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Analyse
Zahl der Abtreibungen sinkt

Zahl der Abtreibungen sink
Die Zahl der Abtreibungen in Deutschland hat deutlich abgenommen. FOTO: Stat. Bundesamt | Radowski
Düsseldorf. 2002 lag die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche noch bei 130.387. Zwölf Jahre später ist der Wert erstmals unter die 100.000-Marke gesunken. Das liege vor allem an der gesellschaftlichen Entwicklung, sagt die Diakonie. Von Nicole Scharfetter

Die katholische Kirche bezeichnet Abtreibung als ein verabscheuungswürdiges Verbrechen. Das Leben eines Menschen beginne mit der Zeugung, schon 21 Tage danach sei ein Herzschlag festzustellen. Frauenrechtlerinnen dagegen gingen Anfang der 70er Jahre zu Hunderttausenden auf die Straße, um unter dem Motto "Mein Bauch gehört mir" die Abschaffung von Paragraf 218 zu fordern. Jenes Paragrafen, der ursprünglich aus dem Jahr 1871 stammte und bis in die 60er Jahre hinein fast unverändert im Gesetzbuch stand: "Eine Schwangere, welche ihre Frucht vorsätzlich abtreibt oder im Mutterleib tötet, wird mit Zuchthaus bis zu fünf Jahren bestraft." Das Recht auf Abtreibung wurde für die Frauen der 70er zum Ausdruck ihrer Selbstbestimmung - mein Bauch gehört mir.

Erfreulich wird für beide Seiten sein, dass die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche 2014 wie auch schon in den Vorjahren gesunken ist. 99.715 Abtreibungen wurden vom Statistischen Bundesamt in Wiesbaden erfasst, das sind 25 Prozent weniger als noch vor zwölf Jahren. Und erstmals seit Beginn der Erhebung haben weniger als 100.000 Frauen abgetrieben. Angelika Wolff von der Diakonie erklärt den Trend so: "Heute ist es keine Schande mehr, unverheiratet Kinder zu bekommen. Und moralisch ist es eher möglich, alleinerziehend zu leben", sagt sie.

Außerdem werde heutzutage besser über Verhütung aufgeklärt. Die Diakonie beobachte seit einer Weile die kontinuierliche Abnahme der Schwangerschaftsabbrüche. "Das ist eine erfreuliche Botschaft", sagt Wolff, "mit Blick auf alle Gegner der Beratungsregel."

Das nehmen Schwangere am häufigsten ein FOTO: Techniker Krankenkasse

Tatsächlich ist der Schwangerschaftsabbruch in Deutschland nach Paragraf 218 des Strafgesetzbuches noch heute rechtswidrig. Geduldet wird die Abtreibung nach Paragraf 218a in einer Reihe von Ausnahmefällen: Wenn die Frau von der Beratungsregel Gebrauch macht, die Frau vergewaltigt wurde oder Gefahr für das Leben der Mutter besteht, wenn sie das Kind austrägt. Ein Großteil der Frauen - mehr als 96 Prozent -, der sich zu dem Schritt entschied, das Kind abtreiben zu lassen, machte von der Beratungsregelung Gebrauch. Voraussetzung für einen Schwangerschaftsabbruch in Deutschland ist, dass die Dauer der Schwangerschaft nicht die zwölfte Woche überschritten hat, die Frau sich beraten lässt und die entsprechende Beratungsbescheinigung vorlegen kann. Der Abbruch darf frühestens am vierten Tag nach der Beratung von einem Arzt, der nicht an dem Gespräch teilgenommen hat, vorgenommen werden. Die Gründe für Abtreibungen sind vielfältig. "Die meisten Frauen, die abtreiben, können ein Kind nicht mit dem Beruf vereinbaren", sagt Angelika Wolff. Sie hätten große Angst vor Armut, Angst, ihren Job zu verlieren, weil sie nur einen befristeten Vertrag hätten. Einen vergleichbar geringen Teil der Schwangerschaftsabbrüche machen medizinische und kriminologische Faktoren aus: 41 Frauen brachen 2014 die Schwangerschaft ab, weil sie Opfer einer Vergewaltigung waren. 3594 Frauen konnten aus medizinischen Gründen ihr Kind nicht bekommen.

Als Mittel der Familienplanung nehmen Abtreibungen an Bedeutung ab. Das begrüßen sowohl Kirchen als auch Feministinnen. Gleichwohl schwingt das Thema immer mit, wenn es um die Frage geht, ob eine Schwangerschaft gerade passt. Denn vermutlich ist die Zeit nie die richtige, um ein Kind zu bekommen. Im Teenageralter, wenn man selbst noch ein Kind ist, sind Schwangerschaften allemal Unglücke, weil Kinder keine Kinder kriegen sollten. Immerhin werden die Teenie-Mütter heute nicht mehr die Treppe hinuntergeschubst, damit sich das Kind von allein erledigt. Die Teenies von heute sind aufgeklärt, sie wissen, wie Verhütung funktioniert. Zumindest die meisten von ihnen. Bei jungen Erwachsenen sind vor allem die Faktoren Zeit und Geld maßgeblich für die Entscheidung für oder gegen ein Kind. Die 20er nämlich sind vollgepackt mit Ausbildung und Studium und Party und Jobben. Zeit gibt es nicht, ebenso wenig Geld. Nach dem Abschluss kommt der erste richtige Job. Auch wenn die Bedingungen nicht die besten sind, weil die Bezahlung eher mittelmäßig ist und der Vertrag befristet. Deswegen muss das Kind im Spiel des Lebens einfach noch ein paar Runden aussetzen, irgendwann kommt die richtige Zeit. Und wenn die Zeit dann richtig ist, fehlt der passende Partner, um ein Kind in die Welt zu setzen. Auch das ist ein Grund, warum Frauen in den 30ern ein Kind abtreiben. Sie wollen vor allem Sicherheit, wenn sie an die Zukunft denken.

Die meisten Abtreibungen erfasste das Statistische Bundesamt 2014 in Nordrhein-Westfalen, dem bevölkerungsreichsten Bundesland. 20.219 Frauen entschieden sich dort gegen ein Kind. Trotzdem bleibt NRW unterhalb des Bundesdurchschnitts - auf 10.000 Frauen kamen 22,4 Abtreibungen. In Bremen gab es pro 10.000 Frauen fast dreimal so viele Schwangerschaftsabbrüche, weil Bremen fast 40 Prozent der Patienten aus dem Umland versorgt. Für das vergangene Jahr gibt es erste Hochrechnungen: Nach Angaben des Statistischen Bundesamts sind die Zahlen im dritten Quartal 2015 im Vergleich zum Vorjahr leicht gestiegen, um 0,9 Prozent. Knapp drei Viertel der Frauen, die im dritten Quartal 2015 die Schwangerschaft abbrachen, waren zwischen 18 und 34 Jahre alt, 17 Prozent zwischen 35 und 39 Jahre. Rund sieben Prozent der Frauen waren 40 Jahre und älter.

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Schwangere machen es sich nie leicht, ein Kind abzutreiben. Das zeigt auch die kontinuierliche Abnahme der Abtreibungen. Zugleich ist es oft eine seelische Belastung. Viele der Frauen rechnen Jahr für Jahr das Alter des Kindes aus oder trauern - meist heimlich - am Jahrestag des Abbruchs.

Quelle: RP
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