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Wolfgang Bosbach
Rückzug eines Unbequemen

Wolfgang Bosbach: Rückzug eines Unbequemen
Wolfgang Bosbach in Bergisch-Gladbach. FOTO: dpa, obe htf olg
Bergisch Gladbach. Der Abgeordnete Wolfgang Bosbach ist wütend auf den CDU-Generalsekretär und widersteht weiter der Griechenland-Rettungspolitik. Nun hat er seinen Rückzug als Vorsitzender des Bundestags-Innenausschusses angekündigt. Von Reinhold Michels

Wolfgang Bosbach hat einen Feind im Körper und Feinde in der eigenen Partei. Beide kann er nicht besiegen. Den CDU-Generalsekretär Peter Tauber hat der 2013 wieder direkt gewählte, an Krebs erkrankte Abgeordnete des rheinisch-bergischen Bundestagswahlkreises auf dem Kieker. Tauber hatte wohl vor allem den prominentesten CDU-Kritiker der sündteuren Griechenland-Rettungspolitik gemeint, als er Bosbach und anderen Abweichlern von der Kanzlerinnen- und Fraktionslinie unterstellte, sie machten ihr Nein zu einem Geschäftsmodell.

Das, so sagte es Bosbach am Donnerstag in seiner Heimatstadt Bergisch Gladbach, habe ihn sehr betroffen gemacht. Wahrscheinlich traf ihn Taubers verbaler Stich noch mehr als die Pöbelei von Angela Merkels ehemaligem Kanzleramtsminister Ronald Pofalla, der seinem Partei-"Freund" Bosbach einst in denkbar rüdem Ton entgegengeschleudert hatte: "Ich kann deine Fresse nicht mehr sehen." Das war zwar ungezogen, aber nicht ehrabschneidend wie Taubers bewusst verletzende Bemerkung. Zuvor hatte allerdings Bosbach, wenn auch mit Vorankündigung, zum wiederholten Mal "quer im Fraktionsstall" gestanden, wie er es einmal selbstironisch formulierte. Am Donnerstag sagte er es so: Er sei kein Rebell, er sei im Gegensatz zur CDU-Führung stets bei seiner Meinung geblieben, dass der Euro weder zu einer Haftungs- noch gar Transferunion werden dürfe.

Auf Letztere hin bewege man sich in Riesenschritten. Diesen Weg könne und wolle er nicht mitgehen. Süffisant setzte der Unbequeme nach: "Heute bist du Rebell, wenn du bei deiner Meinung bleibst." Da er aber den Vorsitz des Innenausschusses auch seiner Fraktion verdanke, gebe er diesen zum 22. September auf. Auch auf Drängen des gesamten rheinisch-bergischen CDU-Vorstandes und vieler Christdemokraten im Land will Bosbach sein 2013 mit gut 58 Prozent der Erststimmen wiedergewonnenes Mandat weiter wahrnehmen. Über seinen Teilrückzug hatte Bosbach sowohl Angela Merkel als auch Unions-Fraktionschef Volker Kauder informiert.

Doch nun zum Feind im Körper, dem Krebs. Bosbach denkt immer wieder an ihn, seit 2011 die Diagnose nach der Prostata-OP im Mai 2010 den Bundestagsabgeordneten der Extraklasse wie der sprichwörtliche Keulenhieb traf: Operation gelungen, Krebs noch da. Es gibt Metastasen im Wirbelsäulen- und Beckenbereich. Es fiel das schreckliche Wort "unheilbar". Der Patient fragte seinen Onkologen: "Wie lange habe ich noch?" Der Medikus antwortete laut Bosbachs Biografin Anna von Bayern zum Thema Lebenserwartung: "Die müssen wir jetzt schon deutlich nach unten reduzieren." Es folgte eine Strahlentherapie mit radioaktivem Zucker. "Alles andere als ein Zückerchen", würde der für seinen Humor bekannte Ex-Karnevalsprinz wohl sagen. Eine zusätzliche Hormonentzugs-Behandlung soll die bösen Zellen beim Streuen stoppen.

Bosbach schwankt seither – auch da typischer Rheinländer – zwischen Heiterkeit und Melancholie. Der zugleich Verletzlichkeit und Stärke ausstrahlende Mann arbeitete weiter im Bundestag, im Wahlkreis, fast könnte man sagen: Er tingelte durch Talkshows, machte sich so noch bekannter und beim Volk immer beliebter. Seiner Ehefrau Sabine (das Auto-Kennzeichen am BMW X 3 trägt sein und ihr Vornamen-Initial WS) soll es missfallen, wie ihr Wolfgang nicht zu Hause, dafür jedoch in der Öffentlichkeit seine Krankheit thematisiert. Wenn es irgendwann ans Sterben geht, soll das möglichst daheim im Kreis seiner "vier Damen", der Ehefrau und den drei Töchtern, geschehen. Angst vor dem Tod? Typische Bosbach-Antwort - fröhlich mit einer Prise Traurigkeit: "Nö, wenn er kommt, bin ich ja weg." Zurück zum Spitzenpolitiker, der nie Minister wurde: Bosbach betonte, dass er sich auch künftig ohne Innenausschuss-Vorsitz für "Angela Merkel in jede Schlacht werfe", aber der Verdacht, die Frau aus der Uckermark habe den ihr wesensfremden rheinisch-bergischen Jung nicht am Kabinettstisch haben wollen, hält sich.

Als wäre er nicht genug gestraft mit dem Krebs, ist auch sein Herz lädiert: Schrittmacher und Defibrillator wurden implantiert. Als Letzterer 2013 beim CDU-Landesparteitag in Münster verrückt spielte, kollabierte Bosbach. Man befürchtete das Schlimmste. Sein großer Freundeskreis, darunter die Kölsch-Rocker "Höhner", wird hoffen so wie er, dass die guten Gene der direkten Vorfahren auch dem Sohn eigen sind. Bosbachs Eltern sind hochbetagt und altersgemäß fit. Dazu noch einmal ein O-Ton von Donnerstag: "Mama wird heut' 87, und die Eltern feiern 67. Hochzeitstag. Der Rest des Tages gehört Mama und Papa."

Quelle: RP
 
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