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Korsakow
Die Heiden sind auf dem Vormarsch

Korsakow. In Russland zieht das vorchristliche Slawentum mit seinen Ritualen immer mehr Menschen in seinen Bann. Von Alexandre Sladkevich

Jelena (45) und Eduard (45) Losinskij aus Korsakow sind Vegetarier. Eduard fastet gelegentlich, wobei er auch mehrere Tage nichts trinkt. "Das fällt mir nicht schwer", sagt er. In ihrer Küche hängt ein Blatt mit dem altkyrillischen Alphabet, auf dem jeder Buchstabe seinen traditionellen Namen trägt. Jelena erzählt: "Die Slawen hatten ein Alphabet, das eine universelle Botschaft in sich barg. Aber die Christen haben es durch ihr ABC ersetzt, so ging die Botschaft verloren und viele Wörter wurden durch bedeutungslose ersetzt. Vorher hatten jeder Buchstabe und jede Silbe eine wichtige sakrale Bedeutung, sie besaßen Bildhaftigkeit. Dann wurde der gregorianische Kalender eingeführt und seitdem feierte man die Feste an falschen Tagen. Daher harmonieren sie nicht mit der Naturenergie. Urwissen wurde vernichtet." Das Ehepaar behauptet von sich, "in die slawische Tradition eingegangen" zu sein.

In Russland verstehen sich immer mehr Menschen nicht mehr als Russen, sondern als Slawen, also nicht als Christen, sondern als Heiden. Sie feiern Feste aus tiefster Vergangenheit und kleiden sich, wie man es nur von Figuren aus alten Märchenfilmen oder von Gemälden kennt. Sie tragen Amulette, deren Bedeutung kaum jemand kennt, und beten Götter an, deren Namen man aus den Kapiteln der Geschichtsbücher kennt, in denen von den Anfängen Russlands, der Rus, die Rede ist. Diese Menschen streben danach, eine vorchristliche Naturreligion wiederzubeleben, berufen sich auf die Glaubenswelt, Kultur und Mythologie der alten Slawen. Diese Neuheiden organisieren sich in Stämmen, erlernen altes Handwerk, erforschen und studieren Geschichte und Traditionen.

Die Losinskijs fahren in den Wald, um mit Gleichgesinnten den Tag des Iwan Kupala zu feiern, das heidnische Fest der Sommersonnenwende. Am Lagerfeuer sitzen nur etwa fünfzehn Menschen, "weil das Fest drei Tage lang gefeiert wird, und heute kommen nur diejenigen, die das gelbe rituelle Stirnband besitzen, und davon gibt es nicht viele auf Sachalin". Man sieht auch Koreaner. "Jeder, der Russisch spricht, dem der wahre, ursprüngliche Glaube und die Weltanschauung am Herzen liegen, ist in der Tradition willkommen", heißt es. Die Anwesenden hören Nadeja Titowa aufmerksam zu. Nadeja, die als Guru angesehen wird, erklärt, wie die Aussprache bestimmter Wörter "Mikro- und Makrokosmos verbinden". Gott habe die Welt erschaffen und den Menschen die altslawische Sprache gegeben, "als Mittel der Bindung und zum Schutz". Nach dieser Unterweisung leitet Nadeja Titowa den Festablauf.

Lagerfeuer werden am geheiligten Waldstück, am heiligen Hain, entzündet. Wer will, wirft Zettel ins Feuer, auf denen die Untugenden vermerkt sind, die man bekämpfen will. Jelena und einige andere erhalten eine weitere Initiierung, weil sie sich seit dem letzten Zusammentreffen spirituell weiterentwickelt haben. Nun können sie die Farbe ihrer Stirnbänder ändern. Es gibt Stufen in den Farben des Regenbogens. Die Anwesenden bilden einen Kreis um das Feuer und singen: "Der helle Glaube keimt in der Rus, wir preisen unsere Götter! Ruhm sei dem Stamm!" Die ersten springen über die Flammen. Es wird ein anderes Lied gesungen, dessen Refrain sehr bekannt ist. Er hat die Jahrhunderte überdauert: "Brenne, brenne hell und erlösche nicht!" Das "nicht" wird betont. Jelena erklärt das: "Nicht hat eine negative Bedeutung, die verbrennen muss." Später lässt man Kerzen im Fluss treiben, und schließlich schwimmt die Hälfte der Anwesenden bei Nacht im kalten Wasser. Den Höhepunkt bildet die traditionelle Farnsuche. Man glaubt, dass in dieser Nacht die Farne blühen. Wer eine Farnblume findet, bekommt magische Kräfte.

