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Faktenresistenz
Realität wird überbewertet

Wenn Menschen resistent gegen Fakten werden: Realität wird überbewertet
Machen sich die Welt, wie sie ihnen gefällt: Donald Trump und jene, die seine Methoden kopieren, darunter die AfD. FOTO: Davood O.
Düsseldorf. In der "Digitalen Demokratie" gewinnen die Lautesten, Krassesten: Trump und Co. ködern kompromissmüde Wähler mit radikalen, einfachen Lösungen – völlig losgelöst von Fakten und der Wirklichkeit. Von Tobias Jochheim

Rechtspopulisten zeichnet nicht aus, dass sie empört sind über Asylbewerber, die ihre eigene Unterkunft anzünden oder straffällig werden bis hin zu massenhafter sexueller Belästigung bis hin zur Vergewaltigung wie in der beschämenden Silvesternacht von Köln. Diese Empörung haben sie nicht exklusiv, die teilt jeder geistig gesunde Mensch. Rechtspopulisten zeichnet aus, dass es ihnen ihre Sündenböcke nicht recht machen können: Gegen sie wird entweder gehetzt, weil sie keinen Job haben (geschenkt, dass viele behördlicherseits nicht arbeiten dürfen) oder gerade weil sie einen haben, weil sie diesen dann dem "Volk" wegnehmen (auch wenn ihn vielleicht kein anderer machen will, bei der Müllabfuhr oder in der Altenpflege oder in der Bäckerei, wo man so früh aufstehen muss). Ihren Zorn und ihre Häme kann sich ein Flüchtling auch zuziehen, indem er Geld findet und es der Polizei meldet.

Als die Kreispolizei Minden-Lübbecke am Dienstag berichtete, ein 25-jähriger Syrer habe 50.000 Euro Bargeld und Sparbücher mit 100.000 Euro Guthaben in einem gespendeten Schrank gefunden und gemeldet, setzte die AfD Bayern angesichts der angeblichen Falschmeldung einen Facebook-Post voll wirrer Unterstellungen ab über Sex mit einer "Claudia Fatima Roth" sowie die Rückgabe von erschlichenen Asylanträgen und "verschollenen AfD-Wahlzetteln von der Bundestagswahl 2013".

Eine kritische Einordnung und Diskussion der Praxis, dass bei Positivschlagzeilen die Herkunft genannt wird, die bei Negativschlagzeilen verschwiegen wird (wenn auch aus guten Gründen), gab es, sie ging aber unter. Zum Klick-Hit wurde der AfD-Beitrag, der einen neuen Tiefpunkt markierte: Gehetzt wird jetzt nicht mehr nur mit Übertreibungen, sondern mit bewusster und gezielter Verdrehung von Wahrheit zu Lüge und andersherum.

Es ist auch dieses flexible Verhältnis zur Realität, dem die Populisten ihren Erfolg verdanken. Der angeblichen Realitätsfremdheit und Inkompetenz der traditionellen Parteien setzen sie nicht etwa Lösungen entgegen, sondern negieren mit ganz eigener Logik, dass Kompetenz überhaupt notwendig sei; der britische Nationalist Nigel Farage etwa proklamierte vor dem Brexit-Referendum: "Die Menschen in diesem Land haben genug von Experten!"

Das geht weit hinaus über die berechtigte Skepsis gegenüber den Folgen von "Fachidiotentum", gegenüber Pseudo-Experten, die Politikern nach dem Mund reden, und vor allem auch gegenüber mächtigen Lobbyisten. Das ist die pauschale Verdammung aller Menschen, die wissen, wovon sie reden. Das passt in die Strategie der Populisten: In ihrer per se nicht völlig ungerechtfertigten Klage über die Realitätsferne und Schwerfälligkeit "der Bürokraten" schwingt stets der Vorwurf mit, das sei böse Absicht, reine Willkür, immer und überall so. Ihren Wählern gaukeln sie vor, alle Sachzwänge und Verpflichtungen politischer, juristischer und moralischer Art einfach abstreifen zu können.

Sie setzen auf eine Entkopplung von der Realität selbst.

Fakten werden zur Glaubenssache degradiert

Angesichts ihres offensiv, ja stolz kommunizierten Mangels an Empathie mit Flüchtlingen, Straftätern und sonstigen Minderheiten könnte man meinen, Populisten wollten Politik kälter, rationaler machen. Das Gegenteil ist der Fall. Sie leben von der Aktivierung von Instinkten: Stolz auf das "Eigene" irgendwo zwischen Blut, Boden, Sprache und Kultur – und aus Angst gewachsener Hass auf alles "Andere". Sie wollen Politik nicht weniger, sondern mehr zur Glaubens- und Emotionsfrage machen. Zu regieren, zu verwalten und möglichst auch Recht zu sprechen nicht mehr mit dem Hirn, sondern mit dem Herzen und aus dem Bauch heraus – das verkaufen sie als Alternative.

