Die "Friends of Gerhard" wollen nach oben: Die FROG's kommen
zuletzt aktualisiert: 04.04.2001 - 09:58Berlin (RP). Führungsnachwuchs in der SPD buchstabiert sich mit N. N wie Netzwerk. Als Gerhard Schröder seine Schaltzentrale neu organisierte, holte er sich als Kanzleramtsminister einen Netzwerker: Hans Martin Bury. Als er flugs einen Nachfolger für den gestrauchelten Verkehrsminister Reinhard Klimmt brauchte, entschied er sich für einen Netzwerker: Kurt Bodewig. Und als er sich jüngst in Sachen "Führungsreserve erster Klasse" in die Karten schauen ließ, gab es dort im Überschwang der Gefühle nach den Stimmenzuwächsen in Baden-Württemberg vor allem einen Trumpf: Netzwerkerin Ute Vogt.
Anders als die legendären "FOB's", die "Friends of Bill", die ihre Sympathie für Bill Clinton entdeckten, als dieser US-Präsident geworden war, sind die "FROG's", die "Friends of Gerhard", nicht personenbezogen. Sie funken, ob Zufall oder nicht, zwar auf derselben Wellenlänge wie der Kanzler, wodurch der Empfang für wechselseitige Signale gesichert ist. Sie sind aber nicht um ihn herum gruppiert. "Wir sind keine Seilschaft, wir sind ein Diskussionsforum", sagt Hubertus Heil (28). Der SPD-Bundestagsabgeordnete aus Peine muss es wissen. Denn er hat das Netzwerk gegründet. Zusammen mit zwei anderen "Frischlingen" in der 1998 neu gewählten SPD-Fraktion: Kurt Bodewig (45) aus Grevenbroich und Hans-Peter Bartels (39) aus Kiel.
Die Drei suchten in der Fraktion "nach einem Ort, wo man mal über längere Linien diskutieren kann". Aber sie fanden ihn nicht. Nicht bei den Seeheimern, den konservativen Sozialdemokraten, nicht bei der PL, der Parlamentarischen Linken. So machten sie ihr eigenes Ding auf, organisierten Gespräche mit Experten, legten sich mit der "Berliner Republik" ein eigenes, inzwischen zweimonatlich erscheinendes Sprachrohr zu und trommelten Gleichgesinnte aus Bund, Ländern und Kommunen zu einem ersten Paukenschlag zusammen. Das Thema, schon im Herbst 1999 alles andere als bescheiden: "Aufbruch Berlin - zur Zukunft sozialdemokratischer Politik in Deutschland".
Damals schien es nur eine Stimme von vielen zu sein, die der SPD in ihrer desolaten Lage die Verheißung verkünden, die dem - sich von Wahlniederlage zu Wahlniederlage schleppenden - Kanzler den Ausweg weisen wollten. Bartels damals: "Unser Grundsatzprogramm ist das sozialdemokratische Schlussdokument der westdeutschen Bundesrepublik, das Manifest der durchgesetzten Hegemonie unserer Enkel-SPD, ein Zeugnis längst vergangenen Zeitgeistes."
Von Ritualen die Nase voll
Die 98er haben von den Ritualen der 68er die Nase voll. Sie machen das ideologische Brimborium nicht mehr mit, und sie fügen sich auch nicht in die altbekannten Formen gestanzter Politik. Bartels: "Auf die Frage nach unserem Programm, auf die Frage, was ist das Neue bei Euch, sagen wir: Moment noch." Politik mal anders.
"Wir treten nicht mit den 95 Thesen zu Wittenberg an oder mit den sechs Punkten von Berlin, wir haben erst einmal eine ganze Menge Fragen", erläutert Heil. Diese Fragen gelten zu allererst dem Ziel, der langfristigen Entwicklung. "Wir wollen sehen, wo wir hin wollen und uns nicht an Instrumenten verkämpfen," lautet das Grundprinzip. Pragmatische Problemlösung statt ideologische Wolkenschieberei. Ein Ansatz nach dem Geschmack des Kanzlers.
Immer wieder donnerstags setzen die Netzwerker an. Da diskutieren sie im Reichstag mit Experten über aktuelle oder spannende Fragen. Morgen geht es mit der Chefin der Medizin-Ethik-Enquetekommission, Margot von Renesse, um die Zukunft von Bio- und Genforschung. Die deutsch-russischen Beziehungen, die Rentenreform, das Holocaust-Gedenken, die Verkehrsflüsse der Zukunft. Das waren Themen in den letzten Wochen und Monaten. Und immer mehr kommen und diskutieren mit. Abgeordnete, Fraktionsmitarbeiter, Wissenschaftler, Menschen aus Wirtschaft und Kultur. Vor Monaten zählte der Kreis durchweg 60 bis 70 Köpfe. Jetzt sind es über hundert.
Vielleicht hat es auch damit zu tun, dass der Kanzler längst mit dem Netzwerk nach Personal fischt. Er lud die Netzwerker im Januar zu sich nach Hause ein, unterhielt sich intensiv mit Bodewig. Kurze Zeit später war Bodewig Minister. Netzwerker sind als Newcomer schon im Fraktionsvorstand gelandet: Rolf Stöckel (42) und Sebastian Edathy (31). Das schafft Frust in traditionellen Seilschaften. Aber deren Protest ist verhalten. "Es gehören immer zwei dazu - einer der's macht, und einer, der's mit sich machen lässt," sagt ein 68er der Fraktion. Aber nicht verbittert. Denn den 98ern gehört die Zukunft. Basta.
Die Partei hat die Vorteile des Netzwerkes begriffen. Derzeit bastelt Bundesgeschäftsführer Mathias Machnig an einem "Netzwerk 2010". Wie es genau funktionieren soll, wird noch nicht verraten. Nur soviel: Es gehe um "junge Menschen, die bei uns Zukunft haben". Potsdams Oberbürgermeister Matthias Platzek (47) gehört dazu und steht bei Schröder ebenfalls ganz oben auf der Liste möglicher neuer Minister.
Aber auch Niedersachsens Ministerpräsident Sigmar Gabriel (41) vergisst Schröder nicht. Dessen Karriere zeigt deutlich, dass es Schröder vor allem auf Talent und eigenständiges Denken ankommt. Denn gerade mit Gabriel war Schröder zu Zeiten, als er noch in Hannover regierte, derart heftig aneinander geraten, dass Gabriel türenknallend den Saal verließ - statt Ende der Karriere folgte die Berufung zum Fraktionschef. Und seit Gabriel auch noch Günter Glogowski im Amt des Regierungschefs nachfolgte, muss der CDU-Herausforderer sich umstellen. Christian Wulff wollte mit dem Charme des Jüngeren den Amtsinhaber verjagen. Pech gehabt: Gabriel ist drei Monate jünger als Wulff.
Von Gregor Mayntz
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