Swetlana Scherstobitowa (43), Journalistin aus Komsomolsk, war von der Teilnahme an der Iwan-Kupala-Feier so in den Bann geschlagen, dass sie schließlich auch über glühende Kohlen lief. "Es hat überhaupt nicht wehgetan!" Sie organisiert ein Treffen mit einem Stamm, der dem "Kreis des Gottes Veles" angehört, der auch Stämme aus der Ukraine und Weißrussland unter seinem Dach vereint.

Das wichtige heidnische Fest des Gottes Svarog fällt in diesem Jahr auf einen Werktag, an dem es stark regnen soll. Es sollte deswegen eigentlich an einem sonnigen Wochenende gefeiert werden, doch nun erklären sich die Stammesmitglieder bereit, es unverzüglich mit nur vier Teilnehmern in einem heiligen Hain zu präsentieren. Der runde Platz mit einer Feuerstelle in der Mitte ist mit Birkenstämmen und Zweigen begrenzt. Im Inneren stehen drei Pfähle, vor ihnen liegt Brot. Auf einem der Pfähle steckt ein Tierschädel. In die Pfähle sind die Namen von drei slawischen Göttern geritzt: Svarog, Perun und Veles. "Hier wird nie etwas beschädigt, weil sogar die Vandalen fühlen, dass es hier eine Energie gibt, und sie fürchten sich", erzählt Swetosar (32) lachend.

Das Fest beginnt damit, dass Igor (51) Fackeln am Zugang zum Hain anzündet. Swetosar schlägt die Schamanentrommel, Anton (39) begleitet ihn auf der Maultrommel. Alle verbeugen sich und betreten den Hain. Welimir (54) bläst sein Tierhorn in alle Himmelsrichtungen. Der Regen peitscht sie, das Feuer qualmt und zischt, brennt aber weiter. Sie umkreisen es. Das Glöckchen an Igors Gurt klingelt. Sie singen Lieder, preisen das Feuer, die Ahnen, die Mutter Erde und Svarog, der den Himmel geschmiedet hat. Die Männer strecken die Hände gen Himmel, rufen wiederholt Beschwörungen in Reimen: "Ruhm der russischen Erde, Ruhm der Rus! Ruhm den Stämmen, den Stammesangehörigen, die aufrecht leben, Ruhm den Slawen!"

Anton greift an einen Brotlaib, und die anderen legen ihre Hände darauf. Sie bilden einen Kreis um den Brotlaib und bleiben eine Weile reglos stehen. Als würden sie das Brot vor dem gnadenlosen Regen schützen. Später bekommt das Feuer den Laib als Futter. Man wirft ihn hinein. Igor gießt Kwass in eine Holzschale, alle trinken aus ihr und gießen einen Schluck auf die Erde. Schließlich verbeugen sie sich tief vor dem Feuer, füttern es erneut und verlassen nach etwa einer Stunde den Hain.

"Es ist schwer zu überblicken, wer zu unseren Festen kommt. Aber es gibt ein Gesetz: keine politischen Gespräche und keine Hetze", erzählt Swetosar. Das erwähnt er, weil es auch Neonazis gibt, die sich als Slawen bezeichnen. Welimir, ein Opferpriester, der Einzige, der an diesem Tag nicht barfuß läuft, fügt hinzu: "Es gibt weder heilige Schriften noch Schablonen, wie man sich an Gott wendet, man sagt das, was einem am Herzen liegt."

Man kann in manchen Städten Russlands slawische Amulette, Kräuter und Bücher kaufen. Ihre Kleidung stellen Männer und Frauen aber meist selbst her. "Ich gebe Kurse, wie man mit zwei Holzbrettchen Stoffe webt", erklärt Anton. "Ich lehre auch rituelle Spiele und verschiedene Reigen. Das Wissen habe ich aus alten Liedern und völkerkundlichen Dokumenten." Anfangs habe er dem Heidentum skeptisch gegenübergestanden. Doch dann habe er begriffen, dass es sich um Liebe zur Heimat handle. Anton erzählt, dass er einen neuen slawischen Namen annehmen möchte, wie es Swetosar und Welimir getan haben. Ein Ritual steht bevor, in dessen Verlauf er den neuen Namen erhalten wird. Auch Igor hat lange nach seinen Wurzeln gesucht: "Jeder sucht seinen Weg. Es ging mir auch so, bis ich auf das Heidentum gestoßen bin. Dann verstand ich: Das ist meins. Man kann dem Heimischen nicht entkommen!"

Quelle: RP
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