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Williamstown
Die Arche Noah steht jetzt in Kentucky

Williamstown. Eine Gruppe bibeltreuer Christen hat das alttestamentarische Schiff in den USA nachgebaut. Als Zeichen - und als Riesengeschäft. Von Frank Herrmann

Ken Ham findet, dass man durchaus von einem Weltwunder sprechen kann, von einem modernen Weltwunder. "Außer Noah hat niemand so etwas gebaut", sagt er und rückt seinen weißen Bauarbeiterhelm zurecht, um voller Besitzerstolz fürs Foto zu posieren. Hinter ihm schimmert ein blass-beiger Koloss aus Holz, so lang wie anderthalb Fußballfelder, so hoch wie ein Haus mit sieben Stockwerken. Es ist ein Schiff, das nicht ablegen wird, gebaut nach den Vorgaben der Bibel. Ham, ein 64-Jähriger mit grauem Stoppelbart und den Gesichtszügen eines Asketen, wartet in der Arche Noah nicht auf die Sintflut, sondern auf Besucher, auf 1,4 Millionen im Jahr, zwei Millionen, wenn es gut läuft. Die Zahlen haben Tourismusexperten in seinem Auftrag prognostiziert.

Es ist über 30 Jahre her, da verspürte der einstige Biologielehrer den dringenden Wunsch, ein Museum der Schöpfungsgeschichte zu gründen. Den hat er sich erfüllt, nicht in seiner australischen Heimat, sondern in den USA, in die er übersiedelte, als noch Ronald Reagan im Weißen Haus residierte.

In seinem "Kreationsmuseum", 2007 im Norden des Bundesstaates Kentucky eingeweiht, hält Adam ein Lamm im Arm, während Eva im Garten Eden zarte Seerosen pflückt und ein Tyrannosaurus Rex brav mit dem Schwanz wedelt. Die Skulpturen sollen illustrieren, wie Hams Gruppe fundamentaler Christen die Sache sieht. "Answers in Genesis" ("Antworten in der Genesis") versteht sich als Kirche der Kreationisten, genauer: der Junge-Erde-Kreationisten, nach deren Überzeugung die Erde nicht älter als 6000 Jahre ist, erschaffen von Gott in sechs Arbeitstagen zu je 24 Stunden. Menschen und Dinosaurier waren Zeitgenossen, steht in den Büchern und Broschüren, deren Leserkreis vor allem aus "Home Schoolers" besteht, aus Eltern, die ihre Kinder zu Hause unterrichten, damit sie in der Biologieklasse nicht mit Darwins Evolutionstheorie konfrontiert werden.

Vor ungefähr 4000 Jahren wurde der Planet dann von einer verheerenden Flut heimgesucht, so dass Noah ein Schiff zimmern musste, um sich, seine Familie und das Getier vor dem Ertrinken zu retten. So steht es in der Bibel, und was in der Bibel steht, nimmt man bei "Answers in Genesis" wörtlich. Um die Worte zu untermauern, ließ die Sekte einen gewaltigen Kasten aus Holz in die grünen Hügel von Williamstown in Kentucky setzen.

Tonnenweise Fichtenbäume aus Utah und Oregon hat man verarbeitet, die Außenhaut ist aus besonders wetterbeständiger, neuseeländischer Kiefer. Noah, lebensgroß mit antiker Schreibfeder unter antiken Vasen sitzend, kann sprechen, das heißt, er gibt Antworten auf den überschaubaren Fragenkatalog eines Computers. Ken Ham hat nichts dagegen, wenn man seinen alttestamentarischen Erlebnispark mit Disneyland vergleicht. "Das wird größer als Disney, größer als Hollywood", schwärmt er: Neben der Arche soll irgendwann der Turm von Babel thronen, dazu ein orientalisches Dorf, wie es vor Christi Geburt ausgesehen haben könnte.

Den Museen der säkularen Welt, sagt Ham, wolle er etwas entgegensetzen: "Wenn die säkulare Welt christliche Symbole aus der Öffentlichkeit verbannt, wollen wir mit etwas dagegenhalten, worüber die Öffentlichkeit redet." Kentucky, fügt er hinzu, sei der ideale Standort dafür. Nicht nur, weil der Staat zum "Bible Belt" zählt, dem Bibelgürtel, der sich von Texas bis South Carolina quer durch den Süden zieht, sondern auch wegen seiner zentralen Lage. Zwei Drittel der US-Bevölkerung bräuchten im Auto maximal einen Tag zur Arche, sagt Ham, nun ganz der kühl kalkulierende Geschäftsmann.