Den richtigen und wichtigen kritischen Blick auf die Qualität von Quellen pervertieren sie dabei zur Gleichmacherei: Auf beinahe schon schizophrene Art polemisieren sie pauschal gegen die "Lügenpresse" und angeblich gelenkte, geschönte oder gleich ganz erfundene Statistiken von Behörden wie etwa der Polizei, nur um sich bei anderer Gelegenheit selbst darauf zu berufen. Gegen die oft verheerenden Ergebnisse von Faktenchecks ihrer eigenen Aussagen erweisen sie sich dabei als zunehmend immun, nach dem Motto: "Die anderen lügen doch auch! Und überhaupt: Kann es denn die eine Wahrheit geben?" Russlands Völkerrechtsbrüche in der Ukraine, der Krieg in Syrien, die Verfolgung und Folter von Dissidenten und Homosexuellen in weiten Teilen Afrikas – wollen sie nicht direkt leugnen, aber könnte man doch alles so und so sehen. Diese Geisteshaltung greift um sich: Fakten sind out. Wer seiner Bequemlichkeit, Fakten- und Kritikresistenz einen intellektuellen Anstrich geben will, verbrämt diese Willkürherrschaft über das eigene Weltbild als radikalen Konstruktivismus.

Das noch so junge Informationszeitalter scheint sich schon wieder seinem Ende entgegen zu neigen, denn Gefühle und Meinungen bekommen für viele offensichtlich denselben Stellenwert wie Fakten. Einmal lancierte Gerüchte über Flüchtlinge beispielsweise, die angeblich stehlen, prügeln oder vergewaltigen, lassen sich für manchen auch durch noch so energische Dementis von Polizei und Bürgermeistern nicht mehr entkräften. Fakten werden relativiert, zur Glaubenssache degradiert, wie in den USA die Evolutionstheorie oder jeglicher Zusammenhang zwischen Waffengesetzen und der Zahl von Todesopfern durch Amokläufe, Morde, Suizide und Unfälle mit Schusswaffen.

Populisten bringen die Welt aus dem Takt des langsamen, aber real existierenden Fortschritts

Bislang war Politik oft unbefriedigend bis frustrierend. Zäh wurde in der Abwägung aller Interessen um jedes Detail gerungen, um jede Zahl, um jede Formulierung. Die Langsamkeit des so errungenen Fortschritts ist beklagenswert, aber letztlich notwendige Folge der Beachtung rechtsstaalicher Prinzipien, Preis der Demokratie. Nach den Erfolgen der Brexit-Befürworter sowie der drohenden Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten drohen Europa und die Welt aus dem Takt dieses langsamen, aber real existierenden Fortschritts zu kommen.

Die Populisten versprechen Revolution statt Reformen – können allerdings bestenfalls so viel und so schnell liefern wie traditionelle Politiker. Mehr ist schlicht nicht möglich, weil sie eben in derselben Realität mit denselben Gegebenheiten arbeiten. Tatsächlich liefern sie oft überhaupt nichts. Entweder, weil ihre Ideen gegen bestehendes Recht verstoßen und von den Gerichten kassiert werden, solange ein Rechtsstaat existiert (Polen steht diesbezüglich auf der Kippe, in der Türkei hat der Populist Erdogan über kritische Richter, Staatsanwälte und Journalisten gesiegt). Oder weil sie jede Verantwortung scheuen, wie Boris Johnson. Der hat sein Ziel erreicht,  Premierminister David Cameron zu stürzen, doch den logischen nächsten Schritt ging er nicht. Selbst kandidieren? Liegt ihm fern. No, thanks! Goodbye! Johnson hat Großbritannien und die ganze EU erschüttert – aber die Trümmer sollen andere wegräumen, vom Neuaufbau ganz abgesehen. Man kann nur hoffen, dass der Rest der Welt daraus lernt.

