Streit um Verkürzung auf sechs Monate: Wohlfahrtsverband droht mit Ausstieg aus Zivildienst
zuletzt aktualisiert: 03.11.2009 - 16:49Düsseldorf (RPO). Die schwarz-gelbe Bundesregierung könnte mit ihrem Vorhaben, den Wehrdienst auf sechs Monate zu reduzieren, dem Zivildienst in Deutschland ein Ende bereiten. Der Paritätische Wohlfahrtverband bereitet nach eigener Aussage bereits den Ausstieg aus dem Zivildienst vor. Einsatzzeiten von lediglich sechs Monaten seien Unsinn.
Ironie der Geschichte: Jahrelang argumentierten Politiker der großen Parteien, man könne den Wehrdienst nicht abschaffen, weil die Gesellschaft auf die Ersatzdienstleistenden angewiesen sei. Dieses Argument stand unter anderem stets der Einführung eines Berufsheers im Wege. Nun scheint es eine dramatische Wende zu geben: Der Zivildienst könnte vor dem Aus stehen, weil die Wehrpflicht verkürzt wird.
Die stellvertretende Vorsitzende der SPD-Fraktion, Dagmar Ziegler, hat die Bundesregierung wegen der geplanten Verkürzung des Zivildienstes scharf kritisiert. "Da ist offenbar nicht nachgedacht worden. Ich erwarte von der Regierung, dass sie ein Konzept vorlegt, wie in einem auf sechs Monate verkürzten Zivildienst noch die Qualität der Arbeit garantiert werden kann", sagte Ziegler unserer Redaktion. Wenn der Zivildienst verkürzt werde, müssten Ehrenamt und Freiwilligendienste gestärkt werden, betonte Ziegler. Dies bedeute, dass auch mehr Geld investiert werde.
Dauer des Zivildiensts
1962: 18 Monate
1984: 20 Monate
1990: 15 Monate
2004: neun Monate
"Die Kürzung des Zivildienstes auf sechs Monate heißt, den Anfang vom Ende des Zivildienstes überhaupt einzuläuten, weil wir dann nicht mehr in der Lage sein werden, Zivildienstleistende noch vernünftig einzusetzen", sagte der Hauptgeschäftsführer des Verbandes, Ulrich Schneider, dem "Kölner Stadt-Anzeiger". "Unsere Mitgliedsorganisationen haben bereits signalisiert, dass sie die Stellen dann zurück geben und nicht mehr besetzen werden", so Schneider weiter.
Zivis haben Zeit für die Menschen
Der Grund: Zivildienstleistende sind heute aus dem Gesundheits- und Sozialsektor kaum wegzudenken. Ihre Stärke: Die jungen Männer können oft noch ohne Zeitdruck und Kostenzwang ihrer Arbeit nachgehen. Viele Zivis haben Zeit, sich mit Senioren oder Kranken zu unterhalten, mit ihnen Schach zu spielen oder bei Einkäufen zu begleiten. In den neun Monaten gelingt es dabei immer wieder, ein persönliches Vertrauensverhältnis aufzubauen.
Durch die Verkürzung auf ein halbes Jahr sei dies nicht mehr möglich, sagen Kritiker. Der ständige Wechsel der Zivildienstleistenden sei zu den Betreuenden nicht zuzumuten. "Bei der Pflege, in Kindergärten oder der Arbeit mit Behinderten kann man es den Menschen einfach nicht zumuten, alle halbe Jahre die Bezugsperson zu wechseln", sagte Schneider weiter.
Bei technisch anspruchsvolleren Aufgaben sei die Lage noch kritischer. So müssten beispielsweise die Fahrer von Rettungswagen drei Monate lang ausgebildet werden. Wenn der junge Mann aber anschließend nur drei Monate Dienst tut, lohnt sich diese Investition nicht mehr.
Stets neue Leute einarbeiten?
"Da bringen sechs Monate dann gar nichts mehr. Bei der Pflege, in Kindergärten oder der Arbeit mit Behinderten kann man es den Menschen einfach nicht zumuten, alle halbe Jahre die Bezugsperson zu wechseln." Auch den Einsatzstellen könne man nicht zumuten, stets neue Leute einarbeiten zu müssen.
"Wenn man auf sechs Monate geht, dann ist der Zivildienst am Ende", sagte er weiter. Allerdings gebe es die Möglichkeit, den Verlust durch Freiwillige "zu kompensieren, wenn die Politik mitspielt" und mehr Geld bereitstelle, ergänzte der Hauptgeschäftsführer.
Nach Angaben der Zeitung stehen den bundesweit 85.000 Zivildienstleistenden im Jahr 2009 rund 35.000 junge Menschen gegenüber, die ein freiwilliges soziales oder ökologisches Jahr absolvieren.
Die Zahl der Bewerber ist demnach ungefähr doppelt so hoch. Die Stellen werden von Bund und Ländern finanziert; der Bund gibt in diesem Jahr 19,2 Millionen Euro. Nach Auskunft des Wohlfahrtsverbandes müsste er 60 Millionen Euro jährlich zuschießen, damit das Loch, das die Zivildienstleistenden hinterlassen, gestopft werden könnte.
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