FDP-Chef nimmt Konsequenzen seines Bekenntnisses in Kauf: Westerwelle fordert mehr Toleranz gegenüber Homosexuellen
zuletzt aktualisiert: 24.07.2004 - 11:59Berlin (rpo). Guido Westerwelle setzt sich für mehr Toleranz gegenüber Homosexuellen ein. Der FDP-Chef hat in einem "Spiegel"-Interview mehr Selbstverständlichkeit im Umgang mit "diesen Fragen" gefordert. Westerwelle hatte sich vor wenigen Tagen erstmals offiziell mit seinem Lebenspartner gezeigt.
Westerwelle sagte in einem am Samstag vorab veröffentlichten Interview des Nachrichtenmagazins "Der Spiegel": "Ich bin für mehr Selbstverständlichkeit im Umgang mit diesen Fragen." Mögliche negative politische Konsequenzen des öffentlichen Bekenntnisses seiner Homosexualität nehme er bewusst in Kauf. Westerwelle verlangte auch die volle Gleichberechtigung gleichgeschlechtlicher Lebensgemeinschaften.
Westerwelle hatte sich beim 50. Geburtstag von CDU-Chefin Angela Merkel erstmals mit seinem Lebenspartner in der Öffentlichkeit gezeigt. Dem "Spiegel" sagte er: "Ich kann nichts daran ändern, ob mein Leben den Leuten gefällt oder nicht gefällt." Er könne sich nicht nach der öffentlichen Meinung richten, sagte der FDP-Vorsitzende. Er lebe sein Leben selbstbewusst und könne von sich sagen: "Ich habe nie eine Kulisse geschoben."
Der Parlamentarische Geschäftsführer der Grünen-Fraktion, Volker Beck, erhofft sich mehr Offenheit von homosexuellen Politikern und Prominenten. Zwar gehe niemanden deren Privatleben etwas an, doch sei Homosexualität eine Personenstandsanzeige wie verheiratet, Kinderzahl oder Religionszugehörigkeit, sagte Beck, der ebenfalls bekennender Homosexueller ist, im Nachrichtenmagazin "Focus". "Diese Information kann das Publikum von einer Person des öffentlichen Lebens erwarten." Das heiße aber nicht, dass man der Öffentlichkeit Einblick ins Schlafzimmer gewähre.
Westerwelle kritisierte im "Spiegel", dass gleichgeschlechtliche Partnerschaften eine Menge Pflichten, aber keine angemessenen Rechte hätten. Er forderte unter anderem, das Adoptionsrecht auf homosexuelle Paare auszuweiten, sowie die Gleichbehandlung von homosexuellen mit heterosexuellen Paaren im Steuerrecht. "Rot-Grün ist bei dem ganzen Thema auf halber Strecke stehen geblieben", bemängelte er.
Die Bundesregierung hat einen neuen Gesetzentwurf vorgelegt, mit dem die Gleichstellung schwuler oder lesbischer Paare mit Ehepaaren vorangebracht werden soll. Schwerpunkt sind versorgungsrechtliche Verbesserungen. Das neue Lebenspartnerschaftsgesetz regelt aber weiterhin nicht die Gleichstellung im Steuerrecht. Im Adoptionsrecht beschränkt sich Rot-Grün auf die Einführung der so genannten Stiefkind-Adoption.
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