Bundeswehr-Affäre: Was in der Bombennacht geschah
VON HELMUT MICHELIS - zuletzt aktualisiert: 27.11.2009 - 07:57Düsseldorf (RP). Hat der Kommandeur in Kundus, Oberst Georg Klein, die Lage falsch beurteilt, als er den Befehl zum Luftangriff auf die beiden Tanklastwagen gab? Waren Zivilisten betroffen? Das Verteidigungsministerium verbreitete zunächst Falschinformationen. Nur bruchstückhaft kommt nun die Wahrheit ans Licht.
Ein deutscher Offizier gab den Angriffsbefehl: In der Nacht zum 4. September bombardierten US-Jagdbomber nahe der afghanischen Stadt Kundus zwei von den Taliban entführte Tanklastwagen, die in einem Flussbett stecken geblieben waren. Schon früh gab es Hinweise, dass dabei Zivilisten starben. Doch der damalige Verteidigungsminister Franz Josef Jung dementierte dies mehrfach. Jetzt wurde bekannt: Feldjäger und ein Arzt hatten noch am 4. September von zivilen Opfern berichtet.
Dem Verteidigungsministerium in Berlin lagen neben einem Nato-Untersuchungsbericht auch ein Schwarz-Weiß-Videofilm des Angriffs von der Bordkamera eines F-15-Kampfflugzeuges sowie Berichte der deutschen Militärpolizei und eines Oberstabsarztes vor. Diese Dokumente habe man bewusst der zuständigen Staatsanwaltschaft vorenthalten, schreibt die "Bild"-Zeitung.
Sie zitiert die Feldjäger-Meldung vom 4. September, wonach im Krankenhaus von Kundus "sechs Patienten im Alter von zehn bis 20 Jahren", also auch Kinder, im Zusammenhang mit dem Luftangriff behandelt worden seien. Außerdem berichtete das deutsche Regionalkommando unter Berufung auf Nato-Verbündete von "zwei Leichen im Teenager-Alter" im Krankenhaus.
Ein deutscher Oberstabsarzt in Kundus schrieb in seiner Meldung, die ebenso am Abend des 4. September zum Einsatzführungskommando der Bundeswehr nach Potsdam übermittelt worden sein soll, zunächst von einem Kind, später von zwei Jungen, "etwa 14 Jahre alt", mit "offenem Bruch" und "Schrapnell-Verletzungen".
Das Regionalkommando in Afghanistan informierte "Bild" zufolge am Abend des 4. September das Ministerium ebenfalls auf dem Dienstweg über Potsdam darüber, dass Taliban-Kämpfer vor dem Bombenangriff eine Moschee gestürmt und – so der Wortlaut – "mehrere Dorfbewohner gezwungen haben, mit Traktoren bei der Bergung des Benzins zu helfen. 14 von ihnen sind seitdem verschwunden." Dies alles habe Minister Jung wissen müssen, aber die Öffentlichkeit nicht informiert.
Unmittelbar nach dem Luftangriff hatte die Bundesregierung auch eine falsche Darstellung von den Zeitabläufen verbreitet: Es hieß, zwischen der Entführung der Tanklaster und ihrer Bekämpfung hätten nur 40 Minuten gelegen. Also hätten so schnell gar keine Zivilisten zu den Fahrzeugen gelangen können, nachdem sich diese im Flussbett festgefahren hatten. Am 7. September musste der damalige Regierungssprecher Thomas Raabe jedoch einräumen, dass viereinhalb Stunden dazwischen lagen: Am Donnerstag, 3. September, um 21.12 Uhr wurde demnach Oberst Georg Klein über die Ermordung der Fahrer und die Entführung der Tankwagen informiert. Um 23.24 Uhr entdeckte ein in größerer Höhe fliegender amerikanischer B-1-Bomber die Fahrzeuge auf einer Sandbank, um 23.34 Uhr trafen die beiden F-15-Jagdbomber ein. Am Freitag um 1.39 Uhr genehmigte der Oberst den Angriff, um 1.49 Uhr fielen die beiden 227-Kilo-Bomben.
Nach Nato-Vorgaben durfte er nur dann einen Luftangriff genehmigen, wenn eigene Truppen direkt bedroht waren. Nach späteren Erkenntnissen hatten sich die entführten Tanklaster aber vom deutschen Feldlager entfernt, stellten also demnach keine unmittelbare Gefahr mehr dar. Angeblich sollen "afghanische Quellen" dem deutschen Kommandeur als Augenzeugen gemeldet haben, um die Tankwagen herum stünden nur bewaffnete Taliban-Kämpfer.
Unabhängig davon, dass Oberst Klein in unklarer Lage schnell entscheiden musste, soll er weitere Fehler begangen haben. So sickerte bei einer Nato-Pressekonferenz durch, die F-15-Piloten hätten Klein über Funk gebeten, zunächst einen Scheinangriff durchführen zu dürfen, um die versammelten Menschen zu verjagen. Dies habe der Deutsche abgelehnt. Auf derselben Pressekonferenz nahm General Egon Ramms den Oberst aber indirekt in Schutz: Die Kommandeure in Afghanistan hätten zu wenig Bodentruppen, um gemeldete Gegner aufzuklären und zu bekämpfen. Darum müssten in solchen Situationen Luftangriffe befohlen werden. Deren Auswirkungen seien leider schwer zu kalkulieren.
Nach wie vor ist unklar, wie viele Opfer es bei dem Angriff gegeben hat. Die Angaben schwanken zwischen 17 und 142 Menschen. Ein Erkundungstrupp der Bundeswehr fand am Morgen des 4. September auf der Sandbank keine Leichen mehr, weil die Afghanen ihre Toten traditionell schnellstmöglich beerdigen. Da die Nato für zivile Opfer Entschädigungen um die 1000 Euro zahlt, ist es nicht auszuschließen, dass die Totenzahl von den Afghanen überhöht worden ist. Der Gouverneur der Provinz gab in seinem Bericht lediglich "56 Bewaffnete" als Todesopfer an. Er hatte aber zuvor mehrfach ein härteres Vorgehen der Bundeswehr gegen die Taliban gefordert.
Zivilisten haben sich jedenfalls am Angriffsort aufgehalten, bestätigte auch das Regionalkommando in seinem Verschlussbericht. Entweder wollten sich die islamistischen Kämpfer mit ihrem Versprechen, Benzin abzugeben, menschliche Schutzschilde verschaffen. Oder sie wollten die Dorfbewohner zwingen, die Tanklastzüge wieder auf die Straße zu schleppen. Dafür sprechen ausgebrannte Traktoren, die auf den Fotos zu sehen sind.
- RP ONLINE
- Kontakt
- AGB
- DATENSCHUTZ
- Impressum