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Analyse
Die große Verschwörung

Essay Wir glauben, wir lebten in einer der aufgeklärtesten Gesellschaften. Irrtum: Viele im Land sind überzeugt, Opfer undurchschaubarer Mächte zu sein. Die Folge sind Wut und abgrundtiefes Misstrauen gegen Politik und Medien. Von Martin Bewerunge

"Der Zweifel ist der Weisheit Anfang." René Descartes (1596 - 1650), Philosoph und Mathematiker

Fragen sind ein starker Antrieb. Wer zweifelt, kommt voran. Das gilt für den Einzelnen und erst recht für freie, aufgeklärte Gesellschaften. Wo kein Zweifel aufkommen darf, wo Diktatur oder Fundamentalismus ihn verbietet, herrscht Stillstand.

Aber der Zweifel hat zwei Seiten, und vielleicht heißt er ja auch deshalb so. Der Zweifel begegnet uns neuerdings weniger als Ausgangspunkt für neugieriges, ergebnisoffenes Infragestellen des Vertrauten. Als kritisches Suchen nach Antworten, das Menschen antreibt, seit sie sich ihres Verstandes bewusst geworden sind: Stimmt es , was wir sehen: die Erde - eine Scheibe, um die sich die Sonne dreht?

Häufiger kommt der der Zweifel in diesen Tagen als dunkler Geselle daher: als schlimmer Verdacht, als Verdächtigung gar, als Pseudoskepsis, kurz: als jener Zweifel, von dem Goethe sagt, dass er "Gutes böse macht". Für solche, die an allem zweifeln, außer an sich selbst, steht das Ergebnis von Anfang an fest: Dass Menschen nie auf dem Mond waren, zählt zu den harmlosen Varianten. Dass die USA mittels Hochfrequenztechnologie Erdbeben oder Vulkanausbrüche erzeugen und Gedankenkontrolle ausüben, klingt schon schräger, ebenso die These der "Reichsbürgerbewegung", die Bundesrepublik sei illegal, eine kommissarische Reichsregierung herrsche über Deutschland in den Grenzen von 1937.

Oder die Verschwörungstheoretiker, die hinter den Kondensstreifen der Jets am Himmel das weltgrößte Geheimprogramm vermuten: "Chemtrails", Wolken von Chemikalien, die im Auftrag von Staaten versprüht werden, um das Klima zu ändern. Alles vergiftet!, hieß es zig-fach in den Kommentaren unter einem Gute-Laune-Herbstfoto, das die "Mitteldeutsche Zeitung" auf Facebook gepostet hatte. Darauf: bunte Blätter, blauer Himmel - und zwei Kondensstreifen. Wer sich bis hierher wenigstens ein müdes Lächen abringen konnte, dem vergeht es angesichts von Theorien noch kruderen Kalibers: Die USA haben die Twin Towers selbst pulverisiert, um einen Krieg gegen den Islam beginnen zu können. Die Militärmissionen im Irak und in Afghanistan, die Revolutionen in Syrien oder Libyen wurden angezettelt, um Europa durch Flüchtlingsströme zu destabilisieren.

"Unsere abendländische Heimat wird in ein Schlachtfeld verwandelt. Man wundert sich, woher die vielen Fremden so urplötzlich in dieser gewaltigen Masse herkommen. Wer gab grünes Licht, bzw. wer organisierte diese Ströme von Menschen? Oder soll es Zufall sein, dass sie sich zeitgleich besinnen, ihre Heimat zu verlassen?" Die das im August veröffentlichte, ist Eva Herman, einst bekannt als sachliche Sprecherin der "Tagesschau", heute eine der prominentesten Anhängerinnen von Verschwörungstheorien.

Egal, um was es geht - Verschwörungstheorien funktionieren stets nach demselben Schema: Hinter einem als bedrohlich empfundenen Phänomen werden dunkle Mächte vermutet, ein undurchschaubares, weltumspannendes Netzwerk. Das Verflixte an der Verschwörung ist, dass ein perfekt-perfides Kontrollsystem mächtiger Eliten verhindert, dass deren Machenschaften endlich öffentlich diskutiert werden. Statt dessen herrscht ein durch und durch manipulierter Konsens, transportiert von einer "Lügenpresse". Nichts anderes glauben viele, die es zu Pegida zieht.

