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Analyse
Die deutsche Angst vor dem Islam

Jeder zweite Deutsche hält den Islam für eine Bedrohung - auch weil die Zahl der gewaltbereiten Salafisten steigt. Innenminister Thomas de Maizière (CDU) will die Deutsche Islamkonferenz deshalb reformieren. Von Jasmin Buck

Düsseldorf Die Supermarktkassiererin in Berlin-Neukölln trägt ein Kopftuch. Eine Gruppe Frauen und Männer verteilt in der Duisburger Fußgängerzone Korane. Und die nächste Kölner Hinterhofmoschee weicht einem repräsentativen Bau. Kurzum: Der Islam gehört zur Lebenswirklichkeit der Deutschen. Das hat auch Innenminister Thomas de Maizière erkannt. Der CDU-Politiker ist rund drei Monate im Amt - und hat den festgefahrenen Beziehungen des Staates zu den islamischen Religionsgemeinschaften eine neue Dynamik verliehen. Er will den muslimischen Verbänden mehr Möglichkeiten der Mitgestaltung geben und die Deutsche Islamkonferenz, 2006 vom damaligen Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble ins Leben gerufen, reformieren. Denn die Skepsis gegenüber dem Islam ist in Deutschland viel stärker ausgeprägt als in anderen europäischen Ländern.

"Der Satz, der Islam gehöre zu Deutschland, geht völlig am Empfinden der Deutschen vorbei", sagt Detlef Pollack. Der Soziologe muss es wissen: Er leitete eine Studie des Exzellenzclusters "Religion und Politik" an der Universität Münster - und befragte in Zusammenarbeit mit dem Meinungsforschungsinstitut Emnid je 1000 Menschen in Ost- und Westdeutschland, in Dänemark, Frankreich, den Niederlanden und Portugal zu ihren Einstellungen zum Islam. Das Ergebnis: Im Vergleich mit den europäischen Nachbarn herrscht in Deutschland ein intoleranteres Verständnis gegenüber fremden Religionen. 40 Prozent der Westdeutschen und 50 Prozent der Ostdeutschen fühlen sich der Studie zufolge vom Islam bedroht. Weniger als 30 Prozent der befragten Westdeutschen befürworten den Bau von Moscheen. "Die Angst vor dem Islam ist bei vielen Deutschen nach wie vor groß", sagt Pollack.

Immer mehr Sozialforscher warnen vor dem Misstrauen gegenüber Muslimen. Über zehn Jahre hinweg hat die Universität Bielefeld eine Umfrage durchgeführt, in der es um die verschiedenen Facetten von Menschenfeindlichkeit ging. Thematisiert wurde auch der Islam. Fazit: Die Angst vor dieser Religion ist in Deutschland relativ weit verbreitet. Nur 19 Prozent der Deutschen sind der Meinung, der Islam passe gut zur deutschen Kultur. "Das ist die geringste Zustimmung in Europa, die wir vorgefunden haben", sagt der Sozialpsychologe Andreas Zick, der die Studie mit ausgewertet hat. 46 Prozent aller Deutschen hätten Überfremdungsängste, bei rund 30 Prozent seien spezifische Ängste vorhanden - etwa vor Terroranschlägen. Woran das liegt? Nach dem Angriff auf das World Trade Center am 11. September 2001 hätten sich Stereotype - also Meinungen über bestimmte Eigenschaften von Muslimen - in der Gesellschaft fest verankert, sagt Zick. Auch in den Jahren danach stieg die Islamfeindlichkeit erheblich, wie eine Studie des Instituts für Demoskopie Allensbach zeigte: Dass der Islam von Fanatismus geprägt sei, meinten im Jahr 2004 bereits 75 Prozent der befragten Deutschen. Zwei Jahre später waren es 86 Prozent. Das Christentum hingegen verbanden 83 Prozent der Befragten mit Nächstenliebe und 65 Prozent mit Friedfertigkeit. Jüngste Erkenntnis nach Allensbach: Neun von zehn Deutschen denken beim Stichwort "Islam" an "Unterdrückung der Frauen". Und auch beim aktuellen Religionsmonitor der Bertelsmann-Stiftung aus dem Jahr 2013 bewerteten die rund 14 000 Befragten in 13 Ländern den Hinduismus, das Judentum und den Buddhismus deutlich positiver als den Islam. "Es gibt nach wie vor viele Deutsche, die diese Religion mit Terror, der Scharia und einer fremden Welt, die nicht zu Deutschland passt, verbinden. Solange diese Vorurteile existieren, wird die Integration in unserem Land ausgebremst", sagt Andreas Zick.

Dabei leben zurzeit etwa 4,2 Millionen Muslime in der Bundesrepublik, knapp die Hälfte besitzt die deutsche Staatsangehörigkeit. Laut Verfassungsschützern können weniger als zwei Prozent von ihnen dem islamistischen Spektrum zugeordnet werden. NRW gilt dabei als Hochburg des Salafismus in Deutschland. Waren es Ende 2013 noch rund 1500 Islamisten, die als gefährlich eingestuft wurden, sind es mittlerweile rund 1800 - ein beachtlicher Anstieg um 20 Prozent.

Häufig wird diese vermeintlich kleine Gruppierung mit der religiösen Radikalisierung von Jugendlichen, Koranverteilungen und gewaltsamen Ausschreitungen in Verbindung gebracht. "Der öffentliche Diskurs ist zu eingeengt auf das Thema Gewalt", kritisiert Aiman Mazyek, Vorsitzender des Zentralrats der Muslime in Deutschland (ZMD). Oft werde nicht genau zwischen Religion und Extremismus unterschieden. Auch deshalb hofft Mazyek, Sohn eines syrischen Vaters und einer deutschen Mutter, auf neue Akzente bei der Islamkonferenz, die im Herbst stattfinden soll.

De Maizière hat dafür einen Lenkungsausschuss mit Vertretern aus Bund, Ländern und Kommunen und neun muslimischen Verbänden ins Leben gerufen. Er soll ein- bis zweimal pro Jahr tagen. In einem ersten Schritt soll beraten werden, ob und wie ein muslimischer Wohlfahrtsverband nach dem Vorbild von Diakonie oder Caritas gegründet werden kann, um Leistungen wie Kinderbetreuung oder Altenpflege für Muslime besser zu organisieren. Anschließend will die Runde über muslimische Seelsorge in Gefängnissen, Kliniken und bei der Bundeswehr beraten, ebenso über Bestattungen für Muslime und religiöse Feiertage. Pollack hält auch einen konstruktiven Umgang mit Ängsten für sinnvoll: "Die Aufklärungs- und Bildungsarbeit ist ebenso wichtig wie Kontakte zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft und Religion."

Zentralrats-Chef Mazyek sieht hingegen Anlass zu Selbstkritik: "Die Muslime sollten jetzt noch mehr die Ärmel hochkrempeln und zeigen, dass sie zu Deutschland stehen." Wer den Islam pauschal für fanatisch, intolerant und undemokratisch halte, hat laut Mazyek keine Angst - sondern Vorurteile.

Quelle: RP
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