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Neu-Delhi
Die Angst der indischen Frauen

Neu-Delhi. Ein Blick, ein Lächeln gilt schon als Aufforderung, ein nackter Oberarm als sexuelle Provokation. Das Beispiel Indien zeigt, dass sich ein archaisches Frauenbild nur sehr langsam verändern lässt. Von Christine Möllhoff

Wenn sie länger als bis acht Uhr abends arbeiten müsse, hole ihr Bruder sie mit dem Moped ab, erzählt die Kosmetikerin Neetu. Dabei wohnt sie nur 20 Minuten zu Fuß von ihrem Arbeitsplatz in Neu-Delhis mittelständischem Wohnviertel Jangpura; der Weg führt durch ein belebtes Viertel mit vielen Geschäften. "Auf der Straße ist es abends nicht sicher", sagt die 22-Jährige. Während sich ihr Bruder mit Freunden trifft, verbringt sie die Abende mit den Eltern zu Hause.

Die meisten Frauen im Westen sind es gewohnt, sich relativ frei zu bewegen, und fühlen sich zumindest in belebten Gegenden weitgehend sicher. In vielen anderen Ländern ist das nicht der Fall. Auch in Indien ist unterschwellige Angst für viele Frauen ein ständiger Begleiter.

Zwar sind sexuelle Massenattacken auf öffentlichen Plätzen und direkt unter den Augen der Polizei in Indien nicht an der Tagesordnung. Aber auch das Gandhi-Land hat ein Problem mit sexueller Gewalt. Daran haben auch die wochenlangen Massenproteste nach der furchtbaren Gruppenvergewaltigung vor drei Jahren nicht viel geändert, als sechs Männer die 23-jährige Studentin Jyoti Singh in einem Bus vergewaltigten und so grausam folterten, dass sie zwei Wochen später starb. Noch immer machen regelmäßig furchtbare Vergewaltigungen Schlagzeilen.

Das Beispiel Indien zeigt, wie tief ein archaisches Frauenbild in den Köpfen verankert ist - und wie schwierig es ist, dies zu ändern. Zugleich zeigt der Blick nach Indien, dass Frauenhass weniger eine Frage der Konfession, der Ethnie oder der Herkunft ist, sondern vor allem der Kultur: Sexuelle Gewalt findet sich in Indien nicht nur bei Hindus, sondern in allen Religionsgemeinschaften, Christen inklusive. Auch islamische Nachbarländer wie Pakistan und Afghanistan oder das mehrheitlich buddhistische Sri Lanka kämpfen mit ähnlichen Problemen.

Für Frauen hat das massive Folgen. Es beschneidet nicht nur empfindlich ihren Bewegungsspielraum; ein Gefühl der Bedrohung durchzieht oft derart den Alltag, dass Psychologen von einer "traumatischen Existenz" sprechen. 92 Prozent aller berufstätigen Frauen in Indiens Metropolen fühlen sich laut einer Umfrage auf der Straße in Gefahr, vor allem abends und nachts. Bewegungsfreiheit wird zu einer Frage des Geldbeutels: Nur wer sich ein Taxi oder Auto leisten kann, kann sich relativ sicher und frei auch abends oder nachts bewegen. Ärmere Frauen können abends kaum alleine das Haus verlassen. Besonders verletzlich sind jene Mädchen und Frauen, die keine Toilette im Haus haben und die Notdurft draußen verrichten müssen.

Von klein auf lernen Mädchen, dass sie sich vorsehen müssen und dass sie in ständiger Gefahr schweben. "Keinen Fremden ansehen oder anlächeln", heißt das ungeschriebene Gesetz auf der Straße. Schon ein zufälliger Blickkontakt oder ein harmloses Lächeln kommt in den prüden Kulturen Südasiens einer Aufforderung gleich. Auch ein nackter Arm, ein nacktes Bein oder ein sich abzeichnender Busen gelten in konservativen Regionen schon als sexuelle Provokation.

Die Straße ist nachts Feindesland. Viele Männer machen schnell klar, wem der öffentliche Raum gehört - und behandeln Frauen wie Freiwild: Sie rufen Obszönitäten, starren sie an, verfolgen oder begrapschen sie. Viele Frauen trauen sich nicht einmal tagsüber in die öffentlichen Busse, weil Männer sie im Gedränge betatschen. Andere nehmen Nadeln mit, um sich gegen die Grapscher zu wehren. In der Metro gibt es vorsorglich eigene Frauenabteile.