"Verschwörungsängste und Realitätsbestreitung bilden den Nährboden für Verschwörungstheorien. Verkürzung, Vereinfachung, Verzerrung waren schon immer probate Mittel zur Deutung komplexer Phänomene", lautet der Befund von Paul Nolte, Professor für Neuere Geschichte an der Freien Universität Berlin. "Juden standen und stehen im Fokus obskurer Verdächtigungen, vermeintliche Hexen und Freimaurer wurden einst gejagt. Jetzt sind es die Eliten, denen zunehmend abgrundtiefes Misstrauen entgegenschlägt: die Politik, die Wirtschaft, die Medien", so Nolte im Gespräch mit unserer Redaktion. Heute trete dieses Misstrauen offener zutage als früher, als es im Dunstkreis der Stammtische blieb und sich nicht rasend in den sozialen Medien oder Internetforen verbreitete.

Verschwörungstheorien blühen, wo sich Menschen als Opfer fühlen. Oder wo man ihnen einredet, Opfer zu sein. Wie das funktioniert, hat Hitler vorgeführt: die Deutschen, Volk ohne Raum, gegen das sich das "Weltjudentum" verschworen hat. Auch Wladimir Putins Stärke beruht darauf, dass Millionen Russen seine Botschaft glauben, der Westen habe sich gegen sie verschworen. So etwas erzeugt den Rückhalt, den es braucht, um schamlos Völkerrecht zu brechen.

Wer Verschwörungstheorien in die Welt setzt, dem geht es um Macht. Und weil heute nicht nur die Möglichkeit der Verbreitung von Behauptungen gigantisch ist, sonden auch die Bereitschaft, diese ungeprüft zu übernehmen, haben Lügen, Fälschung und Hetze Hochkonjunktur. "Die Verschwörungstheorie kehrt die Beweislast einfach um: Zweifel an A werden als Beweis für B betrachtet", bringt es Sascha Lobo, Autor, Blogger, Journalist und sozusagen der Klassensprecher des Web 2.0, auf den Punkt.

Und so wird Jürgen Trittin bis heute im Internet immer wieder mit dem Satz zitiert: "Deutschland verschwindet jeden Tag immer mehr, und das finde ich einfach großartig." Gesagt hat das der Grünen-Politiker nie. Und so kursierte am Wochenende bei Facebook die Meldung, mehrere acht- bis zehnjährige Mädchen seien in Kleve von Flüchtlingen entführt und vergewaltigt worden. Frei erfunden. Die Klever Bürgermeisterin hat Anzeige erstattet, der Staatsschutz ermittelt.

So tauchte neulich im Netz ein Bild auf, das angeblich IS-Kämpfer zeigt, die sich unter Flüchtlinge gemischt hätten, und sich nun eine Prügelei mit der Polizei liefern. "Es fängt an", heißt es dazu unheilvoll. In Wahrheit war das Foto bereits 2012 entstanden, als in Solingen Salafisten Polizisten attackierten. Und auch die Aufnahme, die die angebliche Vermüllung einer ganzen Landschaft durch Flüchtlinge zeigt, stammt aus einem ganz anderen Kontext, wie der Verein "Mimikama" nachgewiesen hat, der hauptamtlich solchen Falschmeldungen nachgeht - und immer wieder Fälschungen entdeckt, mit denen die "Lügenpresse" einer beschönigenden Darstellungsweise der Flüchtlingsproblematik überführt werden soll.

Am Ende ist es wieder der Zweifel, der gegen Verschwörungstheorien hilft, die gesunde Skepsis, das kritische Nachfragen: Ist es wirklich das, was wir da sehen? Der Historiker Paul Nolte ist zuversichtlich: "Wir haben eine starke Zivilgesellschaft. Das hat sich gerade bei den Reaktionen auf das Attentat auf die Kölner OB-Kandidatin Henriette Reker gezeigt. Grundsätzlich sollte diese Zivilgesellschaft Courage zeigen, wann immer der Versuch unternommen wird, Verschwörungstheorien unters Volk zu bringen. Und natürlich müssen wir ganz genau hinsehen, wenn Misstrauen in offene Gewalt umschlägt, wie wir es mit fremdenfeindlichen Aktionen erleben."

Quelle: RP
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