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Düsseldorf
Die Digitalisierung radiert Berufe aus

Düsseldorf. Im Rennen Mensch gegen Maschine ziehen vor allem Beschäftigte in den Fertigungsberufen den Kürzeren. Helfer und Fachkräfte müssen damit rechnen, dass Computer ihre Aufgaben übernehmen. Von Maximilian Plück

Im September 2013 ließen zwei Wissenschaftler der Elite-Universität Oxford eine sprichwörtliche Bombe platzen, deren Erschütterungen bis heute spürbar sind. Carl Benedikt Frey und Michael Osborne veröffentlichten ein 72 Seiten starkes Papier mit dem Titel "Die Zukunft der Arbeit - wie anfällig sind Jobs für die Digitalisierung?" Die Autoren kamen darin zu einem erschreckenden Befund: Schon zum damaligen Zeitpunkt arbeiteten 47 Prozent der US-Arbeitnehmer in Berufen, die in den kommenden zehn bis 20 Jahren von Computern und Algorithmen übernommen werden könnten. Automatisierungswahrscheinlichkeit lautet der Fachausdruck.

Die Beschäftigten rund um den Globus konnten bei Frey und Osborne schwarz auf weiß nachlesen, mit welcher Wahrscheinlichkeit ein US-Kollege auf einer vergleichbaren Stelle um seinen Job bangen musste - sei es der Bäcker (89 Prozent), der Masseur (54 Prozent) oder der Jurist (3,5 Prozent). Die beiden Autoren schrieben, dass viele Beschäftigte aufgrund der rasanten Entwicklung in Sachen Speicherkapazität, künstlicher Intelligenz und Robotik schlechte Karten im Rennen Mensch gegen Maschine hätten. Die Diskussion gewann an Fahrt. Die Industriegewerkschaften sahen sich plötzlich mit verunsicherten Mitgliedern und deren Abstiegsängsten konfrontiert.

Schrecklich schöne, neue Digital-Welt also? Mitnichten. Schließlich werden durch die Digitalisierung nicht nur Jobs ausradiert. Es kommen auch neue hinzu: einerseits durch den Bedarf an Fachkräften, die die neue Technologie herstellen, installieren und warten; andererseits mittelbar als Folge sinkender Kosten. Denn Produkte können dank der Automatisierung günstiger hergestellt werden. Sinkende Preise können wiederum die Nachfrage befeuern, und um dieser Herr zu werden, steigt die Arbeitsnachfrage der Firmen.

Christiane Schönefeld, Leiterin der NRW-Regionaldirektion der Bundesagentur für Arbeit (BA), kritisiert, die Studie von Frey und Osborne habe zu Panik in unseren Breitengraden geführt. Frey und Osborne ließen sich nicht einfach so auf hiesige Gefilde übertragen. "In Deutschland haben wir es mit einem anderen Arbeitsmarkt zu tun als in den USA", heißt es beim Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), der Forschungseinrichtung der BA. So seien in den Vereinigten Staaten mehr Akademiker und Führungskräfte, in Deutschland hingegen mehr Bürokräfte und Handwerker beschäftigt. Hinzu kämen Unterschiede im Ausbildungssystem - etwa die duale Ausbildung samt ihrer Weiterqualifizierungsmöglichkeiten zum Meister oder Techniker.

Aus diesem Grund hat das IAB inzwischen eine eigene Studie angefertigt und diese auch speziell auf Nordrhein-Westfalen heruntergebrochen. Für ihre Untersuchung betrachteten die Forscher 3900 Berufe und wie hoch dort der Anteil von Routine-Tätigkeiten ist. Diese könnten komplett von einem Computer oder einer computergesteuerten Maschine ausgeführt werden. Das gilt etwa für Kalkulationen, Buchhaltung, Textkorrekturen oder das Messen von Temperaturen, Längen oder Höhen sowie das Sortieren von Bauteilen. Das Ergebnis: 15,6 Prozent der betrachteten Berufe in NRW ließen sich schon heute zu mehr als 70 Prozent von Maschinen ausführen (bundesweit waren es 14,9 Prozent) und sind damit vom Aussterben bedroht. In 44,8 Prozent der Berufe fielen maschinell ersetzbare Tätigkeiten zwischen 30 und 70 Prozent an (bundesweit 44,4 Prozent). In 39,6 Prozent ließen sich null bis 30 Prozent der Tätigkeiten von Computern oder Robotern ausführen - sie sind also vergleichsweise sicher (bundesweit 40,7 Prozent).

Besonders viele Tätigkeiten könnten die Maschinen im Bereich der Fertigungsberufe (73,6 Prozent) übernehmen, also in der Industrie. In den fertigungstechnischen Berufen - beispielsweise im Maschinen- und Anlagenbau - sind 65,1 Prozent der Aufgaben mühelos ersetzbar. Nur zu einem geringen Teil betrifft das dagegen Tätigkeiten in den sozialen und kulturellen Dienstleistungsberufen (7,3 Prozent). Auch Jobs aus dem Sicherheitssektor (12,5 Prozent), dem Reinigungsbereich (22,3 Prozent) und aus der Gesundheitsbranche (22,3 Prozent) lassen sich nur in geringem Umfang von Computern ausführen.

Unterschiede gibt es nicht nur nach Berufssegmenten, sondern auch geografisch: Dramatisch sieht es etwa im Bergischen Land aus. In Solingen, Remscheid und dem Oberbergischen Kreis könnte schon heute ein Viertel aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten nahezu komplett ersetzt werden. Nur in Südwestfalen - im Herzen der Automobilzuliefer-Industrie - ist die Lage noch angespannter. Olpe kommt auf einen Wert von knapp einem Drittel aller dort sozialversicherungspflichtig Beschäftigten.

Der angesichts des Fachkräftemangels vielfach vorgebrachte Hinweis, Fachkräfte müssten sich keine Sorgen machen, ist übrigens eine Fehleinschätzung: "Die Fachkräfte wähnen sich vielfach noch auf einer Insel der Glückseligen - nach dem Motto: Uns trifft es ja aufgrund unserer guten Ausbildung nicht. Das ist aber ein Trugschluss", sagt Frank Bauer, Forscher am IAB: Bei der prozentualen Betrachtung liegen zwar die Helfer mit einer Ersetzbarkeit von 22,1 Prozent klar vorne. Allerdings wären es bei den Fachkräften auch 17,5 Prozent. Und da diese in absoluten Zahlen die deutlich größere Gruppe ausmachen, wären sie auch stärker betroffen: 664.000 Fachkräfte müssten in NRW bei einer kompletten Digitalisierung der Abläufe um ihren Job bangen, bei den Helfern wären es 219.000. Hochschulabsolventen müssen sich im Übrigen am wenigsten Gedanken machen: Gerade einmal 0,1 Prozent von ihnen sind von der Konkurrenz der Maschinen bedroht.

"Trotz all dieser Zahlen werden nur in seltenen Fällen ganze Berufe wegfallen", sagt Christiane Schönefeld: "Weil es sich nicht um eine schlagartige Revolution, sondern um einen schrittweisen Wandel handelt, werden sich die Berufsbilder Schritt für Schritt auch anpassen." Die Chefin der Regionaldirektion fordert aber ein Umdenken beim Thema Qualifizierung. Unternehmer und auch die Kammern müssten den Beschäftigten die nötigen Freiräume schaffen, damit sich diese fortbilden könnten, um nicht am Ende doch Verlierer der Digitalisierung zu werden.

Quelle: RP
 
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