Blasse Auftritte, unklare Verhältnisse: Warum der Wahlkampf den Wähler kalt lässt
VON ANDRE SCHALL - zuletzt aktualisiert: 24.08.2009 - 12:18Berlin/Düsseldorf (RPO). Blasse Auftritte der Kandidaten, völlig unklare Verhältnisse und Ausweichtaktiken - der Wahlkampf will einfach nicht in Schwung kommen. Die Langeweile hat viele Wähler fest im Griff. Während das Duell Schröder/Stoiber die Massen einst polarisierte, springt bei Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier der Funke nicht wirklich über. Wir suchen Gründe.
Was waren das noch für Zeiten, als Unions-Kandidat Edmund Stoiber und SPD-Amtsinhaber Gerhard Schröder 2002 um den Einzug ins Kanzleramt wetteiferten. Jeder Tag war ein kleiner Wahlabend. Millionen saßen vor den Bildschirmen, als sich CSU-Politiker Stoiber bei Sabine Christiansen in einen kleinen Rausch redete, und die Moderatorin als "Frau Merkel" bezeichnete. Die Nation verfolgte den Patzer amüsiert. Auch die Tatsache, dass die FDP in Guido Westerwelle erstmals einen Kanzlerkandidaten aufstellte und 18 Prozent der Stimmen als Ziel ausgab, sorgte für hitzige Diskussionen.
Unvergessen auch die Aufholjagd der SPD, Schröders medienwirksames Hochwasser-Krisenmanagement und der an Spannung kaum zu überbietende Wahlabend 2002. Nachdem sich Stoiber bereits kurzzeitig zum Wahlsieger erklärt hatte, stand am Ende doch eine knappe rot-grüne Mehrheit zu Buche. Die meisten Demoskopen hatten völlig danebengelangt, kratzten sich verwundert die Stirn.
Das Duell zwischen Gerhard Schröder und Angela Merkel faszinierte die Bürger 2005 ebenfalls. Wieder startete der SPD-Kanzler eine späte Umfragen-Aufholjagd. Für kurze Zeit schien es, als würde der Coup des Sozialdemokraten, mit vorgezogenen Neuwahlen an der Macht zu bleiben, aufgehen. Es wurde spannend - 20 Millionen fieberten beim TV-Duell der Kandidaten mit.
Kurzum: Die Wahlkämpfe hatte es in sich. Und nun? Politische TV-Sendungen werden von den Zuschauern gemieden. Das Merkel-Porträt im ZDF hatten nur 2,63 Millionen Zuschauer verfolgt, die Steinmeier-Doku interessierte gar nur rund 1,2 Millionen. Ein von RTL übertragenes Bürgerforum mit dem SPD-Kandidaten wollten kürzlich sogar nur 810.000 Zuschauer sehen - das bedeutete katastrophale 4,0 Prozent Marktanteil.
Und am Sonntag ging nun auch die Premiere des Sat.1-Polittalks "Ihre Wahl! Die Sat.1-Arena" mit Sabine Christiansen und Stefan Aust unter - hier bewegte sich der Marktanteil ebenfalls nur knapp über vier Prozent.
Der Wahlkampf nimmt einfach keine Fahrt auf. Die Umfragen sind seit Wochen ähnlich, es fehlen die zündenden Momente. Allerdings ist die Situation auch eine völlig andere als etwa 2002. Nur warum?
Grund 1: Die Große Koaltion
So zahm war der Wahlkampf noch nie. Angela Merkel nennt Vorschläge ihres SPD-Konkurrenten höchstens mal "nicht redlich", Steinmeier kontert, die Kritik an seiner Person ärgere ihn "überhaupt nicht". Ein solcher Verbalaustausch reißt den Wähler natürlich nicht sofort vom Sitz. Ein Grund, warum Tiefschläge ausbleiben, ist schnell gefunden: Merkel und Steinmeier könnten sich noch brauchen, falls am Ende wieder nur die Große Koalition als Möglichkeit bleibt. Da will man den potenziellen Partner natürlich nicht ganz verprellen. Zudem existiert ja auch aktuell noch ein Bündnis aus CDU/CSU und SPD, der Anstand verlangt da einen zumindest annähernd fairen Umgang.
Grund 2: Die Umfragen
Solange Union und FDP Aussicht auf eine Mehrheit haben (aktuell kämen sie auf knapp über 50 Prozent), gibt es für die Kanzlerin keinen Grund, ihre staatstragende Gelassenheit aufzugeben. Mit einem Wahlkampf der ruhigen Hand kann sie es sich leisten, nicht aus der Deckung zu kommen. Die SPD wirft der Amtsinhaberin sogar vor, sich dem Wahlkampf zu entziehen.
Grund 3: Die Kandidaten
Sowohl Angela Merkel als auch Frank-Walter Steinmeier haben zweifelsohne unzählige Stärken. Doch die große Rhetorik liegt beiden nicht. Ein Gerhard Schröder konnte noch mitreißen, brachte ganze Hallen zum Kochen. Bei Merkel und Steinmeier gehen die Ovationen oft nicht über Anstandsklatschen hinaus. Beide wirken extrem sachlich, zeigen (zu) selten echte Emotionen.
Grund 4: Das Bündnis-Wirrwarr
Zu Zeiten von Schröder und Stoiber gab es noch zwei klare Blöcke: Rot-Grün und Schwarz-Gelb. (Zwar ließ sich die FDP nicht zu einer Wahlkampfaussage hinreißen, doch jedem war klar, dass die Liberalen ein Bündnis mit der Union anstreben würden.) Nun ist die Lage völlig anders: Nahezu jeder kann sich vorstellen, mit jedem zu koalieren. Einzige Ausnahme sind vielleicht (noch) SPD und Linke.
Natürlich muss in einer Demokatie jede Partei zu allen Seiten verhandlungsbereit sein - doch viele Wähler sind dennoch verwirrt. Jamaika, Ampel, Große Koalition, Schwarz-Grün oder doch Schwarz-Gelb? Der Bürger kann sich kaum mehr sicher sein, für welches illustre Bündnis seine Stimme am Ende "genutzt" wird. Macht man sein Kreuz etwa für die Grünen, kann es theoretisch passieren, dass man mit der ungeliebten Union ins Boot kommt - oder noch schlimmer: mit Union und Liberalen.
Grund 5: Die Themen
Das Wahlkampf-Thema, über das sich die Nation empört streitet, ist noch nicht gefunden. Mindestlohn, Atomkraft, Bildung etc. - natürlich gibt es in vielen Feldern unterschiedliche Ansichten zwischen Union und SPD. Aber worüber die Menschen im Land momentan reden, sind die Dienstwagen-/Flugaffäre von Gesundheitsministerin Ulla Schmidt und das ewige Tauziehen im Opel-Poker - keine Punkte, mit denen bei Union und SPD groß Stimmen gewonnen (höchstens verloren) werden. Andere Aspekte treten dennoch in den Hintergrund - der eigentliche Wahlkampf lahmt.
Bleibt nur zu hoffen, dass die Diskussion spätestens beim TV-Duell am 13. September befeuert wird. Schließlich sehnt man sich als Wähler nach klaren Worten, auch wenn dann manches überspitzt wird. Ansonsten droht der Wahlkampf zum Wahlkrampf zu verkommen.
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