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Bundestagsabgeordnete Christa Nickels von Bündnis 90/Die Grünen: "Wir hielten zusammen - eine andere Wahl gab es nicht"

zuletzt aktualisiert: 17.03.2004 - 14:22

Die Grünen feiern heute ihr 25-jähriges Bestehen. Die Bundestagsabgeordnete und Vorsitzende des Ausschusses für Menschenrechte Christa Nickels (51) erlebte die Anfänge der früheren „Grünen Aktion Zukunft“ im Kreis Heinsberg hautnah mit. Im Gespräch mit Redaktionsmitglied Lars Björn Gutheil blickt sie auf ein Vierteljahrhundert grüner Politik zurück.

Frage: Bei vielen Veranstaltungen auf Orts- und Kreisebene in den Jahren 1979 und ’80 blieb es in den Hallen eher leer, die Grünen wurden mit spitzen Fingern angefasst.

Nickels: Das konservative Umfeld schrie natürlich auf, als wir uns gründeten. Manche Leute hielten uns für Spinner und Chaoten, oder sie glaubten, wir würden mit Terroristen sympathisieren. Nur deshalb, weil unser Outfit nicht in ihr Lebenskonzept passte. Dabei war der Kreisverband, der sich im Januar 1980 gründete, eher wertkonservativ eingestellt. Das waren heimatverbundene Leute, die Lebensgrundlagen schützen und sich engagieren wollten. Viele besuchten noch die Schule, ich gehörte mit meinen 28 Jahren schon zu den „Mittelalten“.

Gab es damals eine Mentalität: Wir gegen den Rest der Welt?

Nickels: Wir haben zusammengehalten, eine andere Wahl hatten wir gar nicht. Es fing mit sieben Leuten an, bei der Gründung des Kreisverbands waren wir schon 49. Wir haben hart gearbeitet, ganz anders als Spötter meinten.

Und Sie haben viel diskutiert. Die langen Debatten sind legendär.

Nickels: Wir wollten ganz einfach ein anderes Entscheidungssystem etablieren, indem wir alles öffentlich diskutierten. Das war in der Tat ziemlich quälend. Mittlerweile agieren die Grünen hoch effizient, wir sind aber immer noch - wohl aus unserer Tradition heraus - die Partei, die ihren Abgeordneten am genauesten auf die Finger schaut.

Sie selbst wurden in den Anfangsjahren mehrfach bedroht. Nach einer Demonstration hatte jemand ihre Autoreifen durchstochen.

Nickels: Das war leider nicht nur ein Phänomen der ersten Jahre. Ich habe öfters Drohungen erhalten, stand sogar unter Polizeischutz. Und gerade musste ich mir zu Hause eine Geheimnummer zulegen. Bisher stand ich immer im Geilenkirchener Telefonbuch.

Empfanden Sie es als Abenteuer, 1983 als jüngste grüne Abgeordnete in den Bundestag einzuziehen?

Nickels: Nein, ich war ja sehr bodenständig aufgewachsen, als ältestes von acht Kindern. Nach dem Abi lernte ich einen handfesten Beruf, wurde Krankenschwester, heiratete mit 20, bekam zwei Kinder. Ich hatte also keine Flausen mehr im Kopf. Abenteuerlich war allenfalls, wie beim ersten Eintreten der Grünen in den Bundestag die älteren Herren aus den konservativen Reihen zischelten und uns junge Frauen mit zutiefst unflätigen Beleidigungen bedachten.

Fühlten Sie sich gekränkt?

Nickels: Das Verhalten war unverschämt, ja.

Auch aus den eigenen Reihen wurden Sie schlecht behandelt, als Sie nach dem „Ja“ zu Garzweiler II Konsequenzen verlangten und einen Bruch der Koalition forderten.

Nickels: Ich bin sicher, dass wir aus Neuwahlen gestärkt hervorgegangen wären. Die Mehrheit der Grünen war anderer Ansicht. In der Tat habe ich erlebt, wie gerade meine Realo-Freunde hinter den Kulissen Stimmung gegen mich machten, mich sogar von der Liste drängen wollten. Das war eine schlimme Zeit. Ich habe so viel Ekel empfunden, dass ich aufhören wollte. Glücklicherweise überzeugten mich Parteikollegen, ich solle mich dem Votum der Basis stellen. Und da zeigte sich, dass viele Leute mein geradliniges Verhalten zu schätzen wussten. Ich erhielt bei der Listenaufstellung ein hervorragendes Ergebnis.

Dennoch: Garzweiler II und auch die AWACS-Stationierung in Geilenkirchen waren Niederlagen. Was haben die Grünen im Kreis und in NRW eigentlich in Kernfragen bewirkt?

Nickels: In der Garzweiler-Frage sind wir an den Mehrheiten gescheitert. Aber wir haben das Thema überhaupt erst auf die bundesweite Tagesordnung gebracht. Ich betrachte es auch als Erfolg, dass wir nach der Niederlage weiter zu unserer Haltung stehen. Der geplante Abbau in Garzweiler II ist falsch. Was die AWACS angeht, so hat sich vieles geändert. Früher waren die Flugzeuge Teil der Atomstrategie. Heute dienen sie Einsätzen unter dem Mandat der Vereinten Nationen.

Sie selbst haben sich in kirchlichen Fragen stark gemacht, obwohl Ihre Partei lange im Clinch mit der katholischen Obrigkeit lag.

Nickels: Als ich 1986 zum Katholikentag nach Aachen eingeladen wurde, erklärte mich das Zentralkomitee der Katholiken noch für unerwünscht. Mittlerweile hat sich zum Glück viel geändert. Die Grünen haben verkrustetes Denken aufgebrochen, zu Glasnost und Friedenspolitik beigetragen. In vielen Fragen stehen wir den Kirchen nahe, etwa bei der Entwicklungszusammenarbeit, dem Flüchtlingsschutz und der Bewahrung der Schöpfung. Es gibt nach wie vor Reibung, etwa bei § 218 oder den gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaften, aber wir diskutieren nun offener. Die Zeiten sind andere: Heute sitze ich selbst im Zentralkomitee der Katholiken.


 
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