Hartz-IV-Diskussion: "Wir versaufen kein Kindergeld"
VON JÖRG ISRINGHAUS UND ULRIKE WINTER - zuletzt aktualisiert: 29.10.2009 - 08:17Ratingen (RP). Das Klischee in der Öffentlichkeit von Hartz-IV-Empfängern als Alkoholiker sei falsch, sagt eine junge Mutter aus Ratingen-West, das den Ruf eines Problemviertels hat. Dennoch ist sie skeptisch, ob ein potenzielles Betreuungsgeld auch bei den Kindern ankomme. Brauchen würden diese es sicher.
Daniela Branca-Plichta drückt es drastisch aus. "Ich habe mein Kindergeld noch nicht versoffen", sagt die 38-Jährige. Die Äußerung des Neuköllner SPD-Bürgermeisters Heinz Buschkowsky, die Unterschicht werde ein von Union und FDP geplantes Betreuungsgeld versaufen, statt es den Kindern zugute kommen zu lassen, findet die Mutter von zwei Kindern unverschämt. Außerdem störe es sie, dass alles immer über einen Kamm geschoren werde. "Auch in reichen Haushalten kommen Kinder unter die Räder", sagt sie. "Aber", räumt Branca-Plichta ein, "ganz falsch liegt Buschkowsky nicht. Wer jetzt trinkt, statt sich um seine Kinder zu kümmern, wird auch zusätzliches Geld an der Theke verjubeln."
Sozialer Brennpunkt mit 20.000 Anwohnern
Branca-Plichta wohnt in Ratingen-West, einem sogenannten sozialen Brennpunkt. Rund 20.000 Menschen leben hier, überdurchschnittlich viele davon Ausländer oder mit Migrationshintergrund. Zentrum des Stadtteils ist der Berliner Platz; dort stehen jeden Abend Gruppen von Männern herum und trinken Alkohol. Viele von ihnen seien Familienväter, sagt ein Anwohner.
Vielleicht deshalb ist auch Violeta Burai skeptisch, was die Verwendung eines möglichen Betreuungsgeldes angeht. Eine eingebaute Kontrolle fände sie nicht schlecht. "Gutscheine, die man nur kindbezogen einlösen kann, würden sicherstellen, dass das Geld auch dem Kind zugute kommt und nicht dem Vater", sagt die Mutter des sieben Monate alten Christian.
Michaela Peter von der Diakonie im Kirchenkreis Düsseldorf-Mettmann sieht das ähnlich. Seit 20 Jahren ist sie Sozialarbeiterin. Sie beobachtet immer häufiger einen falschen Umgang mit Geld. "Die Menschen sagen sich: 'Ich habe sowieso nichts' – also kann ich mich auch verschulden", erzählt Peter. "Und dabei werden sie auch noch unterstützt. Wir hatten hier Leute, die haben von ihrer Bank einen Kredit bekommen – und gleich eine Versicherungspolice dazu." Oder sie versuchen ihre Probleme eben mit Alkohol zu lösen.
Wobei Heinz Brazda von der Bürger-Union Ratingen die Situation etwas relativiert. Das Bild saufender Hartz-IV-Empfänger treffe nicht für alle Menschen zu, die in Problemvierteln leben, sagt Brazda. Der Eindruck werde von einem harten Kern der wenigen Betroffenen bedient, die in der Öffentlichkeit trinken, pöbeln, sich manchmal auch Schlägereien liefern. Deshalb will er sich für ein Alkoholverbot in bestimmten öffentlichen Räumen starkmachen, sagt Brazda.
Zahl der Betreuungsplätze soll steigen
Das alleine löst nicht das Problem. Wer Kindern sozial schwacher Familien helfen wolle, sagt Edith Bohnen, Vorsitzende des Sozialdienstes katholischer Frauen (SkF) in Ratingen, der helfe ihnen am besten durch ein kostenloses Mittagessen an der Schule, durch Zugang zu einem Sportverein oder Musikunterricht. "Da müsste der Staat eingreifen – das wäre sinnvoller, als das Kindergeld zu erhöhen – das bei den Leuten ankommt, die es ohnehin nicht brauchen und denen, die es bräuchten, vom Hartz-IV-Satz abgezogen wird." Auch die Zahl der Betreuungsplätze müsste deutlich erhöht werden. "Dass in NRW nicht einmal jedes zehnte Kind unter drei Jahren betreut wird, zeigt, dass wir in der Hinsicht um Jahrzehnte zurückliegen."
Heute, sagt Bohnen, müsse sie keinem Ratinger mehr erklären, wie Armut aussehe. Und dass sie oft direkt nebenan wohne. Dazu beigetragen habe die Eröffnung der Tafel, die Essen an Arme verteile, und zwar mitten in der Stadt. "Da standen dann auf einmal 250 Leute für eine Mahlzeit an – und jeder musste an ihnen vorbei. Zum nächsten Weihnachtsfest wurden hier 370 Päckchen abgegeben."
Fakt ist, dass junge Familien, sozial schwache zumal, zusätzliches Geld gut gebrauchen können. "Da fällt andauernd etwas an, und ich weiß oft nicht, wie ich das bezahlen soll", sagt eine alleinerziehende Mutter von drei Kindern, die nicht genannt werden will. Eine Finanzspritze wäre für sie ein Segen. Violeta Burai gibt ein einfaches Rechenbeispiel. Die zehn Euro mehr Kindergeld investiere sie in Nahrung für ihren Sohn. Vier Tage käme sie damit hin. "Das Betreuungsgeld würde schon helfen."
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