Nach Überfall: Wie gefährlich ist Deutschland für Schwarze?
VON MARGARETE VAN ACKEREN UND DIRKE KÖPP - zuletzt aktualisiert: 22.04.2006 - 13:22Berlin (RP). Als Konsequenz aus dem vermutlich rassistischen Überfall auf den Deutsch-Äthiopier Ermyas M. in Potsdam hat der Afrika-Rat in Berlin beschlossen, noch vor der Fußball-WM eine Art Gefahrenatlas zu erstellen. Er soll zeigen, wo Menschen mit dunkler Hautfarbe besonders gefährdet sind. Politiker sehen darin auch Risiken.
Menschen mit dunkler Hautfarbe haben es in Teilen Deutschlands nicht immer leicht. Mehr noch: Einige von ihnen fühlen sich zunehmend handfest bedroht. Der Afrika-Rat in Berlin sieht sich von der Politik nicht ernst genommen mit seinen Warnhinweisen und schreitet jetzt selbst zur Tat: Der Dachverband afrikanischer Vereine und Initiativen in Berlin und Brandenburg erstellt jetzt einen „Gefahrenatlas“. Noch vor der Fußball-Weltmeisterschaft soll er fertig sein. Dunkelhäutige Gäste beim Großereignis sollen wissen, wo sie nach Einschätzung des Afrika-Rats in Deutschland nicht sicher sind („No-Go-Areas“). Nach dem mutmaßlich rassistischen Überfall auf einen Deutsch-Äthiopier in Potsdam versteht der Afrika-Rat dies als Selbsthilfe.
„Die Welt zu Gast bei Freunden“ lautet das Motto der Weltmeisterschaft - und dann solche Warnungen auf massive Fremdenfeindlichkeit? „Man muss die Hintergründe sehen: Die Politiker nehmen diese Form von Rassismus seit Jahren nicht ernst“, klagt das Vorstandsmitglied des Afrika-Rats, Moctar Kamara, im Gespräch mit unserer Zeitung. Mehrfach habe man auf wachsende Feindlichkeit gegenüber Menschen mit dunkler Hautfarbe hingewiesen. Doch dies habe nichts bewegt.
Erfasst werden zunächst einzelne Viertel, Kneipen, Diskotheken oder auch ganze Orte in der Region, die für Nicht-Weiße gefährlich sein könnten. Anschließend will der Rat den Katalog mit Partnerorganisationen aus ganz Deutschland bundesweit ausdehnen. „Auch wenn in Bayern auf einem Dorf etwas passiert, bekommt die Community das mit“, sagt Kamara.
Der Afrika-Rat will den Katalog direkt an afrikanische Fußball-Verbände schicken, damit diese ihre Fans informieren können. Für die WM haben sich unter anderem Teams aus Angola, Elfenbeinküste, Ghana, Togo und Tunesien qualifiziert.
Politiker reagieren stirnrunzelnd
Politiker in Berlin reagieren stirnrunzelnd auf die Meldung. „Ich habe da ein gemischtes Gefühl“, sagte Wolfgang Bosbach, Vize-Chef der Union im Bundestag (CDU), unserer Zeitung. Der Vorstoß sei „bestimmt gut gemeint als Warnung“. Doch das gesamte Manöver könne am Ende kontraproduktiv sein. Rechtsradikale, die sich für so genannte national-befreite Zonen aussprächen, könnten sich auf zynische Weise bestätigt sehen. „Die könnten sagen: Das haben wir schon mal geschafft.“ Rechtsradikale könnten sich geradezu mit einem solchen Gefahrenatlas schmücken und festhalten, sie hätten diese Räume für sich erobert.
Bosbach: „Wenn es tatsächlich Gebiete gibt, die für Farbige so gefährlich sind, dass sie dort nicht hingehen sollten, dann muss es die vornehmste Aufgabe sein, sie für die rechtstreue Bevölkerung zurückzuerobern.“ Der Rechtsstaat dürfe solche Viertel nicht aufgeben. Andere Experten fürchten, dass ein Gefahrenatlas ein verzerrtes Bild von der wirklichen Gefährdungslage zeichnen könnte.
