80 Prozent der Deutschen laut aktuellen Umfragen finden.

Köhler ist in der evangelischen Akademie im thüringischen Neudietendorf angelangt. Jugendliche präsentieren hier Schulprojekte zur deutsch-deutschen Vergangenheit. Köhler fragt viel. „Diskutiert ihr mit euren Eltern darüber?“, „Was habt ihr gelernt?“ und immer: „Hat’s Spaß gemacht?“ Der Respekt vor dem Staatsoberhaupt weicht bei den Jugendlichen schnell. Köhler nimmt sie ernst, spielt sich nicht wie der Großonkel auf, der beim Familienbesuch anteilslos nach den Schulleistungen fragt. Köhler redet wie ein Kumpel auf dem Schulhof. „Ein echt netter Kerl“, sagt Timothy Himmelreich (16).

In Berlin-Mitte ist der Ton anders. Mahnend, fordernd sind die Einlassungen des Präsidenten in die Tagespolitik. Damit nervt der Anti-Politiker, der nie eine Wahl bestehen musste, die Politiker. Am Dienstag wird das wieder so sein, wenn Köhler im Schloss Bellevue die „Berliner Rede“ über Modernisierung hält.

In der Provinz ist der Volkswirt dagegen ganz Volkstribun. Ein Rentner, der vor dem Weiterbildungszentrum in Neudietendorf auf das Staatsoberhaupt wartet, spricht aus, was viele denken: „Köhler ist authentisch. Das reicht.“ Gesine Schwan, ergänzt der 70-Jährige, „ist viel zu professoral“.

Der SPD-Kandidatin kann sich Köhler nicht entziehen. In Gotha hat Knut Kreuch, Oberbürgermeister der Stadt, ein Volksfest auf die Beine gestellt. Einträchtig stehen Horst Köhler und seine Frau Eva-Luise vor dem Barockschloss und schauen wie einst die Kurfürsten auf den Marktplatz herab. Trachtengruppen, Blaskapellen und zwei Chöre warten unten. Ausgerechnet der CDU-Kreisverband trübt die Stimmung. Unionisten schwenken Plakate mit der Aufschrift „Zugabe“. Darunter der Satz: „Für eine zweite Amtszeit von Bundespräsident Horst Köhler.“ Ein oranges CDU-Logo ziert die Botschaft.

Köhlers Miene wird finster. „Was soll das? Wir machen keinen Wahlkampf“, zischt er. Ein Mitarbeiter reagiert. Während der Tross die Stufen hinabgeht, versucht er per Handy Vertreter der Orts-CDU zu erreichen. Die Plakate sollen runter. Vergebens. Köhler muss an den Unterstützern vorbei. „Danke“, murrt er. Dann eilt er zum Damenchor, der prompt „Oh, du schöner Rosengarten“ intoniert.

Köhler ist ein sensibler Mann. Er hatte gehofft, dass beide Volksparteien ihn weitere fünf Jahre unterstützen würden. Als ihm SPD-Chef Kurt Beck am 18. Mai telefonisch von der geplanten Schwan-Nominierung berichtete, sei Köhler „enttäuscht“ gewesen, erzählt ein Vertrauter. Zwar war die Inthronisierung des CDU-Mitglieds vor vier Jahren durch Stoiber, Merkel und Westerwelle selbst ein Paradebeispiel für Hinterzimmer-Politik. Doch Köhler mag Taktikspiele nicht. Dieses könnte er verlieren.

Und das war selten in der Karriere des 65-Jährigen. Vom Tübinger Uni-Campus arbeitete sich der Ökonom schnörkellos bis ins Finanzministerium, später an die Seite Helmut Kohls und 2000 auf Vorschlag von Kanzler Schröder an die Spitze des Internationalen Währungsfonds vor. Nie drängelte Köhler. Immer wurde er gefragt.

Kämpfen musste Köhler privat. Geboren 1943 im ostpolnischen Skierbieszòw als siebtes von acht Kindern lebte der Bauernsohn in den ersten 15 Jahren in Flüchtlingsunterkünften. Viel später fand er in Ludwigsburg eine Heimat. Die Familie, mit der Lehrerin Eva-Luise hat er Sohn Jochen (30) und Tochter Ulrike (35), ist Köhlers Kraftquelle. Sie hat Priorität. 1993 wechselte der Spitzenbeamte überraschend zum Sparkassenverband, um mehr Zeit mit seiner erblindenden Tochter zu verbringen. Regelmäßige Familien-Frühstücke sind auch heute Pflicht.

Bei seiner Wiederwahl-Entscheidung war die Familie letzte Instanz. Erst als sie „Ja“ sagte, tat es auch Köhler. Der Wille, das Angefangene zu beenden, das Land zu Reformen und mehr Zuversicht zu motivieren, ist sein Ziel. Köhler hat noch viel vor. „Alles Leben ist Problemlösen“, hat er mal gesagt. Das nächste Problem heißt Gesine Schwan.

Quelle: RP

 
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