Zwar ist wissenschaftlich untermauert, dass die Erde vor mehreren Milliarden Jahren entstand. Zwar sind die Junge-Erde-Kreationisten auch unter Amerikas Christen klar in der Minderheit. Doch Ham scheint allein schon daran Gefallen zu finden, dass er im Rampenlicht steht. Vor zwei Jahren debattierte er in seinem Kreationsmuseum mit Bill Nye, einem früheren Flugzeug-Ingenieur, den seine Landsleute seit einer Serie populärer Fernsehauftritte den "Science Guy" nennen, den Wissenschaftsburschen. Der Science Guy gewann das Duell so klar, dass das Publikum fast schon Mitleid hatte mit seinem Widerpart. Mit mildem Spott fragte Nye, wie ein nachweislich über 9000 Jahre alter Baum in Schweden die Sintflut wohl überlebt haben konnte. Oder warum es in Asien nie Kängurus gab - man müsste dort doch zumindest fossile Spuren finden, wenn es stimme, dass die Tiere von Noahs Arche, der Legende nach gestrandet auf dem Berg Ararat, über eine Landbrücke nach Australien gelangten. Ham konterte ausdauernd unter Verweis auf höhere Autoritäten: "Sie waren nicht dabei, ich war nicht dabei, Gott ist der einzige Zeuge."

Zurück zur Arche. Ham drängt zur Eile, er muss sich um seine Stifter kümmern, um die Großzügigsten unter 43.000 Spendern, die insgesamt 38 Millionen Dollar für den Bau lockergemacht haben. An seiner Stelle führt Mark Looy, ein Kalifornier mit sonnigem Gemüt, die Reporter die breiten Rampen im Innern der Arche hinauf, und dabei streut er Sätze ein, die so griffig klingen wie Werbeslogans: "Wie hätte natürliche Auslese die genetische Plattform für etwas so Wunderbares wie das menschliche Hirn schaffen können?" - "Hätte sich Gott wirklich etwas derart Grausames einfallen lassen wie das Prinzip, nach dem nur die Stärksten überleben?" Im Übrigen wisse man ja nicht mal genau, wie die alten Ägypter die Pyramiden auftürmten, meint Looy. Warum also sollte es ein Genie wie Noah nicht fertiggebracht haben, die Arche zu zimmern?

Augenblicke später kehrt er, genau wie Ham, den kühl kalkulierenden Unternehmer heraus. Erzählt von Anleihen, die Anleger kauften, um den Rest der Baukosten von 102 Millionen Dollar zu finanzieren, von den sechs Prozent, die solche Papiere durchschnittlich pro Jahr bringen. Wenn man so will, ist Looy der gelehrigste Schüler Ken Hams. Er hat Geschichte studiert und den Australier kennengelernt, als er ihn 1982 für einen christlichen Radiosender interviewte. Damals glaubte Looy noch, dass Darwin recht hatte. Heute ist er Hams rechte Hand.

"Nun ja, die Nägel", sagt er und redet von Kompromissen. Es ist eben doch nicht so einfach, im 21. Jahrhundert ein Schiff nach biblischen Standards zu bauen. Eigentlich wollten die Kreationisten nichts aus Metall verwenden, keinen Nagel, keine Schraube, keinen Bolzen. Damit scheiterten sie an den Bauvorschriften. Außerdem bestand die Baubehörde auf Klimaanlagen, auf Toiletten, auf einer breiten Fluchttreppe. Und die Fauna beschränkt sich auf ein paar ausgestopfte Exemplare in robusten Käfigen, auf Bären, Flusspferde, Ur-Giraffen mit kurzen Hälsen. Im Grunde lässt die Arche an eine Mustermesse der Holzindustrie denken, ergänzt um ein paar eher dürftige Exponate.

Dann wären da noch die Kontroversen, über die sie bei "Answers in Genesis" reden wie über biblische Plagen. Wer auf Noahs Schiff dauerhaft Arbeit finden wollte, musste unterschreiben, dass er weder die kreationistische Lesart des Christentums ablehnt noch homosexuell ist. Als es Proteste hagelte, zog Kentucky seine Zusage für Steuernachlässe in Höhe von 18 Millionen Dollar zurück. Im Januar entschied ein Richter, dass Touristenattraktionen auch dann steuerlich zu begünstigen sind, wenn sie religiösen Zwecken dienen. Eine Gruppe von Freidenkern aus Kentucky, Indiana und Ohio charakterisiert das Schiff als Kirche, die Wissenschaftsanalphabeten heranziehe. Bill Nye, der Science Guy, warnt vor Wettbewerbsnachteilen für das Land.

Natürlich stellt sich die Frage, was denn nun bewiesen wird mit einem Schiff, das nicht seetüchtig ist. Auch darauf hat Ken Ham eine schnelle, wie einstudiert klingende Antwort parat: "Die Welt wird nie wieder eine Sintflut erleben. Also brauchten wir die Arche auch nicht so zu bauen, dass sie schwimmen kann."

Quelle: RP
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