Die Berliner Initiative ist aber entschlossen, vor der WM den Gefahrenatlas fertig zu stellen, um in einem Stufenmodell festzuhalten, wo besonders häufig Ausländer angegriffen, beleidigt oder schlecht behandelt werden. Unter „schlechter Behandlung“ versteht Kamara auch, dass man in einem Café nicht bedient, schief angesehen oder beschimpft wird. Er würde Menschen afrikanischer Herkunft etwa abraten, den Berliner Bezirk Köpenick (NPD-Zentrale) oder Teile des Bezirks Pankow zu besuchen. Auch Brandenburg und die Stadt Magdeburg gehören für ihn zu den „No-Go-Areas“.
Er selbst hat in den zehn Jahren, die er nun schon in Deutschland lebt, das diskriminierende „N-Wort“, wie er sagt, so oft gehört, dass er es nicht mehr zählen kann.
Entwarnung für NRW?
Edouard Mbemba gibt zunächst Entwarnung: „In Nordrhein-Westfalen sind rassistische Übergriffe wie der auf Ermyas M. in Potsdam selten.“ Mbemba ist NRW-Vorstandsmitglied der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (ISD), die sich aktiv gegen Rassismus engagiert. „Hier in NRW leben viele Ausländer - und die haben im Vergleich zu anderen mehr Zivilcourage. Da ist es für Rechtsradikale fast schon eher riskant, Schwarze oder andere Ausländer zu überfallen.“
Jedoch sieht er auch in NRW die gefährliche Tendenz, dass Afrikaner oder andere Ausländer in bestimmte Diskotheken nicht hereingelassen oder in Kneipen nicht bedient werden. „Das sollte man auf jeden Fall publik machen.“ Vom Plan des Berliner Afrika-Rates, einen Atlas mit den Orten zu entwerfen, in die Afrikaner sich besser nicht wagen, hält er indes nicht allzu viel. „Ich glaube, dass die Umsetzung schwierig ist.“
Sein Kollege vom Bundesvorstand der ISD, Tahir Della, sieht in der Initiative des Afrika-Rates in erster Linie ein dringend nötiges Zeichen an Politik und Gesellschaft. „Es ist wichtig zu signalisieren, dass es in Deutschland nun schon so weit gekommen ist, dass es Gegenden gibt, in denen Ausländer und vor allem Schwarze so gefährdet sind, dass man von ,No-Go-Areas’ oder national befreiten Zonen spricht.“
Andererseits, betont er, dürfe man entsprechende Viertel oder Städte auch nicht Ausländerfeinden überlassen. „Dann ist man irgendwann so weit, dass auch Behinderte, Linke oder andere Menschen, die von Rechtsextremisten als ,undeutsches’ und damit ’unwertes Leben’ betrachtet werden, in diesen Vierteln in Gefahr sind.“ Städte, bei denen er Menschen mit schwarzer Haut zu Vorsicht rät, sind für ihn etwa Potsdam, Dessau, Halle, Leipzig. Ist es denn nur im Osten gefährlich? Bis auf Teile Münchens, ja, lautet Dellas Antwort. „Im Westen sind es eher gewisse Veranstaltungen, etwa Fußballspiele, bei denen es zu rassistischen Übergriffen kommen kann.“
Das bestätigt Edouard Mbemba: „Ich würde keinem Afrikaner empfehlen, nach einem Fußballspiel, bei dem die Gastmannschaft verloren hat, durch die Stadt zu laufen.“ Und er selbst, hat er manchmal Angst? „Nein, Angst nicht“, sagt Mbemba. „Aber ich halte die Augen offen und habe so etwas wie einen siebten Sinn entwickelt, wohin ich gefahrlos gehen kann und wohin nicht.“
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