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Kolumne Berliner Republik
Die deutsche Angst ist wieder da

Kolumne Berliner Republik: Die deutsche Angst ist wieder da
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Berlin. Wegen ihrer Zögerlichkeit sind die Deutschen international oft als ängstlich belächelt worden. Das änderte sich mit der Flüchtlingseuphorie. Doch nun folgt erneut ein Schwenk. Von Eva Quadbeck

Im angelsächsischen Sprachraum gibt es den geflügelten Ausdruck "German Angst". Damit bezeichnen unsere britischen und amerikanischen Freunde eine von ihnen als typisch deutsch wahrgenommene kollektive Angststörung ihrer Verbündeten, wenn es um Verantwortung in der Welt, innere Sicherheit oder auch lockere Währungspolitik geht. Die Deutschen gehen gerne auf Nummer sicher.

Vor einem Jahr im Sommer war alles anders. Von deutscher Zögerlichkeit, die sonst von der Regierungschefin selbst angeführt wurde, konnte keine Rede mehr sein. Die Mehrheit rief "Flüchtlinge willkommen", ohne die Folgen zu bedenken. Im Ausland rieb man sich die Augen. Niemand sprach mehr von "German Angst", viele rühmten unsere Menschlichkeit, andere attestierten den Deutschen nun, sie seien ein "Hippie-Volk" geworden. Die heitere Unbekümmertheit, mit der die Flüchtlinge Ende August und Anfang September 2015 in Deutschland begrüßt wurden, konnte diesen Eindruck jedenfalls nicht widerlegen.

Heute, ein Jahr nach der historischen Entscheidung, die in Ungarn festsitzenden Flüchtlinge aufzunehmen und auch danach nicht konsequent zum Dublin-Verfahren zurückzukehren, ist sie wieder zurück, die deutsche Angst. Gründe dafür gibt es viele: Die Integration der Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt läuft schleppend, die Kölner Silvesternacht lag jenseits unserer Vorstellungskraft, die Terrorakte von Ansbach und Würzburg haben der Befürchtung, dass mit den Flüchtlingen auch IS-Sympathisanten ins Land kommen können, Gewissheit gegeben.

Es ist Zeit, den Schwenk von einem Extrem wie der Flüchtlingseuphorie ins andere wie einer sich nun anbahnenden Flüchtlingshysterie ein Ende zu setzen. Nach über 70 Jahren Demokratie sollte sich eine Nation nicht mehr pubertär benehmen. In der Flüchtlingskrise im vergangenen Jahr sind viele Fehler gemacht worden. Viel früher hätten wir einen nüchternen Blick auf diejenigen richten müssen, die zu uns strömen. Aus diesen Fehlern sollten wir lernen, ohne aus Angst gleich neue zu begehen.

Je größer die allgemeine Sorge und Ablehnung gegen die angekommenen Flüchtlinge wird, desto mehr wächst auch die Gefahr einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung von misslingender Integration und eskalierender religiöser Auseinandersetzung. Die innere Sicherheit muss ausgebaut werden - aber bitte mit Augenmaß. Ohne gelingende Integration kann kein Sicherheitskonzept der Welt aufgehen.

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