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Wörtlich Papst Benedikt Xvi.
"Die Entchristlichung geht weiter"

Der emeritierte Papst sprach mit dem Journalisten Peter Seewald über sein Pontifikat und die Zukunft der römisch-katholischen Kirche.

Rom (los) Über 20 Jahre hat der Münchner Journalist Peter Seewald den deutschen Theologen, Kardinal und späteren Papst Benedikt XVI. begleitet. Jetzt ist zum Abschluss ein Interviewband unter dem Titel "Letzte Gespräche" (Droemer Verlag, 288 Seiten, 19,99 Euro) erschienen, über den die Menschen sprechen und den wir hier mit einem längeren Auszug dokumentieren wollen.

Papst Benedikt, Sie haben schon in den 1950er Jahren einen enormen Glaubensverlust in großen Teilen Europas vorhergesagt. Das hat Ihnen den Ruf eines Pessimisten eingebracht. Heute sieht man, wie sich Ihre Vision von der "kleinen Kirche", die viele ihrer Privilegien verlieren, die bekämpft würde und um die sich im engeren Sinne immer weniger Gläubige scharen würden, bewahrheitet hat.

Benedikt In der Tat, ja. Ich würde sagen, die Entchristlichung geht weiter.

Wie sehen Sie heute die Zukunft des Christentums?

Benedikt Dass wir nicht mehr deckungsgleich mit der modernen Kultur sind, die christliche Grundgestalt nicht mehr bestimmend, das ist offenkundig. Heute leben wir in einer positivistischen und agnostischen Kultur, die sich gegenüber dem Christentum zunehmend als intolerant zeigt. Insofern wird die westliche Gesellschaft, jedenfalls in Europa, nicht einfach eine christliche Gesellschaft sein. Umso mehr werden sich die Glaubenden darum bemühen müssen, dass sie das Wertebewusstsein und das Lebensbewusstsein weiterhin formen und tragen. Wichtig wird eine entschiedenere Gläubigkeit der einzelnen Gemeinden und Ortskirchen. Die Verantwortung wird größer.

Sehen Sie sich als Papst als den letzten einer alten Ära oder als den ersten einer neuen?

Benedikt Ich würde sagen, zwischen den Zeiten.

Als eine Brücke, eine Art Verbindungsglied zwischen den Welten?

Benedikt Ich gehöre nicht mehr zur alten Welt, aber die neue ist auch noch nicht wirklich da.

Ist die Wahl von Papst Franziskus womöglich das äußere Zeichen für eine Zeitenwende? Beginnt mit ihm definitiv eine neue Ära?

Benedikt Die Zeiten-Einteilungen hat man immer erst später erkannt, dass da das Mittelalter beginnt oder dass da die Neuzeit beginnt. Erst im Nachhinein sieht man, wie die Bewegungen verlaufen sind. Insofern würde ich das jetzt so nicht zu sagen wagen. Aber dass die Kirche immer weiter aus dem alten europäischen Lebensgefüge heraustritt und insofern neue Gestalt annimmt und neue Formen in ihr leben, ist offenkundig. Vor allem sehen wir, wie die Entchristlichung Europas fortschreitet, dass in Europa das Christliche aus der Öffentlichkeitsgestalt immer mehr verschwindet. Insofern muss die Kirche eine neue Art der Präsenz finden, muss sich ihre Weise der Präsenz ändern. Es sind periodische Umschwünge im Gang. An welchem Punkt man aber genau sagen kann, da beginnt das eine, da das andere, das weiß man noch nicht.

Sie kennen die Prophezeiung des Malachias, der im Mittelalter mit einer Liste noch folgender Päpste auch ein Ende der Zeit - zumindest aber ein Ende der Kirche - vorhergesagt hat. Nach dieser Liste soll das Papsttum mit Ihrem Pontifikat enden. Ist das ein Thema für Sie, ob es nicht tatsächlich sein kann, dass Sie zumindest der letzte einer Reihe von Päpsten sind, wie man sie bisher gekannt hat?

Benedikt Alles kann sein. Wahrscheinlich ist diese Prophezeiung in den Kreisen um Philipp Neri entstanden. Und der wollte einfach gegenüber den Protestanten, die damals davon sprachen, dass das Papsttum nun am Ende ist, mit einer endlos langen Reihe noch kommender Päpste zeigen: Nein, es ist nicht am Ende. Aber daraus muss man nicht schließen, dass es wirklich dann aufhört. Seine Reihe war immer noch nicht lang genug.

Was mochten Sie am allerwenigsten an Ihrem Amt?

Benedikt Ich würde sagen, die vielen politischen Besuche. Es war dann konkret immer wieder auch schön, mit Staatschefs oder Botschaftern zu reden, weil man auch wirklich schöne Erfahrungen macht. Das sind meist wirklich Leute, auch wenn sie nicht Christen sind, von geistlichem Interesse. Aber irgendwie ist für mich der politische Teil der mühsamste gewesen.

