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Candida Höfer
Die Leer-Meisterin

Die Kölner Fotografin Candida Höfer dokumentiert menschenleere Räume, die zeitlos wirken und auf ihre Funktion beschränkt bleiben. Im Jubiläumsjahr fotografierte sie im Druckzentrum der Rheinischen Post. Von Lothar Schröder

Die erste Überraschung an diesem Tag - Candida Höfer zeigt wenig Interesse an dem, was uns wichtig ist. Der große Newsroom zum Beispiel voller Bildschirme auch an den Wänden. Doch die berühmte Fotografin - eine Becher-Schülerin - nimmt davon allenfalls höfliche Notiz. Ihre Neugier gilt den großen Hallen des Druckzentrums, gilt strukturierten Flächen - wie etwa der Wand mit scheinbar unspektakulären Postfächern.

Es war Anfang Januar, als Candida Höfer für einen Tag die Rheinische Post besuchte und mit ihrer Kamera Räume erkundete. Sie hat uns dabei auch das Sehen gelehrt, weil sie wichtig nahm, was uns geläufiger Alltag war und darum nebensächlich zu sein schien - wie das auf der Titelseite abgebildete Papierlager.

Doch so menschenleer wie auf dem Foto sind diese Produktionsstätten natürlich nicht. Sie werden es erst in der Inszenierung der Künstlerin. Alle Räume, die sie dokumentiert, sind keine sozialen Räume mehr. Höfer entleert solche Orte - und ist damit von allen großen Düsseldorfer Fotografen vielleicht ihren großen Lehrern, Bernd und Hilla Becher, am nächsten. Die Abwesenheit von Personen auf ihren späteren Bildern ist eine ikonografische Entscheidung. Mit ihr kommen die Funktionen der Räume zum Vorschein, aber wie eingefroren im Augenblick der Betrachtung. Diese Räume haben alles Soziale abgelegt; sie wirken manchmal verlassen, oft melancholisch. Weil dort, wo normalerweise viele Menschen ihre Arbeit tun, plötzlich Stille erfahrbar wird. Die Bilder der 72-jährigen Documenta-Teilnehmerin scheinen der Zeit enthoben zu sein. Vieles ruht an solchen Orten, die für Bewahrung stehen, nicht für Veränderung. Auch deshalb hat sie neben Stätten bürgerlicher Hochkultur immer wieder Archive und Bibliotheken fotografiert.

Candida Höfer hat uns durch die nüchterne Zentralperspektive ihrer Bilder an noch etwas anderes erinnert: an die fast vergessene und in der Moderne ohnehin nicht geschätzte Schönheit von Symmetrie. Ihre Strenge zwingt uns zur Konzentration und verführt uns zu einem neuen Blick auf Gewohntes.

Daran wollen wir auch unsere Leser teilhaben lassen und werden im Sommer weitere Fotos von Candida Höfer aus dem Druckzentrum der Rheinischen Post veröffentlichen.

Quelle: RP
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