Helmut Schmidts Wunsch nach dem SPD-Kanzlerkandidaten: Zug um Zug für Peer Steinbrück
VON MICHAEL BRÖCKER - zuletzt aktualisiert: 25.10.2011 - 07:01Berlin (RP). SPD-Altkanzler Helmut Schmidt setzt sich mit seiner Autorität und Popularität für seinen Freund Peer Steinbrück ein. Der Ex-Finanzminister soll Kanzler werden. Die beiden sind Brüder im Geiste. Doch die SPD, die sie sich wünschen, gibt es nicht. Und Steinbrücks Gegner lauern schon.
Es hatte etwas Heimeliges, fast Wohnzimmeratmosphäre, als Altkanzler Helmut Schmidt (SPD) am Sonntagabend vor 5,6 Millionen Zuschauern bei TV-Moderator Günther Jauch saß und seinen Lieblingsgenossen lobte. "Deutschland braucht politische Führer, die, wenn sie über die Bankenkrise sprechen, wissen, wovon sie reden", sagte Schmidt und zog an seiner Zigarette. "Peer Steinbrück ist einer von denen, die wirklich wissen, wovon sie reden."
Damit war die Botschaft gesetzt: Helmut Schmidt, der 92-jährige Altkanzler, den sich laut einer Umfrage zwei Drittel der Deutschen zurück ins Amt wünschen, wirbt für den 64-jährigen Peer Steinbrück als künftigen Kanzlerkandidaten der SPD. In einem gemeinsamen Buch ("Zug um Zug"), das in dieser Woche auf den Markt kommt, im aktuellen "Spiegel" ("Er kann es") und auch in der von ihm mitherausgegebenen "Zeit", die am Donnerstag mit einem Exklusivabdruck erscheint, wird Schmidt dies wiederholen. So offensiv hat sich ein Ex-Kanzler noch nie in die Kanzlerkandidatenfrage seiner Partei eingemischt.
Peer Steinbrück, ohnehin mit genug Selbstbewusstsein ausgestattet, nimmt die Huldigung gerne entgegen. Wie ein Schüler, der ein dickes Lob von seinem Lehrer kassiert, saß Steinbrück im ARD-Studio neben dem SPD-Großmeister Schmidt und lächelte. Er selbst tat so, als ginge es gar nicht um ihn und die Kanzlerkandidatur. Als sich Günther Jauch nach einem längeren Wortwechsel mit Helmut Schmidt zu Steinbrück lehnte und sagte: "Sie sagen ja gar nichts", konterte Peer Steinbrück nur: "Das Gespräch geht ja auch völlig an mir vorbei."
In der SPD soll künftig allerdings nichts mehr an Steinbrück vorbei gehen. Dass er Kanzler werden will, habe er schon Anfang des Jahres entschieden, sagt einer, der zu den engeren Parteifreunden Steinbrücks zählt. Das aus seiner Sicht schlechte Krisenmanagement der Kanzlerin in der Euro-Krise habe Steinbrücks Ehrgeiz erwachen lassen. Nach dem Motto: "Das kann ich besser." Gespräche mit Helmut Schmidt, den Steinbrück verehrt und dem er seit Jahren freundschaftlich verbunden ist, haben ihn darin bestärkt.
Im Zweifel gegen Parteibeschlüsse
Die beiden Hanseaten verbindet nicht nur die kühl-ironische Mentalität, die Steinbrück früher gerne auf Kosten der Parteilinken eingesetzt hat. Schmidt und Steinbrück haben auch eine ähnliche Sicht auf ihre Partei. Beide sind Pragmatiker, die Pflichtbewusstsein, eine klare Sprache und eine bestimmte Überparteilichkeit schätzen. Im Zweifel würden sie sich über Parteitagsbeschlüsse hinwegsetzen, wenn sie meinen, dass dem Land damit gedient ist.
Wenn sich Schmidt und Steinbrück im Hamburger Domizil des Altkanzlers zum Schach treffen (Steinbrück gewinnt angeblich drei von vier Spielen), dürfte die Kritik an den selbstreferenziellen Funktionärszirkeln in der SPD genauso dazugehören wie Schmidts Mentholzigarette und Steinbrücks Wein. In der Schmidt-Steinbrück-Welt kann die SPD nur den Kanzler stellen, wenn sie einen bürgerlichen Mitte-Kurs fährt. Steinbrück ärgert es, dass die SPD mit der Ächtung des Begriffs "neoliberal" auch den Liberalismus ausgrenzt und dass bürgerlich oft als konservativ und spießig empfunden wird. Helmut Schmidt sieht das ähnlich.
Das war schon so, als sich die beiden 1978 kennenlernten. Der junge Volkswirt Steinbrück wechselte aus dem Büro von SPD-Forschungsminister Hans Matthöfer ins Kanzleramt von Helmut Schmidt. Matthöfer wurde wegen seiner Nähe zum Industriekonzern Siemens und seines Eintretens für den Neubau von Atomkraftwerken von Parteilinken als "Siemens-Matthöfer" verhöhnt. Doch Schmidt schätzte den pragmatischen Kurs seines Ministers. Und Peer Steinbrück war genauso. Die Volkswirte Steinbrück und Schmidt lernten sich so gewissermaßen als Pro-Atomkraft-Politiker kennen. Seither lag man in wesentlichen ökonomischen Fragen nur selten auseinander. Helmut Schmidt war 2008 einer der ersten, die das Krisenmanagement von Peer Steinbrück als Finanzminister öffentlich lobten.
Nur: Die SPD ist nicht Schmidt und Steinbrück. In der Parteilinken sammelt sich seit Wochen der Unmut über die Offensive Steinbrücks, der parteiinterne Nörgler schon mal als "Heulsusen" abkanzelte. Die SPD-Linken halten den früheren NRW-Ministerpräsidenten nicht für einen glaubwürdigen Vorkämpfer einer rot-grünen Regierung. Sie bevorzugen Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier.
Dass sich Helmut Schmidt nun für Steinbrück einsetzt, wird den linken Flügel kaum beeindrucken. Parteichef Sigmar Gabriel, der das Vorschlagsrecht hat, sieht die Roadshow bisher gelassen. Wer Kanzlerkandidat wird, ist noch lange nicht ausgemacht. Helmut Schmidt hat zwar eine gewichtige Stimme in der SPD. Aber eben auch nur eine.
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