Gibt es etwas, wo Sie mit sich selbst unzufrieden waren?

Benedikt Ja, sicher, zum Beispiel, dass ich nicht immer die Kraft hatte, die Katechesen so eindringend, so menschlich darzustellen wie möglich.

Sagen wir so: Ihre Rhetorik war sehr zurückhaltend. Vor allem, wenn Sie beim Vortrag kaum Blickkontakt herstellten und die Stimme etwas monoton klang. War das Absicht?

Benedikt Nein, nein. Da war ich einfach, das muss ich auch zugeben, oft nicht kraftvoll genug bei Stimme - und der Text noch nicht innerlich so angeeignet, so dass ich es hätte freier darbieten können. Es war sicher eine Schwäche. Und meine Stimme ist an sich schwach.

Aber Ihre Stärke ist doch eigentlich, meist fast druckreif reden zu können.

Benedikt Aber wenn man so viel und so oft reden muss, wie ein Papst es muss, ist man doch etwas überfordert.

Womit hätten Sie sich in Ihrem Leben gern mehr beschäftigt?

Benedikt Ich hätte natürlich gern wissenschaftlich mehr gearbeitet. "Offenbarung", "Schrift", "Überlieferung" und "Was ist Theologie als Wissenschaft" war der Themenkreis, den ich wissenschaftlich besser bearbeiten wollte; was ich nicht konnte. Aber ich bin trotzdem zufrieden mit dem anderen, was geworden ist. Der liebe Gott hat das andere gewollt. Das ist nun für mich dann offenbar das Richtige gewesen.

Verliert man nach so vielen Jahrzehnten aber nicht auch ein wenig das Zutrauen in die eigene Zunft, in die Kraft der Theologie und der Theologen? Wenn man sich fragt, was haben wir eigentlich erreicht?

Benedikt Die deutsche Universitätstheologie ist sicher in einer Krise und braucht neue Köpfe, braucht neue Energien, braucht eine neue Intensität des Glaubens. Aber die Theologie selbst ist immer neu unterwegs. Ich bin dem lieben Gott dankbar für das, was ich tun konnte, auch wenn ich es in seinen bescheidenen Maßen sehe, mehr als Gelegenheitsfrüchte, als pastoral-spirituelle Arbeiten. Was ich tun konnte, ist, wie gesagt, etwas anderes als das, was ich wollte - ich wollte mein Leben lang ein richtiger Professor sein -, aber nachträglich sehe ich, es war gut so.

Was sehen Sie als Ihre schwache Seite an?

Benedikt Vielleicht doch die klare, zielstrebige Regierungsführung und die Entscheidungen, die da zu fällen sind. Ich bin eben doch in der Hinsicht tatsächlich mehr Professor, jemand, der die geistigen Dinge überlegt und bedenkt. Das praktische Regieren ist nicht so meine Seite, und da, würde ich sagen, ist eine gewisse Schwäche.

In Ihrer Autobiographie ist häufig von "neuen Mühsalen" die Rede. Haben Sie das Gefühl, ein schweres Leben gehabt zu haben?

Benedikt Würde ich nicht sagen. Ich meine, es gab immer auch Schwieriges und Mühsames, aber so viel Schönes auch, dass ich nicht sagen würde, es war ein schweres Leben, nein.

Was ist es, was man im hohen Alter und insbesondere als Papst noch lernen kann?

Benedikt Tja, lernen kann man immer. Erstens muss man weiterhin lernen, was der Glaube uns sagt in dieser Zeit. Und man muss mehr Demut lernen, Einfachheit, Leidensbereitschaft und Mut zum Widerstand. Andererseits Offenheit und die Bereitschaft weiterzugehen.

Waren Sie als Papst nun ein Reformer, ein Bewahrer oder, wie Ihre Kritiker meinen, gar ein Gescheiterter?

Benedikt Als Gescheiterten kann ich mich nicht sehen. Ich habe acht Jahre meinen Dienst getan. Da war viel Schweres in der Zeit, wenn man etwa den Pädophilie-Skandal bedenkt, den blödsinnigen Fall Williamson oder eben auch Vatileaks. Aber im Ganzen war es doch auch eine Zeit, in der viele Menschen neu zum Glauben gefunden haben und eine große positive Bewegung da war.

Reformer oder Bewahrer?

Benedikt Man muss immer beides tun. Man muss erneuern, und insofern habe ich versucht, aus einem modernen Bedenken des Glaubens heraus vorwärtszuführen. Zugleich braucht es auch die Kontinuität, den Glauben nicht abreißen, nicht zerbrechen zu lassen.

Waren Sie denn gern Papst?

Benedikt (lacht) Nun, ich würde sagen, ich wusste, dass ich getragen bin, insofern bin ich für viele schöne Erlebnisse dankbar. Aber es war natürlich immer auch eine Last.

Quelle: RP
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