Während in einigen arabischen Ländern seit einigen Jahren aggressive Massenattacken auf öffentlichen Plätzen, "Taharrush gamea" genannt, Schrecken verbreiten, machen in Indien vor allem brutale Gruppenvergewaltigungen Schlagzeilen. Auffallend ist, dass es die Täter oft nicht dabei belassen, die Frauen zu vergewaltigen, sondern sie auch grausam verstümmeln oder sogar ermorden.

In der Tat erscheint sexuelle Gewalt vor allem als Waffe, als Instrument zu Durchsetzung von Macht: Vergewaltigungen werden gezielt dazu benutzt, um Frauen oder bestimmte soziale Gruppen einzuschüchtern, zu demütigen und zu bestrafen. Lokale Politiker lassen Frauen schon mal von Schlägertrupps vergewaltigen, wenn ihre Familien "falsch" gewählt haben. Auf dem Lande lassen Angehörige höherer Kasten Frauen vergewaltigen, um untere Kasten zu disziplinieren. Oder Männer vergewaltigen Frauen, um ihnen zu zeigen, wer das Sagen hat.

Es sei das Recht der Männer, Frauen eine "Lektion zu erteilen", wenn diese sich schlecht benehmen, findet Mukesh Singh. Singh ist einer der sechs Vergewaltiger der Studentin Jyoti. Ihr "Vergehen": Sie war im Kino gewesen und war mit einem Freund um 21 Uhr in Delhi auf dem Heimweg. "Ein anständiges Mädchen treibt sich nicht um neun Uhr nachts herum" - Singh, der inzwischen zum Tode verurteilt wurde, spricht in einer BBC-Dokumentation mit unbewegter Miene in die Kamera. Er scheint nicht einmal zu begreifen, was für ein unfassbares Verbrechen er begangen hat. Wie die anderen fünf Täter ist Singh ein Armutsmigrant, ein Zuwanderer, der vom rückständigen Land mit seinem mittelalterlichen Denken in die Metropole Delhi kam.

Sein verstörendes Frauenbild ist keine Ausnahme. Viele Männer denken ähnlich. Nicht nur in Indien, auch in anderen Ländern. Frauen, die Sex vor der Ehe haben, die Alkohol trinken, die abends unterwegs sind, die enge Kleider tragen, sind Schlampen. Mit denen darf man alles tun. Sogar totschlagen, wenn sie sich wehren.

Doch viele junge Inderinnen der aufstrebenden, urbanen Mittelschicht rebellieren zusehends gegen die erstickenden Rollenkorsetts. Sie tragen Jeans und Miniröcke, gehen in Bars, feiern bis in die Morgenstunden und haben Freunde. Die Studentin Jyoti stand für diese neue Frauengeneration, die sich gegen die alten Zwänge auflehnt, die Männer wie Singh bei Bildung und Job abhängt und Respekt einfordert. Dies kollidiert mit dem Frauenbild von Männern wie Singh. "Sie hätte sich nicht wehren, sondern den Mund halten und die Vergewaltigung erlauben sollen", gibt er dem Opfer sogar die Schuld dafür, dass es zu Tode gefoltert wurde.

Zwar verschärfte Indien nach der Gräueltat von Delhi die Gesetze. Nun droht - wie schon bei Mord - auch bei Vergewaltigungen mit tödlicher Körperverletzung der Galgen. Nur läuft dies ins Leere: Die allermeisten Täter kommen ungeschoren davon, weil kaum jemand am Ende wirklich verurteilt wird. Vergeblich mahnen Juristen, dass Täter zügig und konsequent vor Gericht gestellt werden müssen, um einen Abschreckungseffekt zu erzielen. Denn weite Teile der Gesellschaft sehen Gewalt gegen Frauen weiter als Kavaliersdelikt. Viele Politiker haben Angst, ihre konservativen Wähler zu verärgern, wenn sie sich offen gegen sexuelle Gewalt wenden, und verniedlichen deshalb das Problem. Auch die Polizei deckt nicht selten die Täter.

Aktivisten machen sich wenig vor: Es werde nicht Jahre, sondern mindestens eine ganze Generation brauchen, dieses archaische Frauenbild zu ändern, meint die bekannte indische Frauenrechtlerin Ranjana Kumari. Dennoch markiert Jyoti Singhs grausamer Tod einen Wendepunkt: Erstmals gingen über Wochen Tausende auf die Straße, um mehr Sicherheit für Frauen einzufordern, um gegen die Gewalt zu protestieren. Und die Medien bezogen leidenschaftlich Stellung und stärkten den Opfern den Rücken. Dies zeigte Wirkung: Vor allem in Delhi schnellte die Zahl der Anzeigen wegen sexueller Delikte hoch - auch deshalb, weil mehr Frauen den Mut hatten, das Schweigen zu brechen und zur Polizei zu gehen.

Quelle: RP
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