Mai-Krawalle: "Zur Steinigung freigegeben"
VON GREGOR MAYNTZ - zuletzt aktualisiert: 04.05.2009 - 07:36Berlin (RP). Die Mai-Krawalle in Berlin begannen früher und waren blutiger als in den Vorjahren. 273 Polizeibeamte wurden verletzt, 289 Chaoten festgenommen. Einige hatten sogar versucht, Polizisten zu verbrennen. Damit steht das in den Vorjahren erfolgreiche Konzept der Deeskalation in Frage.
Berlin. Auch zwei Tage danach steckt vielen Kreuzbergern das Erlebnis der jüngsten Mai-Krawalle noch in den Knochen. Vier Jahre hatte der Festcharakter überwogen, hatten die gewaltbereiten Autonomen und die zugereisten, meist angetrunkenen Exzess-Touristen die friedlichen Feiern nicht nachhaltig stören können.
Doch dieses Mal knüpfte der Mob an die schlimme Tradition der 80er und 90er Jahre an: 273 verletzte Polizisten, 289 Festnahmen, die inzwischen in vier Fällen zu Haftbefehlen wegen versuchten Mordes führten. Das macht deutlich wie groß der "Rückschlag" ist, den Berlin nach Ansicht seines Innensenators Ehrhart Körting (SPD) im Bemühen um einen friedlichen 1. Mai erlitten hat.
Früher als sonst beteiligten sich mehr Vermummte in deutlich aggressiverer Stimmung an den Ausschreitungen. Nicht nur Polizisten waren, wie es deren Gewerkschaft beklagt, "zur Steinigung freigegeben". Verzweifelt versuchten einige Veranstalter, den Steinhagel schon vor dem Ende der traditionellen "Revolutionären Demonstration" zu stoppen. "Ihr trefft die eigenen Leute!" Nicht einmal das hielt die Chaoten von ihren Massen-Straftaten ab. Über 50 Demonstranten hätten mit schweren Kopfverletzungen ins Krankenhaus gemusst. Mindestens 136 Personen seien zum Teil schwer verletzt worden.
Mit einem mehrstufigen Konzept der Deeskalation versuchen Polizei und Bezirk, die seit den 80er Jahren eskalierende Gewalt am Abend des 1. Mai auszuhebeln. Anwohner und Geschäftsleute haben sich mit dem programmatisch "Myfest" betitelten Feiern die Plätze und Straßen zurückerobert. Wo früher Fenster und Türen verbarrikadiert wurden und die Flächen zum Schauplatz bürgerkriegsähnlicher Krawalle wurden, stehen nun Tische und Bänke, treten Musik- und Folkloregruppen auf, wird getanzt und geschwooft.
Parallel dazu zog die Polizei ihre massive Präsenz zurück. Die Wasserwerfer, früher Speerspitze der 50 bis 90 eingesetzten Hundertschaften, fuhren in die letzte Linie, blieben zuletzt sogar im Depot. Auch die schwerst geschützten Einsatztrupps blieben in den Seitenstraßen. Sichtbar waren vor allem ungeschützte Polizisten. Offene Haare statt Helme, T-Shirts mit "Anti-Konflikt-Team"-Aufschrift statt Abwehrschirm. Ausgestreckte Hände statt Gummiknüppel. Tatsächlich brauchten gewaltbereite Chaoten in den letzten Jahren immer länger, bis sie ihren "Gegner" gefunden hatten.
Im Vorfeld des jüngsten 1. Mai hatte die Berliner Polizei bereits Hinweise auf eine gestiegene Gewaltbereitschaft verzeichnet. Sie hielt jedoch an ihrem gewohnten Konzept fest, modifiziert um die schnellen Zugriffe. Wenn einzelne Autonome mit Straftaten begannen, fand sich zunächst stets ein Greiftrupp, der beherzt dazwischen ging und die Rädelsführer abführte. Das sollte beruhigend wirken. Tat es dieses Mal aber nicht.
Mehrere tausend "Demonstranten" gaben Rückhalt für einen Block von etwa 500 Gewalttätern, die schon während des Aufzuges mit Steinen und Flaschen warfen. Etliche kannten auch keine Skrupel, mitten durch das von Zehntausenden besuchte "Myfest" zu ziehen und in die Feiermeile mit Signalmunition zu schießen. Anschließend schwoll die Zahl der Gewaltbereiten laut Polizei auf rund 2500 Personen an. Ihnen standen 5800 Polizisten gegenüber.
Eine ganze Reihe von Gewalttätern kannte keine Grenze. Nach dem Eindruck von Polizisten waren sie sogar auf das Töten von Beamten aus. So wurden mehrere Polizisten mit Brandsätzen beworfen. "Wir können froh sein, dass es keine Toten gab", sagte Rainer Wendt, der Chef der Polizeigewerkschaft im Beamtenbund. Die Deeskalationsstrategie sei "grandios gescheitert". Diese sei von den Gewaltbereiten nur als "Schwäche missverstanden" worden. Dagegen hält Polizeipräsident Dieter Glietsch sie auch künftig für "alternativlos".
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