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Die Lehren aus dem G 8-Debakel

Analyse: Die Lehren aus dem G 8-Debakel
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Düsseldorf. Das achtjährige Gymnasium in NRW in seiner bisherigen Form ist tot, das ist acht Monate vor der Wahl klar. Es ist ein Sieg der Emotion über die Vernunft. Für die Schulpolitik heißt das: große Ungewissheit - und eine große Chance. Von Frank Vollmer

Plötzlich, aber nicht unerwartet - so lässt sich das Aus für das bisherige System des achtjährigen Gymnasiums (G 8) in NRW beschreiben, das sich seit einer Woche abzeichnet. Ministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) tritt für eine Flexibilisierung der Schulzeit ein, die SPD für eine Verlängerung der Sekundarstufe I auf sechs Jahre mit Option für ein Abi in neun Jahren (G 9). Die FDP ist für Wahlfreiheit der Schulen, Piraten und AfD wollen G 9 zurück. Nur die CDU hat sich noch nicht positioniert. Klar ist aber: Das jetzige System mit G 8 als Monopol-Lösung hat keine Zukunft mehr. Das hat Folgen - sieben Erkenntnisse aus dem G 8-Debakel.

Lohn der Angst Lange hat in einer Debatte nicht mehr so klar Emotion über Vernunft gesiegt. Keine Seite hat empirisch das ultimative Argument für oder gegen G 8 vorlegen können (auch wenn beide das behaupten); Fazit nach einem Jahrzehnt ist: G 8 funktioniert, wenn es an den Schulen entschlossen umgesetzt wird. Die G 9-Kampagne erweckt aber gern den Eindruck, Vereinsleben und Volksgesundheit stünden ebenso vor dem Zusammenbruch wie die Familienstruktur in NRW, weil die Schule die Kinder völlig absorbiere. Das ist in dieser Pauschalität Unsinn, aber die Polemik wirkt, zumal die G 8-Befürworter kein zwingendes pädagogisches Argument anführen können. Die Mahnung, nicht schon wieder jahrelang das System umzukrempeln, wiegt zwar schwer, findet aber kein Gehör mehr.

Druck von unten Bis vor wenigen Monaten vertrat eine 90-Prozent-Mehrheit im Landtag - SPD, CDU, Grüne und FDP - die Devise, die beschlossenen Entlastungen bei G 8 wirken zu lassen und deren wissenschaftliche Bewertung abzuwarten, die nicht vor 2017 vorliegen wird. Doch die öffentliche Meinung, eine unerwartet erfolgreiche G 9-Volksinitiative und vor allem der Kurswechsel der Landeselternschaft im Frühjahr nach einer weiteren, für G 8 verheerenden Erhebung haben diesen Konsens pulverisiert. G 8 wie derzeit, auch mit Entlastungen, will plötzlich niemand mehr. Eingefleischte Kämpfer für G 9 bestätigt das in ihrer Verachtung des Parteienbetriebs. G 8 sei zwar vom Landtag beschlossen worden, befand dieser Tage der Kölner Bildungsforscher Matthias Burchardt, aber deshalb noch lange nicht "im Sinne einer öffentlichen Diskussion demokratisch legitimiert". Dass Nordrhein-Westfalen eine parlamentarische und eben keine direkte Demokratie ist - was stören solche Feinheiten, wenn der Holzhammer so gut in der Hand liegt?

Der Föderalismus funktioniert Kein G 9-Befürworter sollte sich je noch einmal abfällig über den Bildungsföderalismus äußern, also den Wettbewerb von 16 Schulsystemen in Deutschland, denn das wäre grober Undank. Dass der Nachbar Niedersachsen 2014 die Rückkehr zu G 9 ankündigte, hat der Debatte in Nordrhein-Westfalen erst wieder richtig Schwung gegeben. Die Ostländer, in denen G 8 seit Jahrzehnten funktioniert, sind räumlich wie mental offenbar zu weit weg, um die Diskussion in NRW entscheidend zu beeinflussen.

Löhrmann gegen Löhrmann Mit ihrem Vorschlag "Jedes Kind braucht seine Zeit" habe sie als grüne Spitzenkandidatin für die Landtagswahl gesprochen, betonte Löhrmann, nicht als Schulministerin. Eine absurde Vorstellung: als sei das Ministeramt ein Hut, den man an die Garderobe hängen kann. Tatsächlich aber ist - für die Grünen mehr noch als für die SPD - eine höchst heikle Situation entstanden: Sie müssen sich zügig, aber nicht zu radikal von einer Politik verabschieden, die sie sechs Jahre lang als Regierung vertreten haben.

Die SPD ist wieder da Dass ausgerechnet das Konzept der Sozialdemokraten das bisher interessanteste ist, ist daher umso bemerkenswerter und obendrein eine Überraschung - von allen Parteien ist die SPD seit 2010 schulpolitisch am blassesten geblieben. Ihr Vorschlag will eine Flexibilisierung mit einem grundsätzlichen Festhalten an G 8 verbinden, ohne den Schulen eine Grundsatzentscheidung aufzubürden. Unklar ist vor allem, wie viel Mehrarbeit das im Einzelnen für die Oberstufenschüler bedeutet und ob ein zweigleisiges System an allen Schulen praktikabel ist.

Runder Tisch in Trümmern Löhrmann hat mit ihrem hastigen Vorstoß das von ihr selbst einberufene Beratungsgremium düpiert. Ein neuer Konsens am runden Tisch ist praktisch ausgeschlossen - zu viele Konzepte liegen vor. Zwar hat sich Löhrmann mit den Erläuterungen zu ihrem Flexi-Vorschlag der SPD angenähert, aber ein gemeinsames rot-grünes Modell ist noch längst nicht in Sicht. Löhrmann steht beim G 8 vor den Trümmern ihrer Beteiligungsstrategie. Das muss man nicht schlimm finden - der runde Tisch ist schließlich kein Verfassungsorgan, und die Verbände sind ins parlamentarische Verfahren ohnehin eingebunden. Jetzt wird in der Landtagswahl auch die Gymnasialpolitik zur Abstimmung stehen. Gut so.

Und jetzt richtig Bei allem Chaos, das nun droht: In diesem politischen Wettersturz liegt auch eine Chance. Eine (völlige oder teilweise) Rückkehr zu G 9 dürfte die Gymnasien noch attraktiver machen; wenn sich aber die Wechselquoten der Viertklässler den 50 Prozent nähern, muss das Folgen für die Debatte über Rolle und Selbstverständnis des Gymnasiums haben. Zu überlegen ist zum Beispiel, ob die Gymnasien mehr Einfluss auf die Auswahl ihrer Schüler bekommen sollten und ob sich nicht das neunjährige Gymnasium wieder mehr als Vermittler eines Bildungskanons statt nur von Kompetenzen verstehen müsste. Und schließlich ist nach dem Rest des Schulsystems zu fragen. Wenn in der Formel "Gymnasium plus x" das x immer kleiner wird, muss neu über ein zweigliedriges System nachgedacht werden - hier das Gymnasium, dort eine weitere, integrierte Schulform. Das wäre die ganz große Lösung. Dazu bräuchte es viel Mut und einen neuen, möglichst breiten Schulfrieden. Eine Aufgabe, wie gemacht für die nächste Landesregierung.

Quelle: RP
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