Dagegen spricht die Dynamik der Kommunikation, die sich immer mehr über soziale Medien abspielt. Dort profitiert, wer durch Lautstärke, Krassheit und kalkulierte Tabubrüche aus dem Informationsstrom heraussticht. Die Fans dieses Stils merken bei aller Wut über die "Altparteien", die die Wahrheit teils frisieren, entweder nicht, dass ihre Helden die Wirklichkeit komplett ignorieren – oder es ist ihnen egal. Realitätsfremdheit wird jedenfalls vom Minus- zum Pluspunkt: "Trump und Johnson", schreibt etwa der Netz-Soziologe Sascha Lobo, "haben einfach vor allen anderen bemerkt, dass Tatsachen irgendwie kompliziert sind und deshalb die Wirksamkeit von Kommunikation vermindern – und gleichzeitig vom Publikum gar nicht als Voraussetzung für einen Diskurs betrachtet werden."

Im Facebook-Zeitalter herrscht das ewige Jetzt – wen kümmert da sein "Geschwätz von gestern"?

Um zu verdeutlichen, was das heißt, erzählt Jill Lepore in einem Essay für den "New Yorker" von einem Nachbarsjungen, der als Kind ihren Baseballschläger stahl und danach die Chuzpe hatte, ihr ins Gesicht zu lügen, es sei sein eigener. Die Anerkennung auch des offensichtlichsten Beweises verweigerte er schlicht: Ihr Name, den sie darauf geschrieben hatte? Sei vielmehr der Name einer Stadt in Italien, aus der er stamme. Daraufhin sah sie sich selbst in der Bringschuld – und schlich in eine Bibliothek, um nachzurecherchieren, ob es eine Stadt dieses Namens gebe und falls ja, ob dort Baseball gespielt würde. Im Geiste der Aufklärung suchte sie Fakten.

Die Geschichte ist halb lustig und halb traurig. Erschreckend wird sie angesichts der Entdeckung, dass die kindische Faktenresistenz von vielen "neuen" Politikern als Strategie entdeckt wird. Donald Trump leugnet die Existenz des menschengemachten Klimawandels, verbreitet offensichtlich gefälschte Kriminalitätsstatistiken, verspricht gleich dutzendfach, seine Steuererklärung zu veröffentlichen, und widerspricht sich sogar selbst ("Japan sollte das Recht haben, Atomwaffen zu besitzen." – "Habe ich nie gesagt!"). Journalistische Fakten-Checks werden als Waffe stumpf, selbst wenn sie quasi in Echtzeit erfolgen, weil sie seine Fans schlicht nicht interessieren.

Sie wollen ja gerade fliehen aus der deprimierenden Wirklichkeit. Sie sind nicht interessiert an Kompetenz oder auch nur an Konsistenz. Sie stehen auf Trumps Stil, seine arroganten, eben nicht durch störenden Realitätsbezug relativierten Prophezeiungen ("Wir werden Amerika wieder groß machen!") und seinen Dreiklang aus Rassismus, Sexismus und Expertenverachtung.

Ein Verhalten nach dem Motto "Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern?", das Konrad Adenauer zugeschrieben wird (und meist ohne die zweite Hälfte "nichts hindert mich, weiser zu werden" zitiert wird), wird im Facebook-Zeitalter belohnt, weil Kommunikation dort ausschließlich im Jetzt stattfindet. Nachgeschobene Erklärungen sehe "nur ein Bruchteil des Publikums, eventuelle Korrekturen noch viel weniger", schreibt Sascha Lobo. "Den Rest erledigt die selektive Wahrnehmung."

An Trump prallt Kritik nicht nur ab, sie scheint ihn sogar stärker zu machen. "Antifragil" nennt das der Philosoph Nicholas Taleb. Mit diesem Rezept – sicheres Auftreten bei völliger Ahnungslosigkeit, politische Unkorrektheit über alles, Spiel mit Ängsten, Anzweiflung unbestrittener Fakten bei gleichzeitigem schamlosen Lügen – hatten auch die Brexit-Befürworter Erfolg.

350 Millionen Pfund überweise die britische Regierung Woche für Woche nach Brüssel, behaupteten sie etwa penetrant. Mit diesem Geld werde man nach einem Austritt das britische Gesundheitssystem sanieren. Die Zahl ist nicht nur nachweislich falsch (unter anderem, weil aus der EU natürlich auch Gelder wieder zurück nach Großbritannien fließen) – nach dem Referendum behauptete der Brexit-Befürworter Iain Duncan Smith, man habe nie gesagt, dieses Geld ins Gesundheitssystem stecken zu wollen. Ungläubig verwies der Reporter auf Fotos des  Busses, auf den dieses Versprechen meterhoch gedruckt war. Daraufhin murmelte Smith, dass er sich an dieses Wahlversprechen in Reinform nicht gebunden fühle, es habe bloß eine Möglichkeit unter vielen illustrieren sollen. Er wurde nicht einmal rot dabei.

Ihren Baseballschläger hat Jill Lepore übrigens nie wiederbekommen.

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