Sachsen ist im Pisa-Ranking vorne: Warum der Osten so gut ist
zuletzt aktualisiert: 18.11.2008 - 14:38Berlin (RPO). Die aktuelle Pisa-Studie bringt ein überraschendes Ergebnis: Sächsische Schüler schneiden in allen Kategorien am besten ab, an zweiter Stelle folgt Bayern. Schlusslicht ist Bremen. Vor allem in den Naturwissenschaften schneiden die Schülerinnen und Schüler in Sachsen und Thüringen im Pisa-Bundesvergleich am besten ab.
Insgesamt sind die Ergebnisse der aktuellen Pisa-Studie erfreulich. Bundesweit hätten sich die Ergebnisse gegenüber den Tests in den Jahren 2000 und 2003 weiter verbessert, sagte die Präsidentin der Kultusministerkonferenz, die saarländische Ministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU), am Dienstag bei der Vorstellung der Ergebnisse in Berlin.
NRW stürzt ab, Sachsen ist Spitzenreiter
NRW kann dagegen nur im Bereich "Lesen und Textverständnis" punkten und belegt einen achten Platz unter den 16 Bundesländern. Spitzenreiter ist in diesem Jahr Sachsen. Vor allem in den Naturwissenschaften konnten die Schülerinnen und Schüler hier überzeugen. Was ist das Erfolgsrezept Sachsens und warum schneidet der Osten in den naturwissenschaftlichen generell besser ab?
Uschi Kruse, stellvertretende Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung Wissenschaft in Deutschland, sieht verschiedene Gründe für das positive Abschneiden des Ostens: "Sachsen hat mehr Unterrichtsstunden als die anderen Länder, insbesondere im naturwissenschaftlichen Bereich. Zudem sind durch die rückgehenden Schülerzahl die Ausgaben pro Kopf für die Schülerinnen und Schüler höher als in anderen Bundesländern", sagte Kruse dem Radiosender "WDR 5".
Auch Bildungsforscher Klaus Klemm sieht im höheren Stundenanteil der Naturwissenschaften einen Vorteil: "Der Stundenanteil der Naturwissenschaften ist in allen neuen Ländern deutlich höher als im Westen." Bereits zu DDR-Zeiten sei das Prestige dieser Fächer "sehr hoch" gewesen. "Das lebt in den Köpfen weiter und sichert dem Fach eine starke Stellung", meint der Experte.
Die naturwissenschaftlichen Fächer beanspruchen an den sächsischen Mittelschulen, also bei den Schülern von der fünften bis zehnten Klasse, im Schnitt 26 Wochenstunden. Im Vergleich dazu lag in Nordrhein-Westfalen laut einer Studie von 2005 die Zahl der Wochenstunden in Biologie, Chemie und Physik je nach Schulart zwischen 19 und 23 Stunden.
Uschi Kruse sieht zudem in der geringeren Zahl der Migranten einen Vorteil sächsischer Schüler: "Da es hier weniger Migranten gibt, können die Ergebnisse der Migrantenkinder sich weniger auf die Ergebnisse der Studie durchschlagen."
Gegenbeispiel Brandenburg: Migrantenkinder sind die besseren Schüler
Bessere Ergebnisse durch weniger Migrantenkinder? Auch wenn dieser Grund im Zusammenhang mit dem positiven Abschneiden Ostdeutschlands gerne angeführt wird, gibt es Studien, die eher Gegenteiliges zutage fördern. So sind nach einer aktuellen Studie in Brandenburg Migrantenkinder in der Schule oft wesentlich erfolgreicher als ihre deutschstämmigen Mitschüler.
In den bisherigen Pisa-Studien wurden Migrantenkinder in Ostdeutschland nicht als eigene Gruppe ausgewiesen, weil sie weniger als zehn Prozent der Schüler ausmachen, argumentiert die Integrationsbeauftragte des Landes Brandenburg, Karin Weiss. Weiss hat daher eine Studie zum Bildungserfolg vietnamesischer Schüler in Brandenburg in Auftrag gegeben, deren Ergebnisse im September veröffentlicht wurden. Und diese lauten: Wenn vietnamesischstämmige Schüler die Schule verlassen, "haben sie in der Tendenz überwiegend bessere Schulabschlüsse als deutsche Schüler", wie Weiss erklärt.
Der Studie zufolge besuchen 74 Prozent der Kinder vietnamesischer Einwanderer im Sekundarschulalter das Gymnasium, 17 Prozent die Gesamtschule und neun Prozent die Realschule. Und das, obwohl ihre Eltern oft schlecht Deutsch sprechen, meistens sieben Tage in der Woche arbeiten und wenig freie Zeit haben, weil sie Textilgeschäfte, Imbissstände und ähnliche Kleinunternehmen betreiben, um sich aus wirtschaftlicher und sozialer Randständigkeit herauszuarbeiten, wie Weiss erklärt.
Hoher Stellenwert von Bildung
Damit zeige die Studie, dass es auch in einer wirtschaftlich schwierigen Situation möglich sei, hervorragende Bildungsergebnisse zu erzielen, sagt Weiss, die vor ihrem Amtsantritt als Integrationsbeauftragte Professorin für Sozialpädagogik an der Fachhochschule Potsdam war.
Gesicherte Erklärungen für den schulischen Erfolg der Migrantenkinder gibt es bisher nicht, "aber einen Haufen Ideen", erklärt Weiss, die auch andere Migrantenkinder in Ostdeutschland für ähnlich erfolgreich hält. Eine Erklärung sieht sie darin, dass die Familien aus Kulturkreisen kämen, die traditionell großen Wert auf Bildung legten.
Neben den Vietnamesen, bei denen die außerordentliche Bildungsbereitschaft und die kulturelle Wertschätzung von Bildung ins Auge falle, gebe es in Brandenburg vor allem jüdische Zuwanderer aus Russland. "Die Eltern haben zu 70 Prozent einen Hochschulabschluss – logischerweise legen sie Wert auf Bildung", erklärt Weiss. Das sei natürlich schon etwas anderes, als wenn an einer Schule 80 Prozent der Schüler einen Migrationshintergrund hätten, ohne dass es eine entsprechende Förderung gebe.
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