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Neue Debatte um Erziehung: Wie viel Mutter ist nötig?

VON ANTJE HÖNING - zuletzt aktualisiert: 25.07.2008 - 16:00

Düsseldorf (RP). Die Frau soll zu Hause bleiben, wie der Nagel in der Wand meinte Martin Luther. Das war vor 500 Jahren. Heute ist für Frauen das Arbeitsleben nicht zu Ende, wenn sie Kinder bekommen. Doch die Frage, wie viel Mutter das Kind braucht und wie viel Karriere eine gute Mutter machen darf, birgt weiter Zündstoff. Eine neue Studie zeigt jetzt, dass eine längere Elternzeit keinen Einfluss auf den schulischen und beruflichen Erfolg der Kinder hat.

Christa Müller macht mit drastischen Äußerungen auf sich aufmerksam.  Foto: ddp
Christa Müller macht mit drastischen Äußerungen auf sich aufmerksam. Foto: ddp

Christa Müller, Ehefrau von Oskar Lafontaine, verglich Krippenbetreuung mit der Beschneidung afrikanischer Kinder. Ursula von der Leyen, die trotz ihrer sieben Kinder im Vollzeit-Job Familienministerin ist, will dagegen bis 2013 rund 500000 neue Kita-Plätze für unter Dreijährige schaffen. Tanja Kuchenbecker spitzt den Streit in ihrem Buch „Gluckenmafia gegen Karrierehühner“ (Campus-Verlag) zu.

Mit einer neuen Studie versucht nun das Bonner Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA), den Streit zu versachlichen. „Wir waren selbst überrascht von den Ergebnissen“, sagte IZA-Autor Christian Dustmann unserer Zeitung. Er habe erwartet, dass sich die Ausdehnung der Elternzeit positiv auf die Entwicklung der Kinder auswirkt. Tatsächlich aber zeigte sich, dass dies keinen Einfluss auf den schulischen und beruflichen Erfolg der Kinder hat. Mehr Zeit der Mütter für ihre Kinder erhöhte nicht die Chance, auf das Gymnasium zu kommen und später mehr Geld zu verdienen. Sie verhinderte auch nicht das Risiko, eine Schulklasse wiederholen zu müssen oder den Arbeitsplatz zu verlieren. „Unter dem Gesichtspunkt der Chancen von Kindern spricht wenig dafür, die Elternzeit weiter auszudehnen“, so Dustmann.

Familienministerin Ursuala von der Leyen hat mit ihrem Aufruf zm Krankenkassenwechsel für Wirbel gesorgt. Foto: ddp

Für die Studie hatte er mit einer Co-Autorin den Schüler-Zensus von Bayern, Schleswig-Holstein und Hessen sowie Sozialversicherungsdaten ausgewertet. Das erlaubte ihnen, den Werdegang von Kindern zu untersuchen, die kurz vor und kurz nach verschiedenen Reformen geboren wurden. Dabei schauten sie auf drei Reformen: 1979 wurde die vom Staat finanziell unterstützte Auszeit auf sechs Monate verlängert, 1986 erfolgte die Ausdehnung auf zehn Monate unter dem Namen „Erziehungsurlaub“. Seit 1992 können Frauen 36 statt 18 Monate unbezahlten Erziehungsurlaub nehmen.

Eine Langfrist-Studie zum Lebensweg von tausenden Kindern in den USA kam zu ähnlichen Ergebnissen: Es macht demnach kaum Unterschiede, ob die Kinder fremd oder von Mama betreut wurden. Hauptsache, die Kleinen sind bei den Eltern gut aufgehoben. Fremdbetreute Kinder verfügten tendenziell sogar über einen besseren Sprachschatz, waren jedoch eher aggressiv als Kinder, bei denen die Mutter zu Hause war, so die Studie des National Institute of Child Health.

Albert Wunsch, Erziehungswissenschaftler aus Neuss, warnt jedoch vor Krippen-Euphorie: „Kinder wollen spüren, dass sie willkommen sind und nicht gleich in eine Krippe abgeschoben werden. Optimal ist es, wenn die Mutter die ersten beiden Jahre zu Hause bleibt“, sagte Wunsch unserer Zeitung. Leider hätten Vollzeit-Mütter aber zu wenig gesellschaftliche Anerkennung, so Wunsch. „Kloputzer haben ein besseres Ansehen als Mütter, die einen Haushalt mit Kindern managen, obwohl das eine große, qualifizierte Leistung ist.“

Die Kinderpsychotherapeutin Christa Meves hält sogar zehn Jahre ausschließliche Betreuung durch die Mutter für sinnvoll. Sonst drohten seelische Schäden. Bindungsforscherin Karin Grossmann sagt dagegen, auch Babys könnten mit bis zu drei Personen eine feste Bindung aufbauen.

Der Streit wird so erbittert geführt, weil manche Experten auch nur ihr persönliches Modell verteidigen. Am Ende des Grabenkampfes dürfte dies stehen: Mutter, Kita, Kinderfrau - für jede Familie ist eine andere Betreuung ideal. Vor allem kommt es auf die Qualität an. Nicht jede Hausfrau ist eine engagierte Mutter und nicht jede Krippe gut.

Die Krippen in Dänemark etwa übertreffen die deutschen in Qualifikation der Erzieher und Personalschlüssel bei weitem. Hier sind 70Prozent der Frauen erwerbstätig, die Kinder unter drei Jahren haben. In Westdeutschland sind es weniger als die Hälfte (dabei wünschen hierzulande 86 Prozent, berufstätig zu sein, so das Institut der deutschen Wirtschaft). Zugleich übertrifft die dänische Geburtenrate (1,8 Kinder pro Frau) die deutsche Rate (1,3) bei weitem.

Quelle: